Die Corona-Krise stellt jede/n Einzelne/n von uns, aber auch unsere Gesellschaft insgesamt vor große Herausforderungen und Belastungen. Dabei ist es aus Sicht der Sozial- und Verhaltensforschung interessant zu beobachten, wie Menschen mit dieser Ausnahmesituation umgehen. Einerseits, um mehr über die konkreten Belastungen und Auswirkungen der verordneten Verhaltensmaßnahmen zu erfahren, andererseits aber auch, um etwas über ähnliche gesamtgesellschaftliche Herausforderungen zu lernen, wie die anhaltende Klimakatastrophe.

Claus Lamm ist Professor für Biologische Psychologie an der Universität Wien und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). - © Universität Wien
Claus Lamm ist Professor für Biologische Psychologie an der Universität Wien und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). - © Universität Wien

Krisen und Katastrophen bringen nicht nur egoistische Charakterzüge und Verhaltensweisen im Menschen hervor, sondern führen auch in wesentlich größerem Ausmaß zu etwas, das in der wissenschaftlichen Literatur als "Katastrophen-Mitgefühl" umschrieben wird. Ein wesentlicher Grund für die Zunahme von Mitgefühl und prosozialem, helfendem Verhalten ist, dass uns gemeinsam erlebte Bedrohungen näher zusammenrücken lassen. Ein anderer ist, dass Mitgefühl und prosoziales Verhalten nicht nur bei Personen, denen geholfen wird, sondern auch bei den Helfenden förderliche Effekte haben kann. Dies ist durch die positiven Gefühle zu erklären, die helfendes Verhalten erzeugt, aber auch durch den Eindruck, durch konkrete und effektive Handlungen den Kontrollverlust, der mit einer Krise verbunden ist, zumindest subjektiv zu reduzieren.

In der Corona-Krise zeigt sich, dass die Betonung prosozialer Aspekte, also etwa seine Mitmenschen vor Ansteckung zu schützen, zu einer wesentlich besseren Einhaltung der Verhaltensbeschränkungen führte als die Betonung egoistischer Aspekte (also etwa sich selbst vor einer Ansteckung zu schützen).

Solche wissenschaftlich belegten Erkenntnisse sind von besonderer Relevanz, da es sich bei der Corona- und der Klimakrise um komplexe soziale Dilemmata handelt. Das sind Situationen, in denen der kollektive den individuellen Nutzen übersteigt, und von denen zudem bestimmte Gruppen unterschiedlich stark profitieren.

So ordnen wir uns in der Corona-Krise Einschränkungen unter, die für viele von uns primär den Schutz anderer, verletzlicherer Personen zum Ziel haben - und zwar auf Kosten der eigenen Freiheiten und Präferenzen. In der Klimakatastrophe finden wir eine ähnliche Situation vor, wobei hier die zeitliche Dimension hinzukommt. Wir müssen unser Konsumverhalten nachhaltiger gestalten, um die Generationen nach uns zu schützen.

Neben allen negativen Auswirkungen bietet daher die Corona-Krise die Chance, dass jede/r von uns individuell zur Lösung komplexer kollektiver Probleme beitragen kann. Diese Erfahrung gilt es auch im Kampf gegen die menschengemachte Klimakatastrophe zu nutzen. Hier genügt es ebenfalls nicht, wenn lediglich einige wenige sich an Verhaltensregeln zur Reduktion der Erderwärmung halten, sondern wir alle müssen unseren jeweiligen ökologischen Fußabdruck reduzieren. Die typisch menschlichen Eigenschaften Mitgefühl, Solidarität und die Fähigkeit, miteinander zu kooperieren, sind dabei Trumpfkarten.