Amerika, so sprach einst der große US-Außenpolitiker Henry Kissinger, habe keine Freunde, sondern Interessen. Wie sehr das stimmt - nicht nur für die USA, sondern für jeden Staat -, belegt der jüngste spektakuläre Friedensvertrag der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) mit Israel. Bei aller ritueller, quasi milieubedingter Kritik an Israel dürfte die Golf-Monarchie schon vor einiger Zeit erkannt haben, dass ein Ausgleich und eine wirtschaftliche, vielleicht einmal gar militärische Kooperation mit dem Judenstaat in ihrem nationalen Interesse sind. Auch ohne, dass Israel plötzlich zum Freund wird. Nicht nur, weil die ganze Region massiv vom schiitischen Iran bedroht wird, sondern vor allem, weil Israel als Partner den VAE, aber auch anderen arabischen Staaten wie Oman, Bahrain, Katar, Kuwait und vielleicht in fernerer Zukunft sogar Saudi-Arabien mit seinem Know-how, seinen intellektuellen und ökonomischen Ressourcen helfen kann, eine stabile nahöstliche Prosperitätszone jenseits des Erdöls zu errichten, eine Art Übermorgenland. Auch wenn das heute noch naiv klingen mag.

"Israel und die Golfstaaten könnten eine der wirtschaftlich stärksten Regionen der Welt bilden", meint Marc Schneier, ein Rabbiner, der die Golfstaaten berät. Es gereicht Europa nicht eben zur Ehre, dass dieser vielversprechende Prozess nicht von der EU orchestriert wurde, sondern von den fernen USA. Europas Rolle in Nahost beschränkt sich im Wesentlichen darauf, nach jeder kriegerischen Eruption in der Region wieder ein paar hunderttausend Migranten aufzunehmen, und das war’s. Ein überschaubar zufriedenstellender Zustand angesichts der Tatsache, dass der Nahe Osten Nachbar der EU ist.

Was das Problem der Europäer - oder ein Teil des Problems - ist, demonstrierte eher unfreiwillig Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn, der zwar keine Funktion in der EU mehr, aufgrund seiner 16-jährigen Amtszeit im Großherzogtum aber noch immer eine beachtete Stimme in Europa hat. Die VAE, so empörte er sich über den Friedensvertrag, "verraten ihre arabischen Brüder". Damit vertritt der Außenminister eines EU-Landes die gleiche Position wie Hamas oder Fatah - auf diese abgefahrene Idee muss man ein-
mal kommen. "Man kann Verwandte doch nicht einfach verkaufen um des schnöden wirtschaftlichen Vorteils wegen und für etwas mehr Sicherheit", belehrte der Luxemburger die Araber, als wäre er der oberste Hüter der Heiligtümer von Mekka.

Gewiss, Asselborn spricht nicht für die EU. Aber deren Anspruch, als ernsthafter Player wahrgenommen zu werden, wird von so abwegigen Positionen nicht eben gestärkt. Will Europa bei der sich nun abzeichnenden Neugestaltung in Nahost nicht nur kindischer Zuschauer sein, der unerbeten schlechten Rat gibt, sondern Player mit angemessenem Einfluss, braucht es eine rationale, interessengetriebene Politik statt solcher "Verratene Brüder"-Rhetorik. Es muss aktiv partizipieren am von USA und Israel vorangetriebenen Interessenausgleich mit der arabischen Welt, statt einer obsoleten Palästinensertuch-Romantik zu huldigen, die genau nirgendwo hinführt. Nicht einmal die Palästinenser selbst.