Gegenwärtig ist die Welt Zeuge eines tiefgreifenden Wandels in der geopolitischen Arena der internationalen Beziehungen. Seit längerer Zeit wurde das Entstehen eines asiatischen, multipolaren Jahrhunderts mit einer klaren Machtverschiebung vom atlantischen in den pazifischen Raum propagiert. Nach dem Ausbruch des Coronavirus kam jedoch erstmals die offensichtliche Manifestation eines indopazifischen Jahrzehnts zum Vorschein, in dem die USA, China und Indien als die wahrscheinlichsten Hauptakteure in einem sich immer stärker abzeichnenden Wettbewerb agieren werden. In Wirklichkeit sind es die sich entfaltenden regionalen Machtzentren, die den illusorischen Eindruck von Multipolarität erwecken, während eine neue systemische Bipolarität zwischen den USA und China zunehmend zutage tritt.

Velina Tchakarova leitet das Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES). Ihr Arbeitsbereich umfasst Forschung, Vorträge und Beratung zu Themen der globalen Systemtransformation, Geostrategie globaler Akteure und der Rolle der EU in Osteuropa. - © privat
Velina Tchakarova leitet das Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES). Ihr Arbeitsbereich umfasst Forschung, Vorträge und Beratung zu Themen der globalen Systemtransformation, Geostrategie globaler Akteure und der Rolle der EU in Osteuropa. - © privat

Im globalen Kontext ist das Coronavirus zu einem Katalysator vielfältiger systemischer Veränderungen geworden und hat unterschiedliche Adhoc-Konstellationen regionaler Akteure - geprägt von ihren geopolitischen und geoökonomischen Interessen - in einer sich verändernden globalen Ordnung mit erodierenden multilateralen Strukturen hervorgerufen. Allerdings befand sich das globale System bereits vor Beginn dieses Schlüsseljahres in einer tiefgreifenden Transformationsphase, initiiert durch die Folgen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. Eine Konsequenz der Corona-Krise war zudem eine verstärkte systemische Entkopplung zwischen den USA und China in allen signifikanten sozio-ökonomischen Bereichen - von Handel und Wirtschaft über Finanzen und Landwirtschaft bis hin zum Technologiesektor.

Chinas Aufstieg
auf der Weltbühne

- © WZ-Illustration/Martina Hackenberg
© WZ-Illustration/Martina Hackenberg

Mit dem Entstehen von zwei systemisch gesonderten Machtzentren - den USA und China - würde sich die Weltordnung von einer unipolaren in eine bipolare Welt verwandeln. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben die USA die globale Ordnung unilateral geprägt und verfügen nach wie vor über genügend Machtressourcen und Einflussnahme, um die wesentlichen Lieferketten und Seerouten zu kontrollieren beziehungsweise abzusichern. Angesichts des raschen Wirtschafts- und Handelswachstums Chinas gibt es jedoch bereits Projektionen, die den Aufstieg des Landes auf der Weltbühne als zweites systemisches Machtzentrum indizieren. Darüber hinaus hat China mit seiner "Belt and Road Initiative", die alle Kontinente durch Konnektivitätsprojekte sowie Handels- und Transportrouten verbinden soll, eine umfassende Geostrategie auf den Weg gebracht, die eine bedeutende Veränderung in den internationalen Beziehungen auszulösen vermag.

Trotz des Abschlusses eines vorläufigen, bilateralen "Phase Eins"-Handelsabkommens scheint eine umfassende Verschlechterung der Beziehungen zwischen Washington und Peking im Post-Corona-Kontext immer realistischer. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt bleibt eine mögliche Wiederwahl von US-Präsident Donald Trump im November noch offen, dennoch ist zu erwarten, dass sich die bereits bestehenden Spannungen zwischen den USA und China ungeachtet des Wahlergebnisses weiter verschärfen werden, was eine direkte Konfrontation der beiden Großmächte auf längere Sicht begünstigt.

Das globale System wird gegenwärtig durch das Entstehen neuer beziehungsweise das Wiederbeleben bereits existierender Netzwerke von regionalen Akteuren mit begrenzten Fähigkeiten zur Machtprojektion geprägt, die versuchen, sich in der systemischen Rivalität zwischen Washington und Peking zurechtzufinden. Zu den Hauptprotagonisten gehören Länder wie Russland, Indien, Japan und Kanada, die wichtigsten europäischen Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien sowie Australien und einige weitere relevante Regionalmächte. Nach Covid-19 haben sie vor allem eines gemeinsam: Sie stecken in einem heiklen Balanceakt zwischen den USA und China, ohne sich von der schwierigen Entscheidung, Partei zu ergreifen, vereinnahmen zu lassen. Allerdings werden sie sich mit der Frage nach ihrer tatsächlichen Positionierung in der systemischen Rivalität zwischen Washington und Peking früher oder später konfrontiert sehen.

In dieser Hinsicht wenden sich die USA zunehmend dem indopazifischen Raum zu und werden wahrscheinlich mehr in Partnerschaften und Kooperationen investieren, die mit dieser Region in Verbindung stehen. Es ist zu erwarten, dass es in der Region zu einer bedeutenden geopolitischen Verschiebung kommen wird, die durch Washingtons Bemühungen um den Aufbau einer umfassenden strategischen Beziehung zu Neu Delhi, befeuert durch den Aufstieg Pekings, verursacht wird. Darüber hinaus wird China seine terrestrische Anbindung an Europa über Zentralasien weiter ausbauen, um die maritime Dominanz der USA im indopazifischen Raum zu umgehen.

Neupositionierung der
globalen Lieferketten

Abschließend lässt sich feststellen, dass sich zwei mittelfristige Szenarien im Zusammenhang mit den geopolitischen und geoökonomischen Interessen der Hauptprotagonisten herauskristallisieren: die USA (und Indien) gegen China und Russland (der Drachenbär) oder die USA in einer Annäherung mit Indien (und Russland) gegen China.

Die Corona-Krise hat auch die Schwächen und Abhängigkeiten der stark fragmentierten globalen Lieferketten deutlich aufgezeigt und zu einer Renationalisierung von Herstellungsprozessen für Schlüsselgüter geführt, mit dem Ziel der Erlangung einer zunehmenden Autonomie in strategisch signifikanten Sektoren und Industrien. Die Neupositionierung der globalen Versorgungsketten weg von China wird nach dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie zunehmend Realität. Die Erosion internationaler Strukturen sowie die Entstehung neuer Organisationen und Institutionen sind durch die Pandemie ebenso beschleunigt worden und verursachen eine globale Unterbrechung von Lieferketten in Verbindung mit einer zunehmenden Gefährdung der auf Regeln basierenden Weltordnung.

Gegenwärtig initiieren die USA eine geoökonomische Rekonfiguration, indem Washington die Produktions- und Lieferketten wieder nach Hause holt oder sich dabei an amerikanische Verbündete und Partner aus der angelsächsischen Einflusssphäre, wie etwa Großbritannien, Australien, Japan und zunehmend auch Indien, wendet. Die Verlagerung der Produktion von den traditionellen zu neuen Drehkreuzen wird Zeit in Anspruch nehmen und eine gewisse Vertrauensbildung erfordern. Regionale Handelsmächte wie Japan und die EU haben bereits damit begonnen, eine Verlagerung der Produktion aus China heraus zu erwägen. Langfristig ist das Szenario zweier paralleler Netzwerke von Lieferketten wahrscheinlich - eines, das von den USA aufgebaut wird, und ein zweites mit Zugang zu China.

Schlüsselsektoren wie Weltraumtechnologien, Künstliche Intelligenz und Verteidigungsindustrie werden massive Investitionen erleben, die den Aufstieg neuer, regionaler Machtzentren im Hinblick auf die Vierte Industrielle Revolution fördern. Dies ist insofern wichtig, da jeder bedeutende Durchbruch in solchen Bereichen globale Wettbewerbsfähigkeit und geoökonomische Vorteile mit sich bringt. Darüber hinaus hat die beispiellose Verflechtung aller sozioökonomischen Systeme die Unterscheidung zwischen Wirtschafts- und Handelsindikatoren einerseits und Verteidigungs- und Sicherheitserwägungen andererseits verschleiert. Dies erklärt, warum der Wettbewerb zwischen den USA und China nicht nur einen Handelskrieg darstellt, sondern eine umfassendere Rivalität, die sich auf die globalen Netzwerke der Finanzen, des Handels, der Wirtschaft, der Diplomatie, der Energie, der Verteidigung und vieles mehr erstreckt.

Europas geostrategische Bedeutung schrumpft weiter

Europa sieht sich weiterhin mit einer schrumpfenden geostrategischen Bedeutung konfrontiert. In die entstehenden geopolitischen Lücken, welche im Nahen und Mittleren Osten, Nordafrika und Osteuropa zunehmend zum Vorschein kommen, drängen nun Länder wie Russland, die Türkei oder China. Die EU wird eindeutig herausgefordert sein, auf die sich zuspitzende Konkurrenz zwischen den zwei Systempolen (USA und China) sowohl aus ideologischen als auch aus sicherheitspolitischen und geoökonomischen Gründen angemessen zu reagieren.

Zahlreiche Umwälzungen, Unsicherheiten und Krisen werden weiterhin ein volatiles Umfeld schaffen, das die regionale Stabilität in Europa prägen wird. Darüber hinaus könnten sich diese Entwicklungen negativ auf die EU-Mitgliedstaaten auswirken, indem sie neue Trennlinien entlang konkurrierender geopolitischer und geoökonomischer Interessen der externen Akteure auf dem alten Kontinent fördern.

Aus diesem Grund werden die Europäische Union und ihre Mitglieder vor allem durch die schwierigen Dreiecksbeziehungen zwischen den USA, China und Russland zunehmend navigieren müssen. Abschließend sollte Europa angesichts der wachsenden systemischen Rivalität zwischen den USA und China verstärkte Zusammenarbeit mit anderen Regionalmächten anstreben, um das multilaterale System am Leben zu halten sowie mehr Autonomie in Schlüsselbereichen wie etwa Industrie, Sicherheit und Verteidigung erlangen.