Warum ist die Agrana-Aktie während der vergangenen drei Jahre um 50 Prozent abgestürzt? Warum ist das Ergebnis im Zuckerbereich seit zwei Jahren negativ? Verbrauchen die Österreicher weniger Zucker? Wollen die Rübenbauern keine Rüben mehr liefern? Warum wird möglicherweise die Zuckerfabrik Leopoldsdorf geschlossen?

Karl Schultes ist allgemein beeideter und zertifizierter Sachverständiger für Zucker am Handelsgericht Wien. - © privat
Karl Schultes ist allgemein beeideter und zertifizierter Sachverständiger für Zucker am Handelsgericht Wien. - © privat

Schon im 18 Jahrhundert hat es in Österreich, sogar in Wien, mehrere Zuckerraffinerien gegeben. Diese raffinierten Rohzucker aus Übersee zu Weißzucker. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde mit der Verarbeitung von Zuckerrüben begonnen, und die Zuckerindustrie wurde zu einem der wichtigsten Industriezweige. Die erste Zuckerfabrik auf dem heutigen österreichischen Gebiet errichtete der Brünner Fabrikant Schöll in Staatz. Die Fabrik wurde aber bereits 1840 wieder geschlossen. Im gesamten Gebiet der Monarchie gab es mehrere hundert Zuckerfabriken, wobei die angewandte Technologie in Europa führend war.

Die erste Zäsur bildete das Ende des Ersten Weltkrieges. Den österreichischen Zuckerfabriken kam aufgrund ihrer Randlage ein Großteil des Rübengebietes abhanden. Es folgten mit dem "Anschluss" die Enteignung und letztlich am Ende des Zweiten Weltkrieges die Zerstörung. Der Urgroßvater des Verfassers war als Maschinenmeister beim Wiederaufbau der Zuckerfabrik Hohenau mit dabei. Zwei Jahre lang gab es keinen Lohn. Es gab Lebensmittel und im Winter Kohle zum Heizen. Es sollten nach ihm in der Fabrik sein Sohn, sein Enkel und sein Urenkel arbeiten, bis die Fabrik 2006 - diesmal ohne Kriegseinwirkung - plattgemacht wurde. Wenn er das gewusst hätte . . .

Erst ein amtlicher Zuckerpreis, dann eine Zuckerquote

Der nach dem aus dem Exil zurückgekehrte Eigentümer der Zuckerfabrik, Oskar Strakosch, hatte eine Königsidee. Er bot der Regierung an, die Versorgung der Bevölkerung mit Zucker zu sichern, und verlangte im Gegenzug einen amtlichen Zuckerpreis. Dieser bestand bis zum EU-Beitritt 1995 und funktionierte so: Ein Professor der Hochschule für Welthandel erstellte eine sogenannte Normalkampagnekalkulation. Vereinfacht gesagt: Er addierte alle Kosten und dividierte dies durch die Zuckermenge. Der Zuckerpreis war dann dieser Wert plus 8 Prozent Gewinn für den Erzeuger. Das war das Goldene Zeitalter der Zuckerindustrie für die bestehenden sieben Zuckerfabriken.

Nach dem EU-Beitritt bekam jede Zuckerfabrik eine Zuckerquote, und damit ließ es sich auch noch blendend leben, weil es praktisch keine Importe gab. Allerdings waren in der Zwischenzeit von den sieben Zuckerfabriken vier geschlossen worden. Jede Fusion hatte ihre Opfer gefordert. Schließlich blieb Agrana als Alleineigentümerin und Quasi-Monopolist übrig. Agrana gilt offiziell als börsennotiert. Tatsächlich haben die Aktionäre des Streubesitzes (18,92 Prozent) nichts zu sagen, denn 78,34 Prozent der Aktien sind im Besitz der Zucker & Stärke Holding AG. Hinter diese Gesellschaft stehen als Eigentümer die ZBG mit 50 Prozent minus eine Aktie (im Wesentlichen Raiffeisen), die andere Hälfte hält der größte europäische Zuckerkonzern, die Südzucker AG.

Die Schwierigkeiten begannen 2006, als die Zuckermarktordnung geändert wurde und plötzlich ein Markt entstand. Die 1867 gegründete Zuckerfabrik Hohenau wurde geschlossen, obwohl sie am wirtschaftlichsten produzierte. Die EU-Wettbewerbsbehörde verhängte mehrere hundert Millionen Euro Strafen wegen verbotener Preisabsprachen, und die Gewinne begannen zu schrumpfen. Man war in der realen Wirtschaftswelt angekommen.

Unraffinierter Zucker ist nicht gesünder, er schmeckt anders

Der Zuckerverbrauch in Österreich blieb mit zirka 34 Kilo pro Kopf und Jahr stabil. Die Gesamtverbrauchsmenge stieg sogar aufgrund des Bevölkerungszuwachses. On top kommt noch der riesige Bedarf eines Energydrinkherstellers im Ländle mit der größten Dosenabfüllanlage der Welt. Es ist keine Frage, dass ein Übermaß an Zuckerkonsum kombiniert mit Bewegungsarmut gesundheitsschädlich ist, in der Folge zu Adipositas führt und Diabetes auslösen kann. Das liegt aber mit ziemlicher Sicherheit nicht am Haushaltskonsum, der weniger als 20 Prozent des Gesamtverbrauches ausmacht. Hier sind nicht nur die 1-Kilo-Pakete, sondern auch Staubzucker, Würfelzucker oder Gelierzucker gemeint.

Der Mehrverbrauch erfolgt durch den Verzehr von industriellen Lebensmitteln und Getränken wie zum Beispiel Speiseeis, Backwaren, alkoholfreien Getränken, Ketchup, Marmeladen etc. Zucker geht sofort ins Blut über und hebt den Blutzuckerspiegel an. Wird der Zucker nicht abgebaut, entstehen gesundheitliche Schäden. Einer der größten Zuckerverbraucher ist das menschliche Gehirn. Unraffinierter Zucker ist nicht, wie manche glauben, gesünder. Er schmeckt nur durch die anhaftende Melasse anders. Eine Besonderheit ist der Birkenzucker (Xylit). Er sieht genauso aus wie Kristallzucker und schmeckt auch so. Der Unterschied ist, dass er um 40 Prozent weniger Kalorien hat und dadurch besonders für Diabetiker geeignet ist. Da das Verfahren zur Herstellung sehr aufwendig ist, ist Birkenzucker entsprechend teurer, Der Verbrauch aller Alternativen Süßstoffen zusammen liegt freilich im einstelligen Bereich.

Die Öffnung des Marktes
führte zu einem Preisverfall

Nun, was ist in den vergangenen Jahren passiert? Durch die Öffnung des Marktes kam immer mehr Zucker vom Weltmarkt in die EU. Auch die internationalen Konzerne wollten selbstverständlich in der EU nicht mehr für den Zucker bezahlen. Es erfolgte ein Preisverfall. Dadurch schmolzen die Gewinne und das Vertrauen der Anleger. Agrana kann zwar die Verluste im Zuckersektor durch den Stärke- und Fruchtbereich kompensieren. Doch rosig sind die Aussichten nicht. Erschwert wird die Situation durch den Rübenbauernbund, der sich mental noch im vorigen Jahrhundert befindet. Zu seiner Entschuldigung muss eingeräumt werden, dass die EU-Herbizidverordnung und der Rüsselkäfer dazu ebenfalls beigetragen haben, die Anbaufläche von 40.000 Hektar auf 26.500 Hektar zu reduzieren.

Bei einer weiteren Werksschließung hat die Fabrik in Leopoldsdorf wohl schlechtere Karten als jene in Tulln. - © apa/H. Schneider
Bei einer weiteren Werksschließung hat die Fabrik in Leopoldsdorf wohl schlechtere Karten als jene in Tulln. - © apa/H. Schneider

Was macht nun ein Management in so einer Situation? Es müssen Köpfe rollen. Und da man das Personal in den beiden Zuckerfabriken Tulln und Leopoldsdorf nicht mehr reduzieren kann, muss eine Fabrik geschlossen werden. Naturgemäß haben die Leopoldsdorfer die schlechteren Karten, da über die Stammfabrik Tulln von Raiffeisen her politisch eine Diskussion unmöglich ist.Glücklicherweise ist Leopoldsdorf rot, was die Sache leichter macht. Der Beschluss zur Schließung ist zum heutigen Zeitpunkt noch nicht gefallen, aber sehr wahrscheinlich.