Sicher hat auch Griechenland eine schwere Zeit, mit Gesundheits- und Wirtschaftskrise. Auf den ersten Blick überrascht, dass es nicht schlimmer ist, der größte Teil der Touristen bleibt diesen Sommer weg, Türkei und Länder des Westbalkans waren schon vor der Krise in großen wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten.

Alle Maßnahmen der Regierung zur Eingrenzung des Coronavirus werden in Griechenland ganz genau eingehalten. - © reuters/Costas Baltas
Alle Maßnahmen der Regierung zur Eingrenzung des Coronavirus werden in Griechenland ganz genau eingehalten. - © reuters/Costas Baltas

Beginnen wir mit der Gesundheit: Griechenland hat auch verglichen mit anderen europäischen Musterländern ganz wenige Covid-Fälle. Und wenn man Griechenland besucht, weiß man warum. Alle Maßnahmen der Regierung zur Eingrenzung werden ganz genau eingehalten. Mit einer Disziplin, die man sonst von Deutschen kennt, aber nicht von unseren südlichen Freunden. Die zweite Überraschung kommt von der Finanzpolitik: Die Budgetvorgabe von EU und IWF, jährlich einen Überschuss zu erzielen, wurde zumindest bis zur Krise eingehalten. Drittens wartet die griechische Jugend nicht mehr auf bessere Zeiten oder ausländische Hilfe. Sie arbeitet mit Disziplin, Charme und Empathie, ob es in einem Strandrestaurant ist, bei der Begrünung einer Stadt, der Straßenreinigung, nun auch bei Mülltrennung. Die Jungen arbeiten für Gehälter unter 1.000 Euro, aber mit dem Wissen, dass Praxis das weitere Leben verbessert, nicht das Verlassen auf Olivenbäume oder im Ausland geparktes Schwarzgeld der Eltern.

Sicher gibt es noch Probleme. Der größte Teil des Verkehrs erfolgt mit Benzin und Dieselautos, nicht zu reden von Lkw, Bussen und Schiffen. Heizung und Kühlung erfolgen noch immer größtenteils fossil, obwohl Sonne und Wind das billiger könnten. Obst wird importiert und ist steinhart, statt lokal gesammelt zu werden. Verkauft jemand Obst, das im eigenen Garten wächst, wird er oder sie angezeigt. Am Strand verkaufen Afrikaner Perlen und bunte Kleider, Griechen bieten keine Melonen, Feigen oder Zeitungen an. Auch explodieren in der Krise die Immobilienpreise, es gibt genug versteckte Geldreserven, und diese werden nicht in die Realwirtschaft und in Start-ups investiert, sondern für Grundstückskäufe genutzt.

Schuldenerlass für Zukunftsinvestitionen

Griechenland könnte durch seine geografische Lage zum Brückenkopf zur Türkei, zur Ukraine, zum arabischen Raum und zu Nordafrika sein, wie es ja auch historisch war. Die Distanz zu Kairo beträgt 1.200 Kilometer (Luftlinie), nach Kiew sind es 1.500 Kilometer, Berlin, Brüssel oder Paris sind zwei- bis dreimal so weit entfernt. Solarenergie, Wasserverbrauch, Schiffe und Busse mit alternativem Antrieb könnten nicht nur Griechenland helfen, sondern auch den Nachbarn. Und mit diesen gemeinsam könnten Technologien adaptiert werden, für Teile Europas mit weniger Sonne.

Karl Aiginger ist Direktor der Querdenkerplattform Wien Europa (www.querdenkereuropa.at) und lehrt an der WU Wien. Er ist Autor von Europaprojekten, Mitglied des ForumFuture-Teams und der Schumpeter-Gesellschaft. - © Eric Kruegl
Karl Aiginger ist Direktor der Querdenkerplattform Wien Europa (www.querdenkereuropa.at) und lehrt an der WU Wien. Er ist Autor von Europaprojekten, Mitglied des ForumFuture-Teams und der Schumpeter-Gesellschaft. - © Eric Kruegl

Der Weg aus der tiefen Krise ist weit. Aber wäre nicht jetzt der Zeitpunkt, dass "tugendhafte" europäische Länder ihre Strategie ändern und die Reformen in Griechenland würdigen? Europa sollte schrittweise Schulden erlassen, wenn Griechenland damit in die Zukunft investiert. Ein Budgetüberschuss von mehreren Prozent über Jahrzehnte macht keinen Sinn. Und eigentlich müsste er durch die Krise noch höher werden. Deutschland könnte jenen Teil der Kriegsschulden an Griechenland zurückzahlen, der nach dem Krieg gestrichen wurde. Ohne Aufforderung, einfach als Anerkennung. Nicht mit erhobenem Zeigefinger und nicht immer mit dem Hinweis, dass Griechen undiszipliniert sind.

Österreich wiederum könnte unbegleitete Flüchtling aus griechischen Lagern aufnehmen, wie es andere Länder machen. Die Lager sind voll, die Bedingungen sind unmenschlich und auch eine Quelle von Unruhen und Krankheiten. Österreich könnte Schulen, Ausbildung, gesundheitliche Betreuung anbieten und dann Gründungszentren in Athen, aber auch in der Nähe der Flüchtlingslager anregen. Die jungen Griechen, die für 800 Euro im Sommer täglich zwölf Stunden arbeiten und unseren Urlaub angenehmer machen, könnten im Winter in unseren Skigebieten etwas verdienen und die Arbeitskräfteknappheit verringern.

Griechenland hat aus den Krisen gelernt. Die griechische Jugend denkt anders und will es besser machen. Europa muss die Krise, den neuen Wiederaufbaufonds nutzen, die Altschulden Griechenlands zu erlassen. Alleine kann Griechenland der aktuellen Krise nicht gegensteuern, und der Auslandstourismus macht ein Viertel der Wirtschaftsleistung aus. Für das Geld des "Next Generation Resources Fund" könnte Griechenland Konzepte für die Zukunft entwickelt, Brücken bauen zu Nachbarn, die Solartechnologie weiterentwickeln. Österreich als geiziges Land hat auch eine soziale, wohlfahrtsbewusste und hilfsbereite Gesellschaft. Und da können wir Griechenland auf seinem neuen Weg begleiten und selbst profitieren, nicht nur im nächsten Urlaub.