Als wir, damals noch zu dritt - eine Erziehungswissenschafterin, ein Journalist und eine Kindergartenleiterin - unser Buch "Die Rotzlöffel-Republik" auf den Markt brachten, war unser Ansinnen klar: Wir wollten aus der schönen neuen Kinderwelt, dem vielbeschworenen Bildungsparadies, einen Blick in die Alltagsrealität unserer Betreuungseinrichtungen wagen. Was hatten wir von Kolleginnen gehört, was hatten wir am eigenen Leib erfahren, wie gestresst sind alle Beteiligten, so auch die Kinder nach der Pisa-Studie im Jahr 2001.

Susanne Schnieder leitet seit vielen Jahren eine Kindertagesstätte in Hamburg und ist auch Tanzpädagogin, Systemischer Gesundheitscoach und Referentin in der Erwachsenenbildung. - © Horst Lüdeking
Susanne Schnieder leitet seit vielen Jahren eine Kindertagesstätte in Hamburg und ist auch Tanzpädagogin, Systemischer Gesundheitscoach und Referentin in der Erwachsenenbildung. - © Horst Lüdeking

Wir erfuhren viel, recherchierten eifrig, dennoch überraschten uns dann die zahlreichen Reaktionen von Berufskolleginnen bei Lesungen oder durch Mails und Briefe. Plötzlich stand nicht mehr nur die Frage im Raum, wie überlastet das System und die darin arbeiteten Menschen sind. Wir erschraken über die Tatsache, wie viele Kolleginnen krankheitsbedingt ausfielen, dass der Ausstieg einer Erzieherin aus dem Beruf im Durchschnitt bereits mit 59 Jahren geschieht und dass es inzwischen Burnout-Kliniken für Kinder gibt.

Doch mehr noch: Wir stellten fest, welche Komplexität das Thema der "Rotzlöffel" in unserer Gesellschaft barg. Da ging es plötzlich um den Wert der Bindung und die daraus resultierende Herzensbildung, auf der alles weitere fußt, eben auch wie bereit ein Kind für die kognitive Bildung sein wird.

Da ging es um das Thema Emanzipation, auf das ich in diesem Kommentar näher eingehen werde. Ernährung und Nachhaltigkeit wurden uns bewusst, ebenso wie das gesunde Altern in einem hochherausfordernden Beruf, der immer noch zu wenig Wertschätzung erfährt. Kurzum, wir kamen nicht umhin, mit der "Herrschaft der Rotzlöffel" ein zweites Buch zu schreiben, da sich so viel neues Material auf unseren Schreibtischen häufte.

Nach ihrem ersten Buch "Die Rotzlöffel-Republik" hat Susanne Schnieder nun mit dem Journalisten Carsten Tergast ihren zweiten Appell "Die Herrschaft der Rotzlöffel" verfasst.
Nach ihrem ersten Buch "Die Rotzlöffel-Republik" hat Susanne Schnieder nun mit dem Journalisten Carsten Tergast ihren zweiten Appell "Die Herrschaft der Rotzlöffel" verfasst.

Das Thema Emanzipation kam in unseren Interviews immer wieder zur Sprache. Hubertus Heil, der Arbeitsminister der deutschen Bundesregierung, formulierte es unlängst sehr treffend in einem "Spiegel"-Artikel: "Würde in Erziehungsberufen besser bezahlt, würden sich mehr Männer dort tummeln." Aha, wir haben 2020! Seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten verrichten die Frauen den größten Teil der Erziehungsarbeit, den größten Teil der Pflegearbeit. Leider haben sie in den seltensten Fällen gelernt, über ihr Gehalt zu verhandeln.

Eine junge Kollegin schrieb uns, dass sie mit ihrem Freund, einem Fotografen aus Hamburg, auf eine große Party eingeladen war. In munterer Runde tummelten sich dort Menschen aus der Werbe- und Modebranche, IT-ler und viele weitere Kreative und eben: sie, Erzieherin in einer Kindertagesstätte. Ihr wurde ganz mulmig bei dem Betreten der ausgewählten Location, dem erlesenen Essen und dieser ganz anderen Welt der Gutverdienenden. "Was sage ich denn, wenn deine Freunde mich nach meinem Beruf fragen?" "Dass du mit Kindern arbeitest, Liebes", antwortete ihr Freund. "Ja, aber deine Freunde sind alle so wichtig und haben so tolle Jobs! Da ist es mir fast peinlich zu sagen, dass ich im Kindergarten arbeite", gab sie zu bedenken. Ihr Freund drückte sie an sich und flüsterte ihr zu: "DAS ist der wichtigste Beruf von allen hier! Und darauf solltest du stolz sein!"

Keine bekittelten Kindergartentanten

Ja, und das sollten wir in der Tat sein! Stolz darauf, dass wir die nächste Generation im Reifungsprozess begleiten. Dass wir viele Kinder mit erwartungsvollem Strahlen in den nächsten Schritt, die Schulzeit, führen dürfen. Wir sind nicht mehr die bekittelten Kindergartentanten der Sechziger Jahre, die ein bisschen "dazuverdienen". Oder das Fräulein, dass sich, weil es ohne Ehemann geblieben ist, mehr schlecht als recht mit dem Kindergärtnerinnengehalt durchs Leben schlägt. Auch sie haben ihre Arbeit damals nach bestem Wissen und Gewissen verrichtet.

Heute sind wir gestandene Frauen, die sich nicht scheuen, Fortbildungen zu belegen, um auf dem neuesten pädagogischen Stand zu bleiben. Die es wagen, bei Supervisionen den Blick in ihr Inneres zu wenden und darüber möglicherweise auch einmal eine Träne vergießen, um dann im Kindergartenalltag gestärkt und authentisch zu bestehen. Wir sollten uns auch nicht als Dienstleisterinnen und Kindermädchen unter Wert verkaufen. Wir sollten die vielbeschworene Erziehungspartnerschaft mit den Eltern einfordern und leben. Eltern als Experten für ihr Kind im sozialen Kontext Familie - Erzieherinnen als Experten für das Kind in großer Gruppe. Das wäre der erste Schritt in Richtung Augenhöhe. Denn Partnerschaft und Partizipation sind keine Einbahnstraßen, sondern Begegnung und Austausch mit der inneren Haltung: "Ich bin okay - du bist okay!"

Kindergärtnerinnen haben allen Grund, stolz auf ihren für die Gesellschaft so wichtigen Job zu sein. - © dpa-Zentralbild/Jens Büttner
Kindergärtnerinnen haben allen Grund, stolz auf ihren für die Gesellschaft so wichtigen Job zu sein. - © dpa-Zentralbild/Jens Büttner

Würden wir es schaffen, daran zu arbeiten, kämen wir möglicherweise, wenn auch kleinschrittig, wieder in ein "Wir". Es wäre das Ende der Zuständigkeitszuweisungen zwischen Eltern und pädagogischem Fachpersonal, die, und das haben wir zur Genüge erlebt, am Ende des Tages zu nichts führen als Unverständnis auf beiden Seiten. "Machen Sie mal! Tun Sie mal! Ist doch Ihre Aufgabe!" Und auf der anderen Seite das ewige Klagen: "Die Arbeit mit den Kindern macht mir ja Spaß . . . wenn nur die Eltern nicht wären!"

Auch hier noch einmal ganz deutlich der Appell an die Politik: Erkennen Sie die Arbeit im sozialen Bereich mehr an! Geben Sie den Menschen, die sich um die Generationen am Anfang des Lebens, am Ende des Lebens, in der Krankenpflege, eben überall dort, wo es um eine hohe Verantwortung den anvertrauten Menschen gegenüber geht, die Wertschätzung, die sie wirklich verdienen. In diesen, auch heute noch typischen Frauenberufen ist es doch für uns alle schon fast eine Beleidigung, wenn tatsächlich in der Gesellschaft diskutiert wird, ob wir uns nicht einmal über ein besseres Gehalt unterhalten sollten, um auch Männer für diese Berufsfelder zu interessieren.

Der Wandel muss in den oberen Etagen stattfinden

Wie sagt man so schön? "Der Fisch stinkt immer vom Kopf her." Das heißt übersetzt, dass der Wandel in den oberen Etagen der Politik stattfinden muss, um dann endlich und längst überfällig bis nach unten zu gelangen. Die Zeit der Lippenbekenntnisse sollte vorbei sein, denn "Qualität geht immer von oben nach unten", wie man auch sagt. Ich glaube, ich darf an dieser Stelle das Wort "Qualität" durch das Wort "Wertschätzung" ersetzen.

Das Bild der Frau in unserer Gesellschaft wird nicht nur durch den niedrigen Anteil unseres Geschlechts in Führungspositionen deutlich. Es ist auch die Frage, wie mit Frauen an der Basis umgegangen wird. Frauen, die täglich ihr Bestes geben, sich fortbilden, zahllose Zertifikate vorweisen können - und mit dem Einstieg in die Rente an der Armutsgrenze leben müssen. Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes mehr verdient!