Viel und intensiv wird über die Zukunft der Antriebssysteme für Pkw diskutiert. Viele wollen bei diesem Thema kompetent mitreden - die wenigsten kennen jedoch die wichtigsten Argumente für diese inhaltlichen Auseinandersetzungen. Werden wir künftig weiterhin mit Verbrennern - also mit Diesel- und Benzinfahrzeugen - unterwegs sein oder doch mit batterieelektrisch betriebenen Pkw?

Raimund Wagner ist seit vier Jahrzehnten Manager in der Automobilindustrie. 2015 gründete er das Beratungsunternehmen Carsulting. Seit 2016 ist er Mobilitätsberater des Landes Salzburg im Rahmen von "umwelt service salzburg" sowie klimaaktiv-Kompetenzpartner und Veranstalter des internationalen Fachkongresses "Vernetzte Mobilität" (www.vernetzte-mobilitaet.eu). - © Franz Neumayr
Raimund Wagner ist seit vier Jahrzehnten Manager in der Automobilindustrie. 2015 gründete er das Beratungsunternehmen Carsulting. Seit 2016 ist er Mobilitätsberater des Landes Salzburg im Rahmen von "umwelt service salzburg" sowie klimaaktiv-Kompetenzpartner und Veranstalter des internationalen Fachkongresses "Vernetzte Mobilität" (www.vernetzte-mobilitaet.eu). - © Franz Neumayr

Viele selbsternannte Fachleute meinen, beim Verbrenner stehe jetzt noch der Innovationsschub an. Doch welcher wäre das? Tatsache ist, dass der Verbrenner nach vielen erfolgreichen Jahrzehnten am Ende seiner Entwicklung angelangt ist. Die Fortschritte der vergangenen Jahre, die man uns gezeigt hat, waren zum Teil absolut unkorrekt, wie die Diesel-Abgasaffäre deutlich aufgezeigt hat. Viele der Freunde von Diesel- und Benzinfahrzeugen meinen, wir hätten doch alles, was man für die Produktion wunderbar funktionierender Verbrenner-Pkw brauche, wie Anlagen, Know-how und Experten. Warum also etwas ändern? Nun, das dachte sich auch Nokia, als das iPhone herauskam.

- © apa/zb/Patrick Pleul
© apa/zb/Patrick Pleul

Andere wiederum sind überzeugt, die Zukunft sei Wasserstoff. Sie behaupten, in zehn Jahren sei der Wasserstoff- und Brennstoffzellenantrieb so weit - batterieelektrische Antriebe seien doch nur eine Übergangstechnologie. Faktum jedoch ist, dass wir schon seit Jahrzehnten am Wasserstoffauto forschen. Wir mussten dabei erkennen, dass Wasserstoff als Energiespeicher im Pkw weder technisch noch wirtschaftlich oder ökologisch betrachtet einen Sinn ergibt.

Zu guter Letzt werden Plug-in-Hybride als beste Lösung angepriesen - das sind ebenfalls Verbrennerfahrzeuge, und sie haben eine viel höhere Reichweite. Der Haken dabei ist, dass diese Fahrzeuge zwei komplette Antriebssysteme haben. Das wird spätestens mit 2030 eine technisch, wirtschaftlich und ökologisch unsinnige Alternative sein und bei einer absehbaren Batteriereichweite von 1.000 Kilometern absolut unnötig. Was spricht nun dafür, dass wir spätestens 2030 fast nur noch E-Autos kaufen werden? Wie sehen messbare Fakten und belegbare Argumente aus?

Mehr Komfort

Spätestens 2030 können wir mit rund 1.000 Kilometern Reichweite rechnen. Obwohl das nur wenige brauchen, wird der durchschnittliche Fahrer bei einer Jahreskilometerleistung von 13.000 Kilometern nur noch alle drei Wochen laden müssen.

Einfaches Laden

Im Normalfall werden E-Autos so geladen wie ein Handy - also wenn man schläft. Nur bei weiteren Fahrstrecken benötigt man alle paar Stunden einen Schnelllader auf der Autobahn. Die Lithium-Ionen-Akkus des Jahres 2030 werden in zehn Minuten für weit mehr als 300 Kilometer laden können - die kommenden Festkörperakkus in fünf Minuten für mehr als 500 Kilometer. Das reicht selbst bei Langstreckenfahrten für einen schnellen Kaffee mehr als aus.

2030 wird es überall Ladestationen geben. E-Autos können prinzipiell an Milliarden von Steckdosen geladen werden - an allen Parkplätzen, in der Arbeit, zu Hause - an der normalen Steckdose oder an der Starkstromsteckdose. Bei den zukünftigen Reichweiten muss man jedoch nicht ständig laden. Die Umsetzung der neuen EU-Gebäuderichtlinie bei Neubauten und großen Sanierungen wird die Zahl von Ladestationen erheblich steigern. Laden spart Zeit - man benötigt dafür heute schon meist nur fünf Minuten pro Woche - man lädt ja, wenn man schläft.

Höhere Zuverlässigkeit

Batterieelektrische Antriebe sind extrem simpel mit nur 20 beweglichen Teilen. Im Gegensatz dazu hat ein Verbrenner 1.500 bis 2.000 bewegliche Teile. Bei weniger Teilen kann auch weniger kaputt werden. E-Autos sind somit sehr zuverlässig und kaum reparaturanfällig.

Mehr Sicherheit

E-Fahrzeuge haben eine hohe Unfallsicherheit, weil im Gegensatz zu den meisten Verbrennern der große Motor nicht in der Front verbaut ist. Damit gibt es mehr Knautschzone, und es dauert länger, bis die Gefahr im Fahrgastraum ankommt. Zusätzlich bietet die feste Batterie im Boden Schutz beim Seitenaufprall - es ist ganz einfach alles fester. Auch brennen E-Autos mindestens fünfmal seltener als Verbrenner mit Diesel und Benzin.

Geringere Gesamtkosten

Das Teuerste beim E-Auto ist derzeit die Batterie. Die realistische Lebensfahrleistung eines Akkus beträgt heute 1,6 Millionen Kilometer - 2030 werden es bereits rund 2 Millionen Kilometer sein. Geht man von der heutigen durchschnittlichen Jahresfahrleistung aus, so entspricht das mehr als 100 Jahren. Hersteller geben heute bereits bis zu acht Jahre oder 160.000 Kilometer Garantie auf Batterien. Zukunftskonzepte wie etwa Robo-Taxis werden davon profitieren. Die Batterieproduktion wird außerdem immer preiswerter. Akkus sind in jüngster Zeit im Preis um mehr als 15 Prozent pro Jahr gefallen und werden noch weiter fallen. Man kann davon ausgehen, dass sie 2030 nur noch 30 Prozent im Vergleich zu heute kosten.

In den Gesamtkosten pro gefahrenen Kilometer sind die Elektrofahrzeuge bereits heute wesentlich billiger als Verbrenner. Die "Total costs of ownership" sowie die attraktiven Bundes- und Landesförderungen sind heute bereits überzeugende Kostenargumente für ein E-Auto. In der Anschaffung werden ab 2030 die E-Autos viel billiger sein als ein Verbrenner. Spätestens dann werden die Verbrenner nicht mehr mithalten können.

Weniger Rohstoffverbrauch

Vielleicht nicht kaufentscheidend, aber wichtig für ein umfassendes Gesamtbild ist, dass aus neutraler, heutiger Sicht die für Lithium-Ionen Batterien nötigen Rohstoffe für Jahrzehnte reichen. Neue Akkus werden eher noch ressourcenschonender, also weniger davon brauchen. Seltene Erden werden in den Akkus nicht benötigt. Verwendung finden diese natürlich für Elektromotoren, aber auch in Verbrennerfahrzeugen, ebenso in Handys, Laptops, Staubsaugern und vielem mehr.

Akkus sind bereits heute zu mehr als 95 Prozent recyclingfähig. Auch nach einer Million Kilometern ist das gesamte Material im Akku enthalten. Mit zunehmendem Anfall von Altbatterien werden genügend Recyclingkapazitäten entstehen. Ab diesem Zeitpunkt ist die Wiederverwertung wirtschaftlich darstellbar - von Raubbau kann deshalb nicht die Rede sein. Im Falle eines Defektes können heute auch nur einzelne Zellen oder Module getauscht werden und nicht gleich der ganze Akku. Bis zum Aufbau der notwendigen Recyclingkapazitäten können alte Akkus stationär in einer Second-Life-Anwendung zum Beispiel als Stromspeicher eingesetzt werden.

Die neuen Lithium-Ionen-Akkus werden weniger kritische Rohstoffe wie Kobalt benötigen. Bereits heute wird Kobalt reduziert und möglicherweise zukünftig gar nicht mehr gebraucht. Über Kinderarbeit werden wir dann nur noch diskutieren, wenn es um Akkus von Handys, PCs, Rasierern oder Ähnlichem geht.

Hiesiger Strom statt Importöl

Würden bereits heute sämtliche Pkw in Österreich mit Strom fahren, wäre der Stromverbrauch um 13 bis 18 Prozent höher. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass man für die Kraftstoffherstellung für zwei Verbrennerfahrzeuge schon so viel Strom benötigt wie ein E-Auto für den Betrieb. Auch die steigende und derzeit geförderte Anzahl von Photovoltaikanlagen auf Gebäuden hilft, den Strommehrbedarf zu reduzieren und auch die Kosten für den Einzelnen zu minimieren. Für die Speicherung von Strom über Tage, Wochen und Monate bahnen sich bereits jetzt unzählige Innovationen an - Giga-Akkus, Lageenergiespeicher und viele weitere neue Lösungen. Nachdem wir den größten Teil des Öls importieren müssen, steigert dies unsere politische Abhängigkeit. Im Gegensatz dazu können wir die Energie für E-Autos hier bei uns gewinnen.

Geringere Umweltbelastung

E-Autos haben einen wesentlich geringeren Energiebedarf - so benötigt ein großer Tesla für 100 Kilometer ein Drittel der Energie eines VW Golf. Batterieelektrische Antriebe sind bei weitem die effizientesten. Der Wasserverbrauch ist bei der Produktion eines großen Fahrzeugakkus sehr gering - im Vergleich dazu benötigt die Produktion von zwei Rindersteaks oder elf Avocados mehr Wasser. Die CO2-Emissionen werden durch die Akkuproduktion mit regenerativer Energie schon weit vor 2030 minimal sein - Verbrenner haben dieses Potenzial nicht. Der Anteil regenerativer Energieträger wächst sehr stark. Österreich ist dank des hohen Anteils an Wind- und Wasserkraft gegenüber anderen Ländern im Vorteil.

Schon heute sind E-Autos umweltverträglicher. Verbrenner verbrauchen weiter das endliche Öl und emittieren Schadstoffe. Die Emissionen der E-Fahrzeuge sinken sowohl in der Produktion als auch im Betrieb immer weiter. Verbrenner sind in dieser Hinsicht ausgereizt.

Der Faktor Emotion

E-Autos bieten mehr Fahrspaß und Fahrfreude, weil sie wesentlich drastischer beschleunigen. Dabei sind diese Fahrzeuge auch leiser. Wir können davon ausgehen, dass es spätestens 2030 deutlich uncooler sein wird, mit einem Verbrenner zu fahren. Den Imagewandel können wir heute schon bei den Interessen der Jugendlichen für E-Autos wie etwa der Begeisterung für Tesla sehen.

E-Autos als Rettung

Es gilt heute weniger, die Automobilwirtschaft zu schützen, als vielmehr, sie zu retten. Denn wenn wir zukünftig die Verbrenner noch besser herstellen können, aber sie niemand mehr kauft, dann haben wir erst recht ein Problem. Die europäischen Automobilhersteller scheinen die Zeichen der Zeit noch rechtzeitig erkannt zu haben. Die Kunden beginnen gerade, die Vorteile der E-Autos in Leistung, Fahrfreude, Ökologie und Kosten zu sehen. Die Chinesen haben sich auf den einfachen Elektroantrieb konzentriert und werden ihn in der Zukunft noch mehr forcieren. Was Europas Automobilindustrie am wenigsten brauchen kann, ist, dass wir zukünftig vielleicht vermehrt chinesische Fahrzeuge kaufen. So etwas hatten wir in Europa schon einmal in den 1970er Jahren. Mit kompletter Ausstattung und günstigen Preisen eroberten damals die Japaner binnen kurzer Zeit ein Drittel des europäischen Fahrzeugmarktes.

Letztlich wird es beim E-Auto so sein wie beim Smartphone: Es gab enorm viele sachliche und unsachliche Argumente gegen diese neue Technologie. Und was ist passiert? Heute besitzt fast jeder ein Smartphone. Ich bin überzeugt, dass wir 2030 großteils nur noch Elekrofahrzeuge kaufen werden - wenn wir in Zukunft überhaupt noch Autos kaufen.