Die Urlaubssaison neigt sich dem Ende zu, aber von einer Sommerpause am Aktienmarkt war nichts zu bemerken. So stieg der Weltaktienindex auf Euro-Basis seit der vergangenen kleinen Korrektur Mitte Juni um immerhin 10 Prozent, während im selben Zeitraum der S&P 500 in den USA um satte 16 und der Technologiemarkt Nasdaq sogar um 25 Prozent (jeweils auf Dollar-Basis) ungebremst weiter nach oben kletterten. Die US-Aktienmärkte erreichten im Verlauf des Sommers neue Allzeithöchststände.

Ingrid Szeiler ist CIO der Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H. - © Raiffeisen
Ingrid Szeiler ist CIO der Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H. - © Raiffeisen

Dass diese inmitten einer schweren Krise der Realwirtschaft zustande kommen - genau genommen in der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg -, ist großteils auf die Maßnahmen von Regierungen und Notenbanken zurückzuführen. Die Marktindizes in Europa, der Pazifikregion und den Schwellenländern sind hingegen von Höchstständen oder gar Allzeithöchstständen noch ein Stück weit entfernt. Abgesehen von dieser regionalen Divergenz zwischen den USA und dem Rest der Welt, gibt es aber weitere ungewöhnliche Detailaspekte. Zunächst ist der Auslöser der Wirtschaftskrise - die Covid-19-Pandemie - bis dato weiter auf dem Vormarsch, wobei jüngst mit global 25 Millionen Infektionen eine neue Rekordmarke überschritten wurde. Auch ist noch kein effektiver Impfstoff ausreichend getestet worden und zugelassen. Die Unternehmensergebnisse werden wohl erst im Frühjahr 2021 wieder positives Wachstum aufweisen. Neben zahlreichen technischen Indikatoren und Stimmungsumfragen, die auf eine überkaufte Marktsituation beziehungsweise eine schon überhitzte Anlegerstimmung hinweisen, sind zuletzt auch die politischen Risiken wieder angestiegen.

Die US- Aktienmärkte erreichten im Verlauf des Sommers neue Allzeithöchst stände. - © afp/ Johannes Eisele
Die US- Aktienmärkte erreichten im Verlauf des Sommers neue Allzeithöchst stände. - © afp/ Johannes Eisele

Staatsanleihen: Italienische und spanische Papiere mit positiven Erträgen

Die Spreads europäischer Peripherieländer sind zuletzt weiter gesunken. Der italienische und auch der spanische Staatsanleihemarkt waren bis Mitte August die einzig relevanten Euro- Staatsanleihemärkte, die einen positiven Ertrag abwarfen. Unser Szenario, ein Abschmelzen der Euro-Staatsanleihe-Spreads, bleibt aufrecht und damit unsere Zurückhaltung gegenüber europäischer Peripherieanleihen (Italien und Spanien).

Unternehmensanleihen: Vieles spricht derzeit für High-Yield-Markt

Seit Mitte März haben sich die Spreads an den Unternehmensanleihemärkten halbiert. Am High-Yield-Markt wurden Ausfallsraten von mehr als 15 Prozent erwartet. Gepreist werden nur noch 4,4 Prozent (Europa) beziehungsweise 6,9 Prozent (USA). Ein intakter Primärmarkt, hohe Cash-Bestände der Unternehmen, Stützungskäufe der Notenbanken und bessere Konjunkturindikatoren (deren rasche Erholung von Analysten nach wie vor nicht antizipiert werden kann) sprechen für den Credit-Markt.

Emerging-Markets-Anleihen: Neu auflodernder Konflikt USA/China als Risiko

Wir bleiben hinsichtlich Schwellenländer-Hartwährungsanleihen weiterhin positiv gestimmt, während wir bei europäischen Staatsanleihen vorsichtig sind. Auf der Suche nach real positiven Renditen drängten sich Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen für Investoren nahezu auf. Das größte Risiko für die positive Ertragserwartung dieser Positionierung: Ein wieder stärker auflodernder Konflikt zwischen den USA und China und den damit verbundenen Kollateralschäden für den globalen Handel, unter Umständen noch vor der US-Präsidentschaftswahl.

Entwickelte Aktienmärkte: Zuspitzung auf immer weniger Sektoren und Unternehmen

Während die meisten internationalen Aktienmärkte in den vergangenen Monaten seitwärts tendierten, präsentiert sich der US-Aktienmarkt, angeführt vom IT-Sektor, weiter sehr fest. Die umfangreichen Fiskalpakete und geldpolitischen Maßnahmen stellen weiterhin einen wichtigen Unterstützungsfaktor dar. Die Zuspitzung der Kursgewinne auf immer weniger Sektoren und Unternehmen sehen wir aber kritisch.

Schwellenländer-Aktien entwickeln sich weiter recht gut

Die wichtigste Region der Emerging Markets - Asien - ist, global gesehen, bisher am besten durch die Krise gekommen. Die Kombination aus hartem Lockdown und konsequentem Tracing hat dazu geführt, dass man wohl dort am ehesten von einer V-förmigen Erholung sprechen kann. Schwellenländer-Aktien konnten sich daher in den vergangenen Wochen recht gut entwickeln, obwohl einige der globalen Corona-Hotspots (Brasilien, Mexiko) in der Region liegen. Darüber hinaus stellen auch die Konfrontation der Türkei mit Griechenland und mögliche daraus resultierende EU-Sanktionen einen Risikofaktor dar. In Asien kommt es zu einem leichten Rückgang bei der Gewinnentwicklung, während in Lateinamerika und Osteuropa dramatische Gewinneinbrüche zu verzeichnen sind.

Der Rohstoffbereich profitiert auch von der Entwicklung bei den Realzinsen

In einem freundlichen Kapitalmarktumfeld setzte sich die Erholung bei den Rohstoffpreisen fort. Neben den sektorspezifischen Unterstützungsfaktoren (Angebots- und Nachfragefaktoren) profitiert der Rohstoffbereich aktuell zusätzlich von der Entwicklung bei den Realzinsen und einem schwächeren US-Dollar. Kurzfristig vorsichtiger stimmt die zuletzt deutlich angestiegene Investorenpositionierung in dieser Anlageklasse.