Ja, das Lebensende kann gnadenlos und unbarmherzig sein. Eine unheilbare Krankheit, bewegungsunfähig und rund um die Uhr auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein, hilflos zusehen zu müssen, wenn ein geliebter Mensch leidet - da ist es verständlich, wenn eine "Erlösung" herbeigesehnt wird. Aber rechtfertigt all das eine Lockerung des Sterbehilfe-Verbotes?

"Sterbehilfe" - das klingt human und menschlich, es signalisiert Unterstützung und Erlösung. In Wirklichkeit aber reden wir über "assistierter Suizid", über "Mitwirkung am Selbstmord", wie es im Paragraf 78 Strafgesetzbuch heißt. Es geht darum, ob man es Menschen erlauben sollte, anderen Menschen bei ihrer Tötung behilflich zu sein, und das möglicherweise auch noch gegen Entgelt.

Rosina Baumgartner ist Generalsekretärin des Katholischen Familienverbandes. - © KFÖ
Rosina Baumgartner ist Generalsekretärin des Katholischen Familienverbandes. - © KFÖ

Derzeit geht es in der Diskussion noch um schwer und unheilbar Kranke. Wie schnell daraus ein Geschäft wird, zeigen die Entwicklungen in Ländern wie Belgien oder den Niederlanden. 2001 trat in den Niederlanden das "Gesetz zur Kontrolle der Lebensbeendigung auf Verlangen und Hilfe bei der Selbsttötung" in Kraft. Heute, knapp 20 Jahre später, ist die Entwicklung ernüchternd: Zwischen 2012 und 2016 stieg die Zahl der Sterbehilfe-Fälle um 31 Prozent, und längst sind es nicht mehr nur Patienten mit unheilbaren Krankheiten, die diese "Dienstleistung" in Anspruch nehmen. Der assistierte Suizid ist mittlerweile auch für Demenzkranke und bei psychischen Erkrankungen erlaubt, in Belgien dürfen ihn auch Kinder und Jugendliche in Anspruch nehmen.

Wer unerträgliche Schmerzen hat, schwer krank, einsam und gebrechlich ist, befindet sich in einer Ausnahmesituation. Kommt dann noch das Gefühl dazu, überflüssig zu sein, nicht gebraucht zu werden oder den anderen nur zur Last zu fallen, wird schnell der Wunsch geäußert, "endlich sterben zu können". Dabei haben wir mit der Palliativmedizin und den Hospizeinrichtungen, in denen Menschen mit schweren Erkrankungen begleitet werden, wenn Heilung nicht mehr möglich ist, wirklich gute Alternativen zur gewerbsmäßigen Sterbehilfe. Palliativmediziner machen immer wieder die Erfahrung, dass sich der Sterbewunsch in einen Lebenswunsch verwandelt, wenn die Schmerzen gelindert werden, es persönliche Perspektiven gibt und die Menschen Ansprache und menschliche Wärme empfangen.

Der Druck, anderen nicht mehr zur Last zu fallen

Ist die richtige Antwort darauf eine Lockerung des Strafgesetzes? Oder müssen wir nicht alles daransetzen, kranken und verzweifelten Menschen eine schmerzlindernde und würdevolle Betreuung zukommen zu lassen? Dafür braucht es aber eine viel bessere Unterstützung und einen deutlichen Ausbau des Palliativangebotes. Wir müssen darüber sprechen, wie das finanziert werden sollte. Wie es der Bundesregierung schnell gelingt, Palliativpflege und Hospize in die Regelfinanzierung zu überführen, und wie diese wichtigen Einrichtungen finanziell gestärkt werden können.

Ich bin überzeugt: Sollte der bisherige, gute österreichische Weg beendet werden, wird der Druck zur Selbsttötung - insbesondere bei alten und kranken Menschen - wachsen. Vor vier Monaten erst haben wir Corona-bedingt das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben heruntergefahren; auch zum Schutz der Risikogruppen und aus Rücksicht auf ältere Menschen. Eine Einführung eines assistierten Suizids beziehungsweise Töten auf Verlangen durch den Staat würde diese massiven Maßnahmen konterkarieren. Einerseits schützt die Gesellschaft diese Altersgruppe zu Recht, andererseits ließe sie aber die vorzeitige Beendigung ihres Lebens zu. Hilfe zur Selbsttötung ist aber keine Alternative.

Unser oberstes Ziel als Gesellschaft muss es sein, Leid zu lindern und ein würdevolles Lebensende zu ermöglichen. Geht die Tür zur Sterbehilfe nur einen winzigen Spalt auf, wird aus dem Recht auf ein selbstbestimmtes Sterben sehr schnell die vermeintliche Pflicht, anderen nicht zur Last fallen zu wollen. Alte Menschen sähen sich möglicherweise unter Druck gesetzt, dem eigenen Leben vorzeitig ein Ende zu setzen, wo es so einfach wäre ... Dazu bräuchte es dann gar keinen Druck der Gesellschaft, der aber nicht ausgeschlossen werden kann.