Zu den übelsten Ängsten, die ältere Menschen zu plagen pflegen, gehört die Vorstellung, irgendwann einmal in ein Alten- oder gar ein Pflegeheim übersiedeln zu müssen - oder vom lieben Angehörigen dorthin übersiedelt zu werden. Die überwältigende Mehrheit, das belegen alle Umfragen, möchte selbst als Pflegefall den Lebensabend lieber daheim verbringen. Seit das Coronavirus in solchen Institutionen besonders üppige Ernte einfuhr und sich weltweit die Fälle häuften, in denen sich deren Insassen nicht einmal mehr von ihren Lieben verabschieden konnten, bevor sie verstarben, dürfte sich diese Abneigung noch einmal deutlich verschärft haben.

Sie ist auch ohne Corona höchst nachvollziehbar. Denn in einer Gesellschaft, die Individualismus, autonome Gestaltung des Lebens und Freiheitsrechte des Einzelnen so in den Mittelpunkt rückt wie kaum eine zuvor, ragt das Heim für Alte und Pflegebedürftige wie ein archaisches Fragment des Totalitarismus in die selbstbestimmungsbesessene Gegenwart herein. Denn mit seiner Übersiedlung in das Heim unterwirft sich der bedauernswerte Insasse einem geradezu totalitären Regime, in dem elementarste Bedürfnisse fremdgesteuert sind, vom Abendessen um 17 Uhr bis hin zum körpereigenen Entsorgen der Reste dieser Mahlzeit.

Gerade für Menschen, die es gewohnt waren, über ihr Leben in besonders hohem Maße selbst zu bestimmen, muss das eine unvorstellbare Katastrophe sein. Dass trotzdem etwa 80.000 Menschen die knapp 1.000 derartigen Einrichtungen bewohnen (müssen), liegt vor allem an dem, was die Ökonomie "Skaleneffekte" nennt. 100 solche Personen in einem Gebäude zu versorgen, ist schlicht und ergreifend wesentlich billiger, effizienter und einfacher, als jede in ihrer eigenen Umgebung zu versorgen. Letzten Endes wurden hier Elemente der industriellen Produktionsweise, möglichst rationellen Fertigung und Kostensenkung durch hohe Stückzahlen übernommen. Das funktioniert ja auch, irgendwie. Es ist nur knapp an der Grenze zur Unmenschlichkeit und nicht selten wohl jenseits davon.

Es wäre daher vielleicht an der Zeit, über eine Schließung der allermeisten dieser Institutionen nachzudenken, vielleicht mit Ausnahmen für einige wenige ganz besonders schwere Fälle.

Der bekannte deutsche Psychiater Klaus Dörner fordert seit Jahren: "Raus aus den Heimen!" Wer Alte dorthin abschiebe, verletzte deren Menschenrechte aufs Gröbste. Denn die Betagten würden dort abgeschottet, segregiert und aus ihren Familien und Freundeskreisen herausgelöst. Stattdessen empfiehlt er, je nach den lokalen Gegebenheiten, die bisherigen Insassen derartiger Institutionen im Familienverband, in kleinen Wohngemeinschaften und ähnlichen, viel humaneren Verbänden zu pflegen; mit Hilfe ambulanter Pflegeteams und ohne großdimensionierte Alten-Verwahranstalten.

Corona hat gezeigt, auch wenn Österreich da relativ glimpflich davongekommen ist, wie vulnerabel die industrielle Versorgung und Pflege der Alten ist. Die Konsequenzen zu ziehen, wäre teuer, aber längst an der Zeit.