150 Jahre Erstes Vatikanum - das Jubeljahr zu dem Konzil (1869/1970), auf dem sich die Kirche das Unfehlbarkeitsdogma gab, ist - das kann man jetzt schon sagen - ein "Annus horribilis". Der gescheiterte Missbrauchsgipfel im Februar 2019, der Fehlschlag der Amazonas-Synode im vergangenen Oktober und das reaktionäre Schreiben der Kleruskongregation "Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst der missionarischen Sendung der Kirche" vom heurigen Juli zeigen überdeutlich: Es ändert sich nichts.

Das weltfremde, fast zynische Begleitschreiben "Die Kirche und der Skandal des sexuellen Missbrauchs" des emeritierten Papstes Benedikt XVI. bringt es unmissverständlich auf den Punkt: Von den "Heiligkeiten" kommt keine Bitte um Verzeihung, keine Reue, keine Empathie für die Opfer. Dagegen Schuldverteilung auf "Sportlehrer", die "68er-Generation" und eine "übersexualisierte", vom "Teufel" befallene Gesamtgesellschaft. So unterschiedlich die Päpste auch sind, hier klingen sie beide gleich.

Enttäuschung nach der Amazonas-Synode

Ähnlich verhielt es sich bei der Amazonas-Synode. Franziskus schürte Hoffnung, dass unter Umständen Priester bestimmter Regionen nicht im Zölibat leben müssten. Monatelang hielt die katholische Welt den Atem an, ob er seine Ankündigungen wahrmachen oder wieder vor Tradition und Kurie in die Knie gehen würde. Unmittelbar vor seiner Abschlusserklärung preschte wieder Benedikt XVI. aus dem Hinterhalt vor. Ein gemeinsam mit dem erzkonservativen Kardinal Robert Sarah herausgegebenes Buch stellt sehr scharf den Standpunkt der Tradition klar.

Im Februar kam dann das sehnsüchtig erwartete nachsynodale Schreiben "Querida Amazonia" von Papst Franziskus heraus. Tiefe Enttäuschung machte sich breit: Er musste - entgegen seiner Beteuerungen - schmählich einräumen, keine der Türen öffnen zu können - weder die zur Weihe verheirateter Männer noch die von Frauen. Die konservative katholische Zeitung "Die Tagespost" titelte mit Genugtuung: "Alles bleibt, wie es immer war." Dagegen äußerte die eher reformorientierte Online-Plattform "katholisch.de" beinahe verzweifelt: "Nicht einmal eine hoffnungsvolle Fußnote."

Neue Enzyklika als Ablenkung?

Nun die nächste Peinlichkeit: Pünktlich zum päpstlichen Namenstag macht sich Franziskus selbst ein "großartiges" Geschenk: Seine dritte Enzyklika erscheint. Sie handelt von der sozialen Freundschaft nach Corona, multilateralem Wir-Gefühl und natürlich vom Klimawandel. Alles säkulare Angelegenheiten, um die sich normalerweise die Vereinten Nationen, die Politik und NGOs kümmern. Da fragt man sich: Hat die Kirche nicht genug eigene ungelöste Fragen? Soll dieses Schreiben wieder nur von den wesentlichen Problemen der Kirche ablenken? Soll etwa geschickt der Anschein einer weltoffenen, modernen und politisch vollkommen korrekten Organisation suggeriert werden? Fast könnte man das glauben - hätte der Papst da nicht diese peinliche Überschrift gewählt, für die sich sein Pressesprecher auch schon wieder langatmig entschuldigen musste: "Fratelli tutti" ("Brüder alle"). Wer hätt’s gedacht? Frauen spielen keine Rolle! Aber wenigstens hat die Enzyklika damit einen medialen Aufreger im Gender-Mainstream, sonst würde sich für das Allerweltsgeschwafel des päpstlichen Traumprotokolls der eigenen Systemrelevanz kein Mensch mehr interessieren.

Verwunderlich daran ist, dass Laien wie Experten, Beobachter wie Akteure immer wieder überrascht sind, dass es stets so und nicht anders kommt. Dabei reicht das einfache Verständnis der katholischen Dogmatik, um diese Ergebnisse jedes Mal vorherzusehen. Zwar sind all diese Signale der Aussichtslosigkeit aktuell, stehen aber 150 Jahre nach dem Ersten Vatikanischen Konzil in stringenter Tradition des dort beschlossenen Unfehlbarkeitsdogmas. Wir haben es hier keinesfalls mit kleinen akademischen Unredlichkeiten zu tun, wie sie sich Politiker bisweilen im Wahlkampf erlauben. Es ist vielmehr eine unverfrorene Kirchenvolksverdummung: Derselbe Papst Franziskus, der fortwährend Hoffnung auf Veränderungen macht, weiß nicht nur, dass ihre Erfüllung unmöglich ist, sondern er muss die Entscheidungen seiner Vorgänger immer weiter tradieren. Deshalb ist es naiv, anzunehmen, dass sich die katholische Kirche - unter welchem Papst auch immer - je aus ihrer Felsenstarre lösen könnte.

Heroischer, aber aussichtsloser Kampf um Reformen

So sehr auch Millionen Christen hoffen, kämpfen und leiden - es wird sich niemals etwas ändern. "Wir sind Kirche", "Kirche von unten", "Maria 2.0", "Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen" und wie sie alle heißen - ihr Engagement ist mit Recht als authentisch und mutig, ja sogar als heroisch zu bezeichnen. Aber sie müssen sich vorkommen wie einst Sisyphos, da sie sich vollkommen aussichtslos abarbeiten. Eher ginge der Papst seines Amtes verlustig und würde selbst - ipso facto - exkommuniziert, als dass nur ein Dogma zurücknehmbar wäre. Universalprimat und Unfehlbarkeitsdogma lassen sich heute nur noch gewaltsam exekutieren, wie das verheerende Schreiben der Kleruskongregation vom Juli deutlich gezeigt hat.

Die Initiative "Der synodale Weg" ist unter kirchenrechtlichen Aspekten sogar eine Farce: Deutsche Bischöfe, die anerkanntermaßen noch weniger zu sagen haben als der Papst, machen Hoffnung auf eine Lockerung des Zölibats (Georg Bätzing in Limburg und Peter Kohlgraf in Mainz) oder auf die Frauenweihe (Gebhard Fürst, Rottenburg-Stuttgart) und wissen doch, dass es nicht geht: "Franziskus hat Nein gesagt! Wohin soll der Synodale Weg führen?" So titelte die "Süddeutsche Zeitung" schon im Februar.

55 Jahre nach Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils dient der medial und finanziell groß aufgemachte "Synodale Weg" nur dazu, den letzten Reformern, die noch an einen Aufbruch glauben, nochmals zu vernebeln, dass die Kirche keine Chance mehr hat, dem Sendungsauftrag Jesu Christi nachzukommen.

Die Seelsorge als Markenkern geht verloren

Ist das Kerngeschäft der Kirche das Seelenheil der Gläubigen? Leider muss das verneint werden! Die römisch-katholische Kirche ist die längste Zeit schon dabei, ihre wirtschaftliche Existenz ohne ihren früheren Markenkern, die Seelsorge, sicherzustellen. In großen Unternehmern kommt es vor, dass das ursprüngliche Geschäftsmodell an Bedeutung verliert. Es kommen neue Geschäftszweige hinzu und spülen weitere Einnahmen in die Kasse. Das Vermögen wächst - auch dann, wenn die eigentliche Geschäftsidee des Firmengründers gar nicht mehr rentabel ist. Die katholische Kirche hat in der langen Zeit ihres Bestehens unermessliche Reichtümer erworben. Sie ist heute an allen möglichen Unternehmen beteiligt, verfügt über die Vatikanbank und besitzt überall auf der Welt die prächtigsten Immobilien in bester Lage. Spenden wie Einnahmen verschwinden, ohne dass jemand nachvollziehen könnte, was damit passiert. Ihre Finanzgeschäfte, aber auch der Wert ihrer Immobilien und Kunstschätze sind streng gehütete Geheimnisse. Von den unvorstellbaren Erträgen wird zwar ein (geringer) Teil an Bedürftige ausgeschüttet, aber zum Großteil dienen sie dem Erhalt ihrer Machtstrukturen.

Der Schein des spirituellen Deckmantels lässt sich viel besser ohne aufbegehrende Katholiken aufrechterhalten, die so "absurde" und systemgefährdende Forderungen wie eben die Abschaffung des Zölibats oder die Frauenordination stellen. Die aktuelle Kritik an der Kirche kommt aus Mitteleuropa, Australien und Nordamerika. Dagegen stehen Afrika, Asien und Südamerika längst an der Spitze der Zuwachsraten und stellen heute schon die Mehrheit aller Christen. Deshalb konzentriert sich die Kirche auf diese Bereiche. Dafür steht der Papst "vom anderen Ende der Welt", wie sich der aus Argentinien stammende Franziskus am Abend seiner Wahl selbst vorstellte. Auch der vielbeklagte Priestermangel in Deutschland und Österreich ist der Kirche egal. Wenn sie wollte, könnte sie riesige Summen aufwenden, um geeignete Kandidaten in angemessener Weise zu guten Priestern auszubilden. Jedoch das Gegenteil ist der Fall: Die interessierten Theologen werden emotional ausgebeutet und finanziell allein gelassen, ja oft sogar zur Aufnahme eines Kredites beim Päpstlichen Werk für geistliche Berufe gedrängt. Allerdings wäre eine Investition in die Ausbildung ja auch nur dann sinnvoll, wenn ein echtes Interesse der Kirche an fähigen Priestern bestünde.

Eine Änderung der Kirche ist unmöglich

Die Kirche kann sich nicht ändern, selbst wenn sie es wollte. Und: Die Kirche will sich nicht ändern, selbst wenn sie es könnte. Ihr "Geschäft" läuft glänzend, auch ohne zeitgemäße Reformen. Das merken auch zunehmend die Gläubigen: Die katholische Kirche steht in den kommenden Jahrzehnten vor einem eklatanten Schwund ihrer Mitglieder. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die 2019 im Auftrag der Kirchen in Deutschland durchgeführt wurde. Da heißt es, die Zahl der Katholiken werde sich in den nächsten 30 Jahren halbieren. Verantwortlich dafür seien allerdings nicht nur die allgemeine Alterung, sondern vor allem Kirchenaustritte und Taufunterlassungen.

Durch die Corona-Krise und die mit ihr noch schneller nachlassende Bindewirkung der Kirche müssen diese Zahlen mittlerweile dramatisch nach oben korrigiert werden: Allein für 2020 werden in Deutschland rund eine Million Austritte erwartet. Der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Reinhard Marx sagte jüngst dazu, man gerate deshalb "nicht in Panik". Man wolle die Arbeit zwar "entsprechend ausrichten", konkrete Maßnahmen kündigte er jedoch nicht an. Auf gut Deutsch: Es ist ihm wurscht. Er ist vorzeitig zurückgetreten. Die traurige Wahrheit ist: Die katholische Kirche will sich weder ändern, noch kann sie es. Sie erstickt an ihrem eigenen Unredlichkeitssdogma - Todesursache: Unfehlbarkeit.