Damit Schaden abgewendet wird, läuft professionelles Risikomanagement in vier Stufen ab: Nach der Identifikation eines Risikos folgt die Bewertung, dann die Steuerung und danach die Kontrolle. Bei der Risikosteuerung gibt es wiederum vier mögliche Maßnahmen: vermeiden, vermindern, abwälzen oder selbst tragen. Vier Wochen nach Schulbeginn müssen wir feststellen, dass aus dem Versprechen eines normalen Herbstes ein Abwälzen des Risikos, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, auf all jene, die auf öffentliche Infrastrukturen angewiesen sind oder dort als Schlüsselkräfte arbeiten, geworden ist.

Sabine M. Fischer, Inhaberin von Symfony Consulting, ist Wirtschaftspädagogin, Human-Factor-Unternehmensberaterin und Sprecherin des AK Industrie 4.0/IoT in Wien. - © Symfony/Klaus Prokop
Sabine M. Fischer, Inhaberin von Symfony Consulting, ist Wirtschaftspädagogin, Human-Factor-Unternehmensberaterin und Sprecherin des AK Industrie 4.0/IoT in Wien. - © Symfony/Klaus Prokop

Pflegeeinrichtungen, Arztpraxen, öffentliche Verkehrsmittel, Kinderbetreuungs- und Schulstandorte sowie alle Stellen, die für das so entscheidende Testen und Contact Tracing verantwortlich sind, leiden weiter unter Mangel an qualifiziertem Personal, Raum zum Abstandhalten und Schutzausrüstung. Gleichzeitig versprechen Politiker regelmäßig, das Personal aufzustocken - so als ließen sich gut ausgebildete Menschen aus dem Hut zaubern.

Wie wenig das funktioniert, wissen spätestens seit dem Homeschooling im Frühjahr nicht nur Lehrkräfte - Politikern scheint diese Erfahrung zu fehlen. Gefährlicherweise überlasten sie erschöpfte Systeme und ihre Arbeitskräfte weiter. Deutlich zeigt sich das bei der Hotline 1450: Ursprünglich für alle Gesundheitsfragen konzipiert, sind deren Mitarbeiter seit März für jede Covid-19-Meldung und seit September noch zusätzlich für Grippeimpfungstermine zuständig. Das von Politikern versprochene Mehr an Personal wird den Mitarbeitenden und Hilfesuchenden frühestens in sechs Wochen helfen - so lange dauert es nämlich mindestens,
bis geeignete Personen gefunden, angestellt und eingeschult worden sind.

Gesundheit, Pflege, Bildung, Soziales, Polizei und Justiz - seit Jahrzehnten sind diese Systeme in Österreich auf der untersten Ebene, wo Menschen direkt mit Menschen arbeiten, an Personal, Raum und Zeit unterversorgt. Besonders heikel ist, dass in der Öffentlichkeit ein falsches Bild von den zur Verfügung stehenden Ressourcen erzeugt wird, dass das bisher zusätzlich Geleistete als Selbstverständlichkeit genommen und dass noch weitere Anforderungen daraufgepackt werden. So zaubert man scheinbar Ressourcen aus dem Hut und schiebt die Lösung der Kernprobleme auf die lange Bank.

Gleichzeitig fördert man bei den für die Krisenbewältigung notwendigen Schlüsselkräften das Gefühl, übervorteilt zu werden: Durch stete Unterversorgung an Ressourcen werden sie bei ihrer Arbeit behindert und damit unnötig frustriert. Das zerstört erst das individuelle Engagement und dann den Zusammenhalt der Gesellschaft. Dabei sind wir alle gerade in solchen Krisenzeiten auf Kooperation durch einen sorgsamen Umgang mit den Ressourcen und den Menschen, die die Anweisungen umsetzen sollen, angewiesen. Denn ein Wiederaufbau des einmal zerstörten sozialen Kapitals ist viel kostenintensiver als jetzige Investitionen in eine überlastete Infrastruktur und deren Schlüsselkräfte.