Um Mensch und Umwelt vor gefährlichen Stoffen effektiv zu schützen, müssen deren gefährliche Eigenschaften bekannt sein, und man muss wissen, wie und in welchem Umfang Lebewesen damit in Kontakt kommen - dann ist es möglich, das Risiko einer Belastung zu beurteilen und Gegenmaßnahmen zu setzen. Ergeben sich neue, fundierte und belastbare Erkenntnisse, werden diese ins Profil der Substanz eingegliedert und Maßnahmen modifiziert, meist nachgeschärft.

Thomas Jakl ist in leitenden Funktionen im Bereich des Umweltschutzes und der Marktüberwachung in verschiedenen nationalen und internationalen Institutionen tätig. - © privat
Thomas Jakl ist in leitenden Funktionen im Bereich des Umweltschutzes und der Marktüberwachung in verschiedenen nationalen und internationalen Institutionen tätig. - © privat

Wir haben es also mit einem zwar lernenden System zu tun, aber so gut wie nie mit "moving targets". Ein Stoff mit sich je nach den Umweltbedingungen dynamisch ändernden Eigenschaften und Risiken ist eine echte Horrorvision. Das Objekt, vor dem es zu schützen gilt, wechselt sein Profil wie ein Chamäleon die Farbe, und wir sollen quasi einen dynamischen Dresscode vorgeben?! Wie glaubwürdig, wie belastbar ist unsere nach bestem Wissen und Gewissen getroffene aktuelle Beurteilung, wenn wir sie doch ständig revidieren, erweitern und neu ausrichten müssen? Welche Akzeptanz haben bei aller Treue zu den Fakten und bei aller Offenheit in der Kommunikation die vorgeschlagenen Maßnahmen in der Öffentlichkeit?

Kommt Ihnen das bekannt vor? Dieses chemiepolitische Horrorszenario ist in analoger Form beim Corona-Risikomanagement gerade alltägliche Realität: Wie infektiös sind Kinder? Wie lange bleibt das Virus unter verschiedenen Umständen infektiös? Wann sind Impfstoff und Medikamente verfügbar? Welche Folgeschäden sind zu befürchten? Zu diesen und vielen weiteren Fragen liefert die Wissenschaft täglich neue Befunde unterschiedlicher Qualität, die es nötig machen, das aktuelle Instrumentarium für Risikobewertung und Risikomanagement ständig zu hinterfragen, zu ergänzen und neu auszurichten. Schutzmaßnahmen, die erst geboten schienen, werden (neuen Erkenntnissen entsprechend) revidiert die Beurteilung ihrer Effektivität ist ein stetiger Lernprozess.

Für Gruppierungen, die der Wissenschaft und den Umsetzungen ihrer Erkenntnisse generell skeptisch gegenüber stehen, ist das so etwas wie die Bestätigung ihrer Haltung. Was die eine Koryphäe heute als dringend geboten und höchst sinnvoll darstellt, ist in den Augen der anderen überzogen und nicht Stand der Wissenschaft. Beides kann (aus dem jeweiligen Blickwinkel) aber durchaus berechtigt sein. Widersprüchliche Befunde sind wissenschaftlicher Alltag, eine Triebfeder des Erkenntnisgewinns - aber für Wissenschaftsskeptiker natürlich ein gefundenes Fressen.

Die Covid19-Risikomanager sind zu stetigem Lernen und darauf aufbauend stetigem Nachjustieren geradezu verdammt. Sie dafür zu verurteilen und die verfügten Maßnahmen (deren Hintergrund verkennend) willkürlich zu nennen, zeugt nicht nur von völligem Unverständnis gegenüber der Situation. Diese besonders in bildung- und vernunftsfernen Schichten grassierende Trotzhaltung, oft als ziviler Ungehorsam romantisierend verbrämt, ist ähnlich verantwortungslos, wie einen "Chamäleon-Stoff" völlig unbeschränkt und umweltoffen breitest einzusetzen.