"Dankbarkeit ist keine politische Kategorie", wussten schon Winston Churchill und Bruno Kreisky. Dass Dankbarkeit auch keine ökonomische Kategorie ist, zeigt sich jetzt bei MAN in Steyr. Noch 2016 hat das Unternehmen eine Standortgarantie abgegeben. Nun kündigte das Management unter Berufung auf eine "Schlechtwetterklausel" die Schließung des Werks bis 2023 an. Bis zu 2300 Arbeitsplätze sind betroffen.

Harald Oberhofer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien. - © Roman Reiter/WU
Harald Oberhofer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien. - © Roman Reiter/WU

MAN ist beileibe nicht der einzige Industriebetrieb, der in nächster Zeit Arbeitsplätze in Österreich abbauen wird: ATB, FACC, Doka, Mayr-Melnhof, Schaeffler, Swarovski und Voestalpine sind nur einige der bekannten Industrie-Flaggschiffe, die Restrukturierungen angekündigt haben.

Für MAN könnte die Betriebsschließung in Steyr ein finanzielles Nachspiel haben. Die Entwicklung eines E-Trucks wurde von der österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft mit rund 2 Millionen Euro unterstützt. Dieser Betrag könnte nun eventuell zurückgefordert werden. Ein im Vergleich zu den Lohnkosten im Steyrer Werk wohl verkraftbarer finanzieller Aufwand.

Standortpolitik sollte langfristig wirken. Hier kam es in der Vergangenheit zu Versäumnissen, die in wirtschaftlich guten Zeiten noch mit individuellen Maßnahmen wie Standortgarantien oder Förderungen übertüncht werden konnten und die nun in Zeiten der Krise aufbrechen: All diese Maßnahmen, seien es nun Lohnverzicht, der Verzicht auf Sozialleistungen und Freizeit, oder finanzielle Zuwendungen des Staates, wirken nur vorübergehend und binden nicht notwendigerweise Unternehmen nachhaltig an den Standort. Sobald der Geldfluss versiegt, oder eine neue Betriebsstätte mit geringeren Personalkosten und Umweltauflagen erschlossen ist, droht vor allem bei global tätigen Unternehmen die Verlagerung. Die Jackpotfrage ist, wie Österreich wieder zu einem attraktiven Wirtschaftsstandort werden kann, der Unternehmen nicht mit verschiedensten Förderungen und Zuwendungen "bestechen" muss.

Man kann einzelne Branchen wie die Landwirtschaft mit Subventionen am Leben erhalten. Als Modell für die Gesamtwirtschaft taugt dies nicht, denn schließlich muss das Geld für die Zuschüsse ja an anderer Stelle verdient und mittels Steuern und Abgaben aufgebracht werden. Anreize für Forschung, Entwicklung und Investitionen können das schon eher, sofern dadurch eine langfristige, strukturelle Verflechtung mit dem Standort erreicht wird, die es den Unternehmen gleichzeitig auch ermöglicht, konkurrenzfähig und profitabel auf dem Weltmarkt zu agieren.

Die Ankündigung des Bundeskanzlers, "den Kampf um jeden Betrieb und den Kampf um jeden Arbeitsplatz" aufzunehmen, ist zu begrüßen. Allzu große Hoffnungen sind jedoch nicht angebracht. Es fehlt an originellen Visionen für den Wirtschaftsstandort Österreich. Diese ließen sich aber auch nicht von heute auf morgen umsetzen.

Eine nachhaltige Standortpolitik muss allgemein greifen sowie effektiv und wirkungsorientiert ausgestaltet sein, oder wie Winston Churchill sagen würde: "Es ist sinnlos zu sagen: Wir tun unser Bestes. Es muss dir gelingen, das zu tun, was erforderlich ist."