Noch vor wenigen Jahren waren Streaming-Dienste ein Nischenmarkt, heute dominieren sie die Medienlandschaft. Niemand hat dem so bestechend auf unsere Bedürfnisse abgestimmten Angebot von Netflix, Amazon Prime & Co. noch etwas entgegenzusetzen. So nimmt der Siegeszug der Streaming-Dienste kein Ende. Sie sind die neuen Leitmedien.

Marcus S. Kleiner ist Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der SRH Berlin University of Applied Sciences und dort Vizepräsident für Kreativität und Interaktion. - © Westwind Medien
Marcus S. Kleiner ist Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der SRH Berlin University of Applied Sciences und dort Vizepräsident für Kreativität und Interaktion. - © Westwind Medien

Zum Ende des Jahres 2019 konnte Netflix, um nur ein prominentes Beispiel zu nennen, fast 172 Millionen Abonnenten weltweit verzeichnen. In Deutschland werden für heuer rund 12 Millionen Abonnenten erwartet (bei 80 Millionen Einwohnern), somit nutzen fast 8 Prozent aller Personen in Deutschland Netflix bereits täglich. In den USA sind es sogar 24 Prozent. Das zahlt sich aus. Ende 2019 führte das erfolgreiche Wachstum von Netflix zu 5,47 Milliarden Dollar Umsatz - einer Umsatzsteigerung von 1,28 Milliarden Dollar im Vergleich zu 2018. Netflix ist damit der Marktführer beim Videostreaming.

Selbstentmündigung via Streaming. - © stock.adobe.com/Proxima Studio
Selbstentmündigung via Streaming. - © stock.adobe.com/Proxima Studio

Diese Zahlen des deutschen Online-Statistikdienstleisters Statista sprechen eine deutliche Sprache. Netflix übt einen großen Einfluss auf unsere Sehgewohnheiten und Unterhaltungsbedürfnisse aus. Dabei entscheiden wir Zuschauer uns für Angebote, die von Algorithmen gesteuert werden und uns nur noch das vorschlagen, was Klicks verspricht. Prompt sehen wir nur noch, was wir sehen sollen. Und während die Anbieter so ihre Profite steigern, versinken wir in unserer Filterblase.

Doppelte Ökonomie
der Selbstentmündigung

Marcus S. Kleiner: "Streamland: Wie Netflix, Amazon Prime & Co. unsere Demokratie bedrohen" (Droemer 2020).
Marcus S. Kleiner: "Streamland: Wie Netflix, Amazon Prime & Co. unsere Demokratie bedrohen" (Droemer 2020).

Bei der Kritik an der neuen digitalen Weltordnung und dem digitalen Überwachungskapitalismus sind die On-demand-Video-Streaming-Dienste bisher nicht als anti-demokratische Akteure in den Blick gekommen. Die Inhalte der Streaming-Dienste standen bei der Auseinandersetzung mit dem On-demand-Video-Streaming immer im Vordergrund. Und damit hat die Strategie der Digitalwirtschaft funktioniert. Die Überwachungstechnologien, die sie benutzen, und die dazugehörige Idee der Ausbeutungswirtschaft sind relativ unsichtbar geblieben. Die Kritik konzentrierte sich vor allem auf Google, Facebook & Co.

So können die Streaming-Überwachungskapitalisten bisher alles machen, was die Demokratie zulässt - wie auch Google, Facebook & Co. Und auch immer wieder die Grenzen der Demokratie ausreizen. Mit den Inhalten, also mit den Serien und Filmen, wird offensiv und erfolgreich vom anti-demokratischen System Streaming abgelenkt.

Das können sich die On-demand-Video-Streaming-Dienste erlauben, weil sie wissen, dass sie mittlerweile nicht mehr wegzudenkende gesellschaftliche Institutionen sind, die auch wesentlich darüber mitentscheiden, wie sich unsere Gesellschaft und wir uns in der Gesellschaft entwickeln. Dabei verlieren wir alles, was uns zu freien, selbstbestimmten und mündigen Bürgern macht - Hauptsache, wir bekommen dafür überall Service und Unterhaltung. Entscheidungen werden für uns getroffen. Das On-demand-Video-Streaming als globale Unterhaltungsindustrie fördert die Manipulation und Entmündigung ihrer Abonnenten. Nicht nur das: Das Ausbeuten der persönlichen Daten der Nutzer ist ein äußerst erfolgreiches und lukratives Geschäft - allerdings bisher nur für die wenigen Streaming-Monopolisten wie Netflix oder Amazon Prime.

Die Streaming-Unternehmen nennen dieses Handeln "Kundenorientierung" und "Kundenservice". Das klingt natürlich bedeutend freundlicher und vertrauensvoller. Auch, wenn sich dadurch nichts an der Ausbeutung der Nutzer ändert. Diese finanzieren ihre Ausbeutung auch noch selbst. Ich nenne das die doppelte Ökonomie der Selbstentmündigung, bei der die Streaming-Unternehmen, nicht aber die Streaming-Nutzer, gewinnen.

Streaming ist eine Frage der Macht, und Machtbesitz erfordert Verantwortung. Die Intransparenz der Streaming-Unternehmen fördert allerdings kein Vertrauen in das unternehmerische Handeln und die demokratischen Absichten. Vertrauen könnte nur entstehen, wenn die Streaming-Filterer ihre Filtersysteme für die Öffentlichkeit transparenter machten, damit eine Diskussion darüber entstehen könnte, wie sie mit ihrer Verantwortung umgehen.

Selbstentmündigung als
"freie Wahlentscheidung"

Der Digitalexperte Eli Pariser schlägt hierzu einen Vermittler zwischen Politik, Verbraucherschutz, Kunden und den Unternehmen der Digitalwirtschaft vor: Das ist ein sehr konstruktiver Vorschlag, durch den die Streaming-Nutzer bedeutend selbstbestimmter entscheiden können, ob sie ein Streaming-Abonnement abschließen. Die Politik hätte dadurch eine objektivere Grundlage, um über die Frage der Regulierung zu entscheiden. Das wäre aber eine sehr klassische und fantasielose politische Reaktion. Bisher erscheint Regulierung aber noch als der einzig realistische Weg, weil die Streaming-Unternehmen auch in Zukunft nicht an einer Filtertransparenz interessiert sind. Und die Streaming-Unternehmen müssten ihre Geschäftsgeheimnisse nicht veröffentlichen.

Aktuell sehe ich aber keine Chance, dass die Streaming-Unternehmen bereit wären, mit einem Ombudsmann zusammenzuarbeiten, solange sie dazu nicht rechtlich gezwungen werden. Ich verstehe allerdings unter "Kundenservice" und "Kundenorientierung" genau das: die Transparenz und Verantwortung des unternehmerischen Handelns in den Mittelpunkt zu stellen und die Kunden nicht ausschließlich als statistische Größe und manipulierbares Konsum-Ich zu betrachten.

Wir werden aber auch in Zukunft weiterhin blind den Algorithmen vertrauen und lassen für uns entscheiden, sind selbstentmündigt, verstehen das aber paradoxerweise als "freie Wahlentscheidung". Und vertrauen den Streaming-Diensten fast blind, weil sie uns rund um die Uhr beliefern, so, wie wir es wollen. Wer aber die Fähigkeit verliert, selbst zu entscheiden, ist nur noch eingeschränkt ein mündiger Bürger. Damit sind Netflix, Amazon Prime & Co. potenziell demokratiegefährdend.

Aber eben nicht nur ausschließlich die Streaming-Anbieter, sondern besonders auch wir als Nutzer. Unser Einverständnis, ausgebeutet und entmündigt zu werden, ist letztlich noch viel zynischer und unverantwortlicher als der Überwachungskapitalismus der Streaming-Unternehmen. Wir stellen damit unsere Bedürfnisse beim Streaming nicht nur ins Zentrum unserer Welt. Lassen Sie mich deutlicher werden: Durch dieses Verhalten werden wir sogar zu Feinden der Demokratie, denn unsere Ego-Interessen und personalisierten Filterblasen brauchen nur noch die digitalen Filtersysteme als Dialogpartner, um das zu bekommen, was wir brauchen und wodurch wir jederzeit genau richtig unterhalten werden.

Die mündigen Bürger werden zu Kunden und Königen, die Erwartungshaltung ändert sich gegenüber der Unterhaltung: "Ich will nur noch das sehen, was mich unterhält." So wird uns die Welt um uns herum relativ egal, wenn es um die Befriedigung unserer Streaming-Bedürfnisse geht. Wir verstehen uns dann nicht mehr als Teil eines demokratischen Gemeinwesens, sondern als Stars in unseren Streaming-Filterblasen.

Diese selbstgewählte digitale Unterhaltungsdiktatur und On-demand-Entmündigungsregierung bedroht unsere Demokratie, weil wir die Zukunft, um einen Begriff des Philosophen Richard David Precht zu verwenden, den zynischen Gewinnoptimierern wie Netflix, Amazon Prime & Co. überlassen. Und weder der Politik noch uns selbst zutrauen, eine besser auf uns abgestimmte Zukunftsvision zu ermöglichen. Demokratie funktioniert aber nun einmal nicht als personalisierte On-demand-Option.