Wieder einmal ist Bürgermeister Karl Lueger, wiewohl schon 110 Jahre tot, ins Gerede geraten. Eifrige junge Leute in blauen Blusen mit roter Fahne hielten "Schandwache" vor dem Denkmal am Dr.-Karl-Lueger-Platz in Wien, um Graffiti vor Reinigungskräften zu schützen. Es geht um die Schande, die dieses Denkmal angeblich darstellt.

Der Historiker und Buchautor Kurt Bauer ist Mitarbeiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung. - © C. Mavric
Der Historiker und Buchautor Kurt Bauer ist Mitarbeiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung. - © C. Mavric

Lueger war Antisemit, er wurde geradezu von einer Welle des Antisemitismus ins Amt getragen. Der junge Adolf Hitler nahm sich Lueger zum Vorbild. Allerdings war es weniger der wankelmütige Judenfeind, den der Schulabbrecher aus Linz so sehr bewunderte, sondern vielmehr der glänzende Rhetoriker und Demagoge, der die Kunst der Masseninszenierung meisterhaft beherrschte und eine Großpartei formte. Lueger verstand es wie kein Zweiter, Feindbilder (Juden, Tschechen, Sozialdemokraten) je nach Bedarf zu aktivieren und nach Gebrauch wieder beiseitezuschieben.

Vizebürgermeisterin Birgit Hebein bei der "Schandwache". - © Kurt Bauer
Vizebürgermeisterin Birgit Hebein bei der "Schandwache". - © Kurt Bauer

So wurde damals Politik gemacht. Der sozialdemokratische Volkstribun Franz Schuhmeier brachte es fertig, Luegers antisemitische Christlichsoziale Partei lauthals als "verjudet" zu beschimpfen. Man könnte problemlos dutzende ähnliche Zitate von dieser politischen Seite finden. Trotzdem wäre es ungerecht, den Antisemitismus der Sozialdemokraten dem ungleich rabiateren der Christlichsozialen gleichzustellen.

Lueger war persönlich vermutlich nur ein lauer Antisemit. Die Judenhetze setzte er mit Kalkül als politische Waffe ein, ohne sich um die verheerende Wirkung zu kümmern. Er starb 1910. 1913 bis 1916 entstand ein Denkmal, das 1926 am heutigen Ort aufgestellt wurde. Das Rote Wien unter Bürgermeister Karl Seitz hat es so entschieden.

Lueger hat sich selbst viele Denkmäler gesetzt. Sie prägen diese Stadt geradezu. So wurde unter seiner Ägide die Zweite Wiener Hochquellenwasserleitung errichtet. Davon profitieren wir jeden Tag und jede Stunde. Und das ist bei weitem nicht die einzige epochale Leistung der Ära Lueger.

Er war ein Mensch voller Widersprüche: skrupellos und brutal, aber auch fürsorglich und weitsichtig. Kalkulierte antisemitische Hetze brachte ihm die nötigen Wählerstimmen, um in ein Amt zu gelangen, in dem er Wien, die Metropole Mitteleuropas, formte und prägte wie kein Zweiter.

Wird alles gut, nur weil wir alles Widersprüchliche, alles Disparate an unserer Geschichte auslöschen und sie nach den Vorgaben der gerade gültigen Political Correctness zurechtbürsten? Dürfen wir Gestriges nur würdigen, wenn es in allen Aspekten einer heutigen, sich überlegen fühlenden Moral entspricht? Das Denkmal soll bleiben (gerne mit erläuternder Zusatztafel), um uns an eine vergangene Zeit zu erinnern, die im Guten wie im Schlechten in unsere Gegenwart hereinstrahlt.

Noch eines: Karl Marx war bekanntlich ein rabiater Antisemit und Rassist. Die diesbezüglichen Zitate und Passagen in seinen Werken lassen einem die Haare zu Berge stehen. Wie wäre es also mit einer "Schandwache" vor dem Karl-Marx-Hof?

Ich weiß, das ist Whataboutism
in Reinkultur. Aber man wundert sich halt, wie sehr links und rechts in Fragen der Erinnerungskultur mit zweierlei Maß gemessen wird.