Für eine katholische Alttestamentlerin, die nahezu zwanzig Jahre lang die Verwendung des Wortes "Bruder" im Alten Testament untersucht hat und kurz davorsteht, eine Monographie dazu zu veröffentlichen ("Ein brüderliches Volk", Verlag Peter Lang), kann es wohl keinen besseren PR-Apparat geben, als dass ein Papst wenige Wochen davor eine Enzyklika zur Brüderlichkeit aller Menschen promulgiert. Anlass dieser Zeilen war aber nicht nur die päpstliche Enzyklika "Fratelli tutti" vom 3. Oktober, sondern auch die in der "Wiener Zeitung" vom 8. Oktober und 15. Oktober erschienenen Repliken des evangelischen systematischen Theologen Ulrich Körtner und des Soziologen Max Haller. Die Diskussion, die hier auf der Metaebene geführt wird, ist durchaus bekannt, und die Differenzierungen, die beide hervorheben, sind wichtig.

Hanneke Friedl ist Research Associate der Department of Old Testament and Hebrew Scriptures, Faculty of Theology and Religion, University of Pretoria, Südafrika sowie Mitarbeiterin des Instituts für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Ihre Monographie "Ein brüderliches Volk" erscheint demnächst im Verlag Peter Lang. - © privat
Hanneke Friedl ist Research Associate der Department of Old Testament and Hebrew Scriptures, Faculty of Theology and Religion, University of Pretoria, Südafrika sowie Mitarbeiterin des Instituts für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Ihre Monographie "Ein brüderliches Volk" erscheint demnächst im Verlag Peter Lang. - © privat

Zu unterstreichen ist vor allem die - von niemandem geleugnete - Bedeutung eines wohl funktionierenden Staates für die Handhabung einer Ordnung, die den Mitgliedern der Zivilgesellschaft möglichst viel Freiheit zur Entwicklung und Selbstgestaltung verleiht. Der Ansatz des vielfach ausgezeichneten Ökonomen Amartya Sen, der Freiheit unter dem Aspekt der Entwicklung versteht, kann hier eine hilfreiche zusätzliche Perspektive bieten. Vielleicht kann aber der rein biblische Befund dazu beitragen, eine allgemeine Gesinnung wohlwollender Brüderlichkeit - oder wenigstens Kollegialität - zwischen allen Parteien aufkeimen zu lassen und einen ungerechten Wortkrieg verhindern.

- © reuters/Guglielmo Mangiapane
© reuters/Guglielmo Mangiapane

Ein in der Sozialethik nicht selten getätigter Fehlschluss besteht darin, eine allgemein-menschliche Brüderlichkeit schöpfungstheologisch herzuleiten. Papst Franziskus begeht diesen Fehler nicht. Seine Aufmerksamkeit gilt der Exodus-Motivik, die in Exodus 22,20, Exodus 23,9 und Levitikus 19,(17-)18 sowie 33-34 dazu dient, Israel dazu aufzufordern, den Fremden zu lieben, und zwar nicht, weil dieser ein- und denselben himmlischen Vater hätte, sondern weil das in diesen paränetischen Zeilen (die ich bewusst nicht unbedingt als "Gesetz" bezeichnen will, obwohl sie zu den drei großen Gesetzeskorpora des Alten Testaments gehören) angesprochene "Du" - gemeint ist der israelitische Vollbürger, der alle Rechte und Pflichten der Zugehörigkeit zum Volk Gottes genießt - selbst einmal Fremder in Ägypten war.

Jesus und die Goldene Regel

Papst Franziskus lässt sich jedoch sehr wohl dazu verleiten, es in Abschnitt 59 so scheinen zu lassen, dass er einen gewaltigen Gedankensprung direkt von Levitikus 19,18 (wobei er dazu auch Vers 17 hätte zitieren sollen) zu Tobit 4,15 und darauf zu Rabbi Hillel macht. Worum es aber hier geht, ist das überaus bekannte Argumentationsmuster der Goldenen Regel, welche auch Jesus aufgreift: den anderen so zu behandeln, wie man selbst wünscht, behandelt zu werden. Ein solches Verhalten kann nicht mittels Gesetze erzwungen werden. Man stößt auf das bekannte Böckenförde-Paradoxon, dass der freiheitliche Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schaffen kann. Dass eine Grundordnung in einem Staat herrschen kann und in einem solchen Staat Menschen gut behandelt werden, hängt von der Willensentscheidung eines jeden Menschen guten Willens ab.

Um sich nach diesem Muster zu verhalten, bedarf der Mensch keiner universalen, schöpfungstheologisch argumentierten Brüderlichkeit. Es genügt, sich im eigenen Kontext gut zurechtzufinden und den Blick auf die Bedürfnisse der Anderen zu behalten. Ein Mensch guten Willens begreift aber, dass er in einigen Situationen Handlungsmöglichkeiten haben wird, es in anderen aber beim guten Willen belassen wird müssen, weil seine Möglichkeiten zugleich auch begrenzt sind. So gesehen gelten sowohl Körtners als auch Hallers Perspektiven.

Franziskus erwähnt im bereits zitierten Abschnitt 59, dass Levitikus 19,18 normalerweise als auf die eigenen Landsleute bezogen verstanden wird. Das ist richtig, vor allem, wenn man die im parallel zusammengefügten Verspaar Levitikus 19,17-18 verwendeten Bezeichnungen gemeinsam betrachtet. Diese Verse sprechen vom "Bruder" (mit dem der Mitisraelit gemeint ist), vom "Volksgenossen", vom "Sohn deines Volkes" (wiederum ist der Volksgenosse gemeint) und erst dann vom "Nächsten". Das Volk Israel war aber nicht an erster Stelle eine politische, sondern eine religiös-ethisch definierte Entität. Man kann es daher aus ideengeschichtlicher Perspektive heute nicht mit einer Größe wie "die österreichischen Staatsbürger" vergleichen, sondern am ehesten mit der christlichen Kirche oder mit der islamischen Umma.

Missbrauchter Begriff "Volks"

In Levitikus 19,17-18 begegnet uns also ein poetisch formulierter Rechtssatz, der unter der Rubrik der Paränese verstanden werden soll. Das Wort "Volk" ist leider historisch schwer belastet. Es ist ein missbrauchter Begriff, der, in einem gutgemeinten Versuch, Fehler von früher zu berichtigen, zurzeit entkräftet und gar skandalisiert wird. Wie die "Volkszugehörigkeit", oder genauer formuliert, die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft sich zur "Zugehörigkeit zur allgemeinen Menschheit" verhalten soll, kann vielleicht mithilfe der Worte des 1963 verstorbenen US-Dichters Robert Frost erklärt werden. In seinem Gedicht "Mending Wall" ("Mauern ausbessern") aus dem Jahr 1914 schreibt er über die Spannungen und Freuden zwischenmenschlichen Zusammenlebens. Es handelt von zwei Nachbarn, die eine alte Mauer zwischen ihren Grundstücken haben. Diese wird Jahr für Jahr durch äußere Einflüsse zerstört, durch eine Kraft, die sie "nicht liebt". Obwohl beide Nachbarn wissen, dass ihre landwirtschaftlichen Aktivitäten so unterschiedlich sind, dass sie sich nie in die Quere kommen werden, erneuern sie die Mauer in jedem Frühjahr, weil der eine Nachbar sich fest an den Spruch des Vaters hält: "Good fences make good neighbours."

Ein anthropologisch wie soziologisch vertretbarer Vorschlag zur Erlangung eines friedvollen Zusammenlebens liegt vielleicht nicht in einer künstlich herbeigerufenen allgemeinen Brüderlichkeit, sondern in der Verwurzelung im je eigenen Kontext, die von Respekt vor dem Anderen geprägt ist und zwar Mauern nicht liebt, sie aber schätzt, um gesellschaftliche Ordnung und Struktur in Stand zu halten. Eine solche Mauer ist kein Zeichen der Ablehnung des Nachbarn. Die Frost’sche Mauer ist ein Symbol der inneren Sicherheit, die keine andere Funktion hat, als die beiden Nachbarn jährlich zur feierlichen Mauerreparatur zusammenzuführen. Sie begrenzt, fügt sich aber schließlich freundlich und harmonisch in eine nicht bedrohliche, pastorale Landschaft. Utopie? Nein: Ein poetisches Bild für ein Leben, das auf diese Weise sehr wohl gelingen kann.