Die Corona-Pandemie war nicht nur ein Schock für Gesellschaft und Wirtschaft, sondern hat auch einen Wandel im Konsumverhalten der Menschen bewirkt. Gesunde und nachhaltige Ernährung rückt mehr und mehr in den Vordergrund. Das ist auch dringend nötig angesichts schwindender globaler Ressourcen und einer weiter zunehmenden Weltbevölkerung. Die Lebensmittelindustrie steuert auf verschiedensten Ebenen um, langfristig orientierte Anleger sollten den Sektor in den Blick nehmen.

Rahul Bhushan ist Mitgründer von Rize ETF, Europas erstem ausschließlich auf thematische börsengehandelter Indexfonds spezialisierter Emittent. Der vorliegende Text ist auch auf www.finanzwelt.de erschienen. - © Rize ETF
Rahul Bhushan ist Mitgründer von Rize ETF, Europas erstem ausschließlich auf thematische börsengehandelter Indexfonds spezialisierter Emittent. Der vorliegende Text ist auch auf www.finanzwelt.de erschienen. - © Rize ETF

Im Jahr 2050 werden die globalen Nahrungsmittelsysteme voraussichtlich den Bedarf von mehr als zehn Milliarden Menschen (mehr als zwei Milliarden mehr als heute) vorwiegend in urbanen Lebensräumen decken müssen. Herstellung und Konsum von Lebensmitteln belasten die Umwelt, beispielsweise aufgrund der damit verbundenen Emission von Treibhausgasen, der Nutzung von Land- und Wasserressourcen, des Einsatzes von Phosphaten, Herbiziden und Pestiziden. Die Globalisierung der Nahrungsmittelproduktion könnte daneben zum Verlust traditioneller Ernährungssysteme in weniger entwickelten Ländern führen, mit gravierenden Folgen für die dortige Gesundheit, das Ökosystem und die Kultur.

Die Bewässerung von Anbauflächen wird künftig eine noch wichtigere Rolle spielen. - © dpa/Uwe Anspach
Die Bewässerung von Anbauflächen wird künftig eine noch wichtigere Rolle spielen. - © dpa/Uwe Anspach

Nachhaltige Ernährungsziele sind für viele, wenn nicht sogar für alle der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen von zentraler Bedeutung. Ein zukunftssicheres Ernährungssystem mit einer Infrastruktur, die gesunde Lebensmittel liefert und gleichzeitig geringe Auswirkungen auf die Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialsysteme gewährleistet, ist daher eine globale Herausforderung. Die Lebensmittelindustrie hat damit begonnen, gegenzusteuern. Ihre Transformation vollzieht sich innerhalb von neuen Subsektoren.

Pflanzliche und biologische Lebensmittel

Hier konzentrieren sich Unternehmen vorwiegend auf die Herstellung und Lieferung von pflanzlichen Lebensmitteln und Alternativen zu Fleisch und Milchprodukten in Form neuartiger Lebensmittel- und Getränkerezepturen. Es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass pflanzliche Nahrungsmittel für Menschen gesünder sind. So wird erwartet, dass die Nachfrage in diesem Subsektor in den kommenden Jahren exponentiell ansteigen wird.

Inhaltsstoffe, Aromen und Riechstoffe

Natürliche und organische Inhaltsstoffe zur Herstellung von Aromen und Duftstoffen verzeichnen eine steigende Nachfrage. Die Reproduktion gängiger Farben, Geschmacks- und Duftstoffen und zunehmend auch von Emulgatoren wird in der Lebensmittelindustrie seit langem praktiziert. Die synthetische Nachbildung von Stoffen (wie etwa Palmöl) hilft nicht nur dabei, Umweltschäden beim Anbau dieser Grundstoffe zu mildern, sondern auch Kinderarbeit zu vermeiden. Besondere Priorität dürfte zukünftig organisch hergestellten Farben, Aromen, Düften und anderen Zutaten zukommen. Sie enthalten weniger Natrium, sind glutenfrei und keine genetisch veränderten Organismen.

Lebensmittelsicherheit und -prüfung

Dass verunreinigte Lebensmittel in die Supermarktregale gelangen könnten, ist der Albtraum eines jeden Lebensmittelherstellers. Demzufolge sind Lösungen für die Lebensmittelsicherheit, wie Reinigungs- und Sanitärsysteme und antimikrobielle Produkte, die bei der Verarbeitung von Lebensmitteln und Getränken zum Einsatz kommen, essenziell für diese Industrie. Dazu gehören auch Instrumente, Software und Dienstleistungen für die Prüfung von Lebensmitteln, des Bodens und des Wassers (oder einer Kombination der oben genannten Bereiche). In der Lebensmittelanwendung werden diagnostische Lösungen typischerweise von Lebensmittelherstellern und -verarbeitern zur Verfügung gestellt, die sie zum Testen auf potenzielle Verunreinigungen einsetzen. Darüber hinaus können diese Testverfahren auch Arzneimittelrückstände, genetische Veränderungen sowie die Artenverifizierung analysieren.

Hochtechnologisierte Präzisionslandwirtschaft

Landwirtschaftliche Innovation geht nicht ohne hochmoderne Technologien. Diese erhöhen die Quantität und Qualität der auf derselben Fläche produzierten Nutzpflanzen. Sie verbessern die Effizienz bei der Nutzung von Input-Ressourcen (wie Pflanzenschutzmittel, Düngemittel, Wasser und Treibstoff) und reduzieren ökologische Risikofaktoren wie Wetterereignisse. Dazu gehören selbstfahrende Traktoren, Robotik- und KI-Technologie für die Präzisionspflanzung, Unkrautbekämpfung, Bewässerung, Düngung und Ernte. Darüber hinaus kommen auch sogenanntes Smart Farming und das Internet der Dinge im Agrarsektor an. Ein Netzwerk aus Traktoren, Drohnen und Satelliten erfasst und aggregiert Daten, überwacht Felder und ermöglicht das Datenmanagement während des gesamten Wachstumszyklus und macht auf diese Weise Ertragsvorhersagen möglich. Zum Sektor Präzisionslandwirtschaft gehört auch die Indoor-, vertikale, aeroponische, hydroponische und aquaponische Landwirtschaft, also der Anbau von Pflanzen ohne Boden und mit niedrigem Wasser- und Chemieverbrauch.

Landbasierte Aquakultur

Auf gesunden Fisch soll auch in Zukunft niemand verzichten müssen. Die landbasierte Fischproduktion, bei der im Gegensatz zur Seefischerei oder zum Fischfang die Aufzucht und alle Ein- und Ausgänge kontrolliert werden können, nimmt weltweit zu. Schädlinge wie Seeläuse, toxische Algen oder andere externe, ertragsmindernde Umweltfaktoren können hier genauso eliminiert werden wie das Meerwasser verschmutzende Abfälle und Chemikalien. Die landgestützte Zucht ermöglicht daneben das Recycling von Fischabfällen, die als Dünger für den Anbau von Nahrungsmitteln oder die Erzeugung von Biogas verwendet werden können. Darüber hinaus kommt sogenannten rezirkulierenden Aquakultur-Systemen wachsende Bedeutung zu.

Technologien für das Wassermanagement

Wasser ist eine wertvolle Ressource - Bewässerungstechnologien beschäftigen sich mit der Minimierung des Wasserverbrauchs einschließlich der Entwicklung fortschrittlicher Präzisionsbewässerungssysteme und über Smart Devices ferngesteuerter IOT-Technologien für die variable und drahtlose Bewässerung, der GPS-Positionierung und -Lenkung. Daneben verbessern Wassermanagement-Technologien die Effizienz der Wassernutzung in landwirtschaftlichen Betrieben, einschließlich der Wiederverwendung von Nutzwasser und Grauwasser.

Technologien für Lieferketten

Neue Technologien zur Lebensmittelverarbeitung werden entwickelt, zum Beispiel Reinigungs-, Schäl-, Sortier- und Verpackungstechnologien für Lebensmittel- und Getränkehersteller sowie Lebensmitteleinzelhändler. Ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel wird verschwendet. Demzufolge kommt Herstellern von Logistik-Technologien für die gesamte Lebensmittelwertschöpfungskette, beispielsweise automatisierte Lagerlogistik-Lösungen, besondere Bedeutung zu, denn sie reduzieren diesen Missstand und tragen daneben zur Senkung der Preise und CO2-Emissionen bei.

Nachhaltige Verpackung

Weniger Kunststoff, weniger Müll: Was in der Öffentlichkeit heiß diskutiert wird, dem widmen sich längst zahlreiche Verpackungshersteller, die sowohl nachhaltige als auch wiederverwendbare, recyclingfähige oder kompostierbare Lebensmittelverpackungen anbieten. Das sind Verpackungen auf Faserbasis aus nachhaltiger Forstwirtschaft, unbegrenzt wiederverwertbare Verpackungsmaterialien wie Aluminium und Glas oder wiederverwertete biologische Stoffe, die kompostierbar sind. Dieser Bereich könnte aufgrund von fortschreitender Gesetzgebung und zunehmend anspruchsvollen Konsumenten in Zukunft erheblich wachsen.

Agrarwissenschaft zur Optimierung der Erträge

Ohne die Maximierung der Ernteerträge und die Optimierung der Input-Ressourcen durch Wissenschaft und Technologie, einschließlich der Saatgutwissenschaft (Genbearbeitungs- und Züchtungstechnologien, aber nicht Genmodifikation), Dünge- und Pflanzenschutzmittel kommt die Landwirtschaft nicht aus. Nur diejenigen Marktteilnehmer werden zukünftig erfolgreich sein, die am Übergang zu biobasierten, umweltfreundlichen Lösungen beteiligt sind. Dementsprechend wird das agrarwissenschaftliche Engagement von Unternehmen wichtiger denn je und dessen öffentliche Bekanntmachungen, wie Nachhaltigkeitsberichte, auf klare Aussagen diesbezüglich kritisch geprüft.