Der freiheitliche demokratische Rechtsstaat fördert die Offenheit für Neues. Doch durch das permanente Moralisieren wegen jeder Kleinigkeit entstehen immer seltener Diskurse, die inhaltsvoll sind. Oftmals würden doch einfache Argumente für/wider ausreichen, statt ständig mit dem moralischen Holzhammer einzudreschen.

Wolfgang Glass ist promovierter Politologe. Er hat jahrelang in diversen EU-geförderten Projekten als Projektmanager sowie als Personalberater & Arbeitsbegleiter im sozialökonomischen Kontext gearbeitet. - © privat
Wolfgang Glass ist promovierter Politologe. Er hat jahrelang in diversen EU-geförderten Projekten als Projektmanager sowie als Personalberater & Arbeitsbegleiter im sozialökonomischen Kontext gearbeitet. - © privat

Jeder erlebt Enttäuschungen und Verletzungen, die man entweder selbst anderen zufügt oder am eigenen Leib erfährt. Dadurch entsteht durchaus auch ein Reichtum an Schicksalen und Situationen, der unser Leben weiterbringen kann. Für den alltäglichen Umgang mit der Mitwelt (Menschen, Natur, Tiere) gibt es moralische Normen. Kleine Gerichtshöfe in der Familie und der Partnerschaft sorgen für Einkehr und Ruhe, sollten diese überfordert sein, dann gibt es noch die offiziellen Juristen. Alles scheint durchorganisiert in unserer scheinbar perfekten Welt. Wären da nicht die vielen Sollbruchstellen.

- © stock.adobe.com/Domnitsky
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Jetzt im Herbst fallen wieder viele Blätter von den Bäumen - die Natur hat vorgesorgt, damit diese an bestimmten Stellen des Baumes in geordneten Bahnen vom Stamm losgelassen werden können. Doch wir Menschen erleben Abschied und Aufbruch, Aufbruch und Festhalten oft nicht so geordnet. Nur weil man sich im Urlaub lieben gelernt hat, heißt das nicht, dass der Alltag genauso liebevoll vonstattengeht. Das Bild über Menschen müsste also ständig offen gehalten werden, damit die Sollbruchstellen geordnet über die Bühne gehen und nicht der Totalabbruch kommt. Also kein striktes Bildnis über das Gegenüber machen.

Kritische Anmerkungen
sind unerwünscht

Unsere Zeit ist heute sehr stark eingehaust, strukturiert durch viele Rituale. Das Jahr ist durchgestylt von der Silvesternacht über Ostern, diverse Feiertage, Halloween, Shopping-Dates und schlussendlich Weihnachten. Jedoch sieht nicht jeder immer dasselbe und/oder glaubt dieses. Meist ist man mit der Verantwortung alleine, wenn man sich gegen die Einhausung der Zeit auflehnen will. Sprachlich scheint es mittlerweile ebenso viele Rituale zu geben. Durch den überbordenden Moralismus bei jedem Kleinthema werden unpassende, dem Mainstream widersprechende Meinungen, mit der Moralismuskeule in den Abgrund gedrängt. Oftmals würden nämlich Argumente absolut ausreichen, ganz ohne moralischen Ausformungen, also ohne die persönliche Absicherung, ein "guter Mensch" gegenüber den anderen zu sein. Der Mainstream - also die festgefahrenen Meinungen, die Pluralismus intolerant bekämpfen, weil es so einfacher ist - vereinfacht stark und lässt eine Diskussion zwischen den Polen "Dafür" oder "Dagegen" kaum noch zu.

Vor allem während Corona merkt man die Macht dieses einen Themas. Es durchdringt alle Gesellschaftsschichten - kritische Anmerkungen sind unerwünscht, auch von politischer Seite. Eine SPD-Abgeordnete twitterte gar von "Covidioten", als es um eine Demo gegen die Covid-Maßnahmen ging. Maskenbefürworter und -gegner stehen einander unversöhnlich gegenüber. Dabei ist die Maske nicht schuld - es ist der Frust am fehlenden Sinn des Lebens. Die Mitte bröckelt zusehends, die Jobs werfen nicht mehr das ab, das man sich einmal ausgedacht hat, und der frühere Halt (etwa die Religion), der durchs Leben geführt hat, hat nicht mehr denselben Stellenwert und dieselbe Kraft.

Scheinbare Alternativlosigkeit wird vorgebetet

Jetzt sind wir frei und haben sehr viele Möglichkeiten. Medial und politisch wird aber dem Volk immer öfter die scheinbare Alternativlosigkeit vorgebetet. Euro, Schuldenaufnahmen (also Computergeld, das offiziell nicht existiert, das wäre ja Bargeld), Flüchtlingsaufnahme, Covid-Maßnahmen . . . Die Liste ist lang, und ich bin kein Gegner der Covid-Maßnahmen, jedoch ein Gegner der Alternativlosigkeit. Wenn es kritische Anmerkungen gibt, schadet es nicht, sich diese ruhig anzuhören. Detto bei der Migration. Wieso soll die Aufnahme von Menschen wichtiger und alternativloser sein als Hilfe vor Ort? Flüchtlingslager gibt es seit mehr als 70 Jahren, teils in guten, teils in schlechten Verhältnissen - wieso erst jetzt der Aufschrei?

Doch so werden die Fragen gar nicht gestellt. Der moralische Holzhammer ist sofort zur Stelle. Salbungsvolle Worte wie "sozial", "solidarisch", "gerecht" und "nachhaltig" fallen dabei ständig. Dabei sind diese Begriffe meistens nur ein Meme, ein Programm im jeweiligen Kopf, und können nicht immer für alle gelten. Was gerecht/wahr/gut ist und was nicht, kann nicht jeder selbst nach Lust und Laune definieren und somit andere mit erhobenem Zeigefinger abqualifizieren. Auch Bewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion wären ja an sich gut, da Klimaschutz und Umgang mit der Mitwelt ganz wesentliche Themen sind. Doch mit ihren Platzbesetzungen sind sie primär ein gutes Marketing-Instrument, wirklich abkaufen tut man ihnen ihre schwammig definierten Ziele wohl kaum.

Und wenn von weniger Autos in der Wiener City die Rede ist, klingt das oftmals wie "das böse Auto gegen das gute (smarte/elektrobetriebene) Rad". Verkehrsberuhigung ist definitiv wichtig, die Frage nach der Mobilität wohl ebenso. Weniger aber, ob unser Auto von einem Diesel- oder einem Elektromotor angetrieben wird. Das wird dem Klima eher egal sein, solange wir nicht insgesamt weniger mobil sind. Doch die Demos am Ring oder sonst wo haben doch eigentlich nichts mit zivilem Ungehorsam zu tun, wenn man am Freitag während der Schulzeit demonstrieren geht, die Schule das artig als Engagement abnickt und zur Kenntnis nimmt, dass der Unterricht halt an diesem Tag ausfällt.

Durch die Tendenz, den moralisch aufgeladenen Mainstream auf die Spitze zu treiben, ist die Rückkehr zum Autoritären und zum meinungslosen konturlosen Brei der Masse ein schmaler Grat. Abschied und Aufbruch sowie Aufbruch und Festhalten sind zu nahe beieinander, als dass die Offenheit für Neues die logische Folgerung wäre.