In New York haben die Behörden voriges Wochenende in letzter Sekunde eine ganz besondere Hochzeitsparty verhindert. Verehelicht hat sich der Enkel eines bekannten ultraorthodoxen Rabbiners, das Besondere war die Zahl derer, die mitfeiern wollten: rund 10.000 Menschen, vermutlich also der engste Freundeskreis der Ehewilligen. Ein ausgelassenes Hochzeitsfest mit 10.000 Gästen: Das ist, mitten in der Corona-Pandemie, vermutlich keine besonders schlaue Idee; erlaubt sind in New York derzeit maximal 50 Hochzeitsgäste.

Nun ist dies zwar von den Zahlen her ein vermutlich einmaliger Fall, aber typisch ist er insofern, als sich immer deutlicher zeigt: Religion ist, besonders dort, wo sie ganz besonders inbrünstig ausgelebt wird, wohl eher Teil des Problems als Teil der Lösung in Zeiten der Epidemie. Das gilt für Christen genauso wie für Muslime oder Juden - überall finden sich radikale Gläubige, die keinen aufgeklärten Umgang mit der Seuche finden können oder wollen, sondern eher irrational agieren. "Gott", so heißt es etwa im Milieu der Evangelikalen in den USA oft, "ist der beste Arzt." Das sehen die glühenden Anhänger anderer monotheistischer Religionen nicht viel anders.

Dass der Zusammenhang zwischen tiefreligiösen Biotopen und der Verbreitung des Virus öffentlich nicht allzu oft vertieft wird, hat grundsätzlich ja meist ganz sympathische Gründe. Der Respekt vor religiösen Gefühlen ist eine gewisse zivilisatorische Errungenschaft. Er sollte aber nicht so weit gehen, dass er bestehende massive Probleme einfach unter den Teppich kehrt. Damit ist niemandem gedient; weder der Pandemiebekämpfung noch jenen, die ihre Religion verantwortungsvoll ausleben.

Dass gerade in besonders gläubigen Kreisen das Virus ein günstiges Umfeld vorfindet, dürfte wenig mit der jeweiligen Religion per se zu tun haben, aber viel mit dem Zusammenhang zwischen den sozialen und kulturellen Eigenheiten der Gläubigen. Der evangelische deutsche Theologe Martin Fritz diagnostiziert gerade bei radikalen, besonders orthodoxen Gläubigen aller Religionen eine starke Abschottung nach außen, verbunden mit besonders inniger Gemeinschaft nach innen: "Das Gefühl, mit der eigenen Frömmigkeit in der Gesamtgesellschaft marginalisiert zu sein, befördert Abschottungstendenzen." Der Staat wird dann oft als potenzieller Gegner empfunden, dessen Regeln man nicht einhalten muss. "Wenn eine Frömmigkeit stark dualistisch wird - wir Frommen gegen die böse Welt -, wobei das Denken auch noch stark satanologisch aufgeladen sein kann", so Fritz, "kommt man schnell auf den Gedanken, dass außerhalb der Gemeinde das Reich der Lüge ist" - auch und gerade der "Corona-Lüge" natürlich. An die Stelle der Vernunft tritt dann ein besonderer religiöser Enthusiasmus, der sich in kollektiver Inbrunst entlädt, und das erhöht stark die Gefahr der Ignoranz gegenüber säkularer Hygienerationalität.

Der Staat hat es in ganz Europa bisher eher vermieden, in solchen Fällen allzu penibel hinzuschauen. Es ist dies eine grundsätzlich sympathische Attitüde - aber eine, die wir uns nicht mehr länger leisten können und sollten.