Seit Jahren haben uns die technologischen Veränderungen der vierten Industriellen Revolution immer näher an die Zukunft der Arbeitsplätze herangeführt, da neu aufkommende Technologien in einigen Funktionen und Branchen Arbeitsabläufe automatisiert und in anderen neue Möglichkeiten geschaffen haben. Die Corona-Pandemie hat diesen Wandel beschleunigt. Sie hat die Wirtschaftsaktivität weltweit auf den Kopf gestellt, was zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit in vielen Volkswirtschaften geführt und die Ungleichheiten zwischen den Volkswirtschaften und Gesellschaften vertieft hat. In einem historischen Kontext betrachtet, hat die Pandemie in zwei Monaten mehr Arbeitsplätze vernichtet als die Große Rezession in den USA in zwei Jahren.

Saadia Zahidi ist Geschäftsführerin und Leiterin der Plattform New Economy and Society beim Weltwirtschaftsforums. Sie ist Mitverfasserin von Berichten des Forums wie "Future of Jobs Report", "Global Gender Gap Report" und "Global Competitiveness Report". - © WEF
Saadia Zahidi ist Geschäftsführerin und Leiterin der Plattform New Economy and Society beim Weltwirtschaftsforums. Sie ist Mitverfasserin von Berichten des Forums wie "Future of Jobs Report", "Global Gender Gap Report" und "Global Competitiveness Report". - © WEF

Der Bericht des Weltwirtschaftsforums (WEF) über die Zukunft der Arbeitsplätze kommt zu dem Ergebnis, dass mehr als 80 Prozent der Arbeitgeber erwarten, die Fernarbeit stärker zu nutzen und Arbeitsprozesse zu digitalisieren. Etwa die Hälfte aller Arbeitgeber bereitet sich auch darauf vor, einige Arbeitsschritte zu automatisieren. Wenn nicht mehr in Wachstumsberufe und -sektoren investiert wird, könnten wir auf einen Aufschwung ohne Jobs zusteuern. Daten unserer Partner zeigen, dass diejenigen, die derzeit aus dem Arbeitsmarkt verdrängt werden, im Durchschnitt eher weiblich und jünger sind und einen niedrigeren Lohn haben.

Nicht jeder hat die Möglichkeit, seine Arbeit im Homeoffice zu erledigen. - © Unsplash/Nathana Reboucas
Nicht jeder hat die Möglichkeit, seine Arbeit im Homeoffice zu erledigen. - © Unsplash/Nathana Reboucas

Die dritte Ausgabe des Berichts kommt zu dem Schluss, dass die Schaffung von Jobs weiterhin deren Vernichtung übertrifft, dass sich jedoch die Quote der Arbeitsplatzschaffung verlangsamt, während sich die Vernichtung beschleunigt. Bis 2025 werden wahrscheinlich mehr als 85 Millionen Jobs in mittleren und großen Unternehmen in 15 Branchen und 26 Ländern verdrängt werden. In nur fünf Jahren wird die Zeit, die Menschen und Maschinen für Aufgaben am Arbeitsplatz aufwenden, gleich lang sein. Gleichzeitig stellen wir fest, dass bis zum Jahr 2025 insgesamt 97 Millionen neue Stellen entstehen könnten, die an die neue Arbeitsteilung zwischen Mensch, Maschine und Algorithmen in aufstrebenden Branchen wie der Daten- und KI-Branche sowie Verkauf, Marketing und Content angepasst sind.

Nicht alle Arbeitnehmer können ausnahmslos Fernarbeit leisten

Auch die Arbeitswelt selbst verändert sich, mit einem Anstieg der Fernarbeit, die durch die Verbreitung von Covid-19 erforderlich wurde. Die Arbeitgeber hoffen, 44 Prozent ihrer Belegschaft die Fernarbeit zu ermöglichen, aber die Daten zeigen, dass nicht alle Arbeitnehmer ausnahmslos Fernarbeit leisten können, und diese Möglichkeit variiert je nach Einkommensniveau und Ausmaß der digitalen Verbreitung in den einzelnen Ländern. Die Zukunft der Arbeit wird wahrscheinlich durch hybride Ansätze untermauert. Während der aufstrebende Marktplatz für Fern- und Hybridarbeit das Potenzial bietet, neu zu definieren, was Arbeiten bedeutet, betrifft er größtenteils die online arbeitenden Angestellten, die über einen Internetzugang und die Möglichkeit verfügen, ihre Arbeit von daheim aus zu erledigen.

Angesichts beispielloser Schocks und zugrunde liegender langfristiger struktureller Veränderungen müssen die Regierungs- und Wirtschaftsführer unverzüglich Maßnahmen ergreifen, um jene zu unterstützen, die jetzt arbeitslos sind oder in Zukunft wahrscheinlich am stärksten von diesen Trends betroffen sein werden. Die doppelte Disruption der Automatisierung und der Pandemie hat auf schmerzliche Weise deutlich gemacht, dass wir es uns nicht leisten können, noch länger auf eine Umschulungsrevolution zu warten.

Fast die Hälfte aller Arbeitnehmer muss umgeschult werden

Die Daten aus der Umfrage zur Zukunft der Arbeitsplätze zeigen, dass fast die Hälfte aller Arbeitnehmer umgeschult werden muss - ein Anstieg um 4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Arbeitgeber erkennen zunehmend den Wert von Investitionen in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter - durchschnittlich 66 Prozent der Befragten erwarten, dass sich die Investitionen in Umschulung und Weiterbildung innerhalb eines Jahres auszahlen werden. Diese Bemühungen verlagern sich zunehmend auch auf Online-Plattformen, was auf eine deutliche Verschiebung hin zum Digital First Learning hindeutet. Eine Reihe von miteinander verknüpften Ansätzen kann Arbeitnehmer unterstützen:

Erstens müssen wir die Arbeitnehmer in Zeiten des Übergangs schützen und gleichzeitig proaktiv die Arbeitsplätze von morgen schaffen. Die Regierungen müssen sicherstellen, dass es angemessene soziale Sicherheitsnetze zum Schutz arbeitsloser Arbeitnehmer gibt, und diese präzise einsetzen. Sie müssen auch Investitionen in Märkte von morgen unterstützen, die der Gesellschaft zugute kommen, einschließlich Bildungstechnologie, Pflegewirtschaft und grüne Wirtschaft, die auch neue Jobs schaffen.

Zweitens müssen wir in berufliche Übergänge sowie in Umschulungs-, Weiterbildungs- und Ausbildungsprogramme investieren. Unternehmen und Regierungen müssen gemeinsam daran arbeiten, den Menschen beim Übergang in die Arbeitswelt von morgen zu helfen, indem sie sich auf neue Ansätze für die Einstellung aufgrund von Fähigkeiten und Potenzial anstelle von Abschlüssen einigen, Schulungsprogramme mitfinanzieren und Online Learning zur Unterstützung der Arbeitnehmer einsetzen. Die Plattform "Reskilling Revolution", die im heurigen Jänner ins Leben gerufen wurde, zielt darauf ab, bis 2030 einer Milliarde Menschen bessere Bildungsfähigkeiten und Arbeitsplätze zu bieten.

Drittens müssen wir die Prioritäten und Praktiken in der Wirtschaft neu definieren, um den wachsenden globalen Bedrohungen des Klimawandels und der sozialen Ungleichheit zu begegnen. Umwelt-, Sozial- und Governance-Fragen müssen im Mittelpunkt der Geschäftsentscheidungen stehen. Zu den Kernmetriken, die Unternehmen auf eine solide Zukunft der Arbeitsplätze ausrichten können, gehören die von den Mitarbeitern absolvierten Ausbildungsstunden, die durchschnittlichen Ausbildungsinvestitionen der Unternehmen und die Beobachtung von Lohnungleichheiten.

Und schließlich müssen alle Bemühungen das Wohlbefinden der Mitarbeiter gewährleisten. Covid-19 hat unzählige Belastungen für das Leben, die Gesundheit und das allgemeine Wohlbefinden verursacht, von den Bedrohungen durch das Virus bis hin zu den Anforderungen an die medizinische Versorgung. Neue Daten aus dem Bericht zeigen, dass etwa 78 Prozent der Arbeitgeber der Meinung sind, die derzeitigen Modelle der Fernarbeit, bei denen die Menschen auch mit zusätzlichen Belastungen zu kämpfen haben, könnten die Produktivität beeinträchtigen. Mehr als 34 Prozent der Befragten gaben an, dass sie Praktiken entwickeln wollen, die ein stärkeres Gemeinschafts- und Kommunikationsgefühl fördern.

Covid-19 bietet uns die Gelegenheit und die Verantwortung, einen großen Umbruch der Arbeit zu verfolgen. Schätzungsweise bis zu 115 Millionen Menschen könnten heuer als Folge der Rezession in extreme Armut geraten, weitere Millionen könnten ihre Existenzgrundlage verlieren. Ihnen allen sind wir schuldig, jetzt zu handeln.