Es ist nicht nutzlose "Symbolpolitik", zumindest einige junge Flüchtlinge aus Lesbos herauszuholen, wie der frühere Salzburger Landeshauptmann und ÖVP-Politiker Professor Franz Schausberger jüngst in einem Gastkommentar in der "Wiener Zeitung" meinte. Es ist vielmehr "Symptompolitik", die immerhin einigen ein sicheres Zuhause schenkt. Wiederholt wird vielen von ihnen Gewaltbereitschaft und Aggression attestiert, was durch mehr Information etwas zurechtgerückt sei.

Es macht betroffen, wie beharrlich Bundeskanzler Sebastian Kurz und andere politische Entscheidungsträger sich weigern, zumindest ein paar unbegleitete Kinder und Jugendliche aus Lesbos herauszuholen. Es sind Kinder, die sich am allerwenigsten wehren können, keine Stimme haben, nicht gefragt werden und leiden müssen, weil Erwachsene einander bekriegen, einander die Köpfe einschlagen, sich nicht einigen können.

Veronika Krainz war von 2002 bis 2008 Leiterin des Patenschaftsprojektes "connecting people", gründete 2008 "lobby.16" und war von 2009 bis 2017 Geschäftsführerin dieses gemeinnützigenVereins, der sich für das Recht unbegleiteter junger Flüchtlinge auf Bildungund Ausbildung einsetzt. Kontakt: veronika.krainz@chello.at 
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Veronika Krainz war von 2002 bis 2008 Leiterin des Patenschaftsprojektes "connecting people", gründete 2008 "lobby.16" und war von 2009 bis 2017 Geschäftsführerin dieses gemeinnützigenVereins, der sich für das Recht unbegleiteter junger Flüchtlinge auf Bildungund Ausbildung einsetzt. Kontakt: veronika.krainz@chello.at

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Natürlich ist es mit der Aufnahme von ein paar jungen Flüchtlingen nicht getan, wie auch der Kanzler sagt. Doch es kann nicht das Argument dafür sein, nicht trotzdem 30, 50 oder 100 von ihnen aufzunehmen, wie es andere EU-Staaten inzwischen tun. Es braucht nicht viel dafür - keine Migrationspakte, keine "runden Tische" auf großer Bühne in Wien, Brüssel oder Athen. Es ist alles da: Einzelpersonen, Organisationen, Städte und Gemeinden, die helfen wollen, Quartiere, finanzielle Mittel. Man scheut sich fast, es so direkt zu sagen, weil es sich vereinfachend anhören mag. Was fehlt, sind Haltung, Empathie und Handlungsbereitschaft.

Es kann nicht darum gehen, das eine gegen das andere zu stellen

Innenminister Karl Nehammer meinte, Österreich lasse Griechenland nicht im Stich. Nein, eh nicht. Wir kommen mit mobilen Unterkünften und Überlebenspaketen, machen dabei einiges Getöse und gehen wieder. Der Rest interessiert uns wenig. EU hin oder her, sollen Griechenland und die Bevölkerung von Lesbos doch schauen, wie sie mit unhaltbaren Zuständen zurechtkommen.

Professor Schausberger hat argumentiert, eine Verbesserung der Situation auf Lesbos selbst bringe mehr, als ein paar hundert Jugendliche auf Europa zu verteilen und damit unser Gewissen zu beruhigen. Es kann nicht darum gehen, das eine gegen das andere zu stellen beziehungsweise es in diese Relation zueinander zu bringen. Das eine, die Hilfe auf Lesbos, ist selbstverständlich und stößt zudem längst an Grenzen. Das andere, ein paar Kinder und Jugendliche herauszuholen, sollte sich eigentlich jeder Wertefrage entziehen. Dass es wenig bringe, impliziert das Beiseiteschieben der UN-Kinderrechtskonvention. Und es ist so - Österreich hat dieses Abkommen unterzeichnet. Die türkise Regierungsspitze scheint das nicht zu kümmern.

Gewissensberuhigung ist es wohl nicht, was Menschen dazu motiviert, Hilfe anzubieten. Sie tun es, weil sie es mit ihrem Gewissen nicht länger vereinbaren können, wegzuschauen. Dass weder dies noch die Hilfe auf Lesbos ein einziges Problem von Grund auf lösen kann, ist klar. Nur: Anderes, Besseres, ist nicht in Sicht. Solange die EU keine gesamteuropäische Lösung zustande bringt, mit rechtskonformen zügigen Asylverfahren und fairer Verteilung von Flüchtlingen auf die Mitgliedstaaten, müssen Österreich und alle anderen EU-Länder bereit sein, einige der Schutzbedürftigsten aufzunehmen, ohne endloses Wenn und Aber. Schausbergers Bedenken, wie denn entschieden werden soll, wer herausgeholt wird, können ebenso nicht als Argument gelten, gar nichts zu tun. Es ist weder einfach noch gerecht, denn alle müssten heraus. Aber es leiden zumindest ein paar weniger - das zählt.

Wiederholt wird von verschiedener Seite gesagt, bei unbegleiteten jungen Flüchtlingen handle es sich zu einem guten Teil um junge erwachsene Männer, und nicht wenige davon hätten sich als aggressiv und gewalttätig erwiesen. Es stimmt: Nicht alle sind noch minderjährig. In 15 Jahren Arbeit mit unbegleiteten jungen Flüchtlingen habe ich viele, sehr viele kennengelernt, weit überwiegend Burschen - eine große Anzahl junger Erwachsener, eine noch größere Anzahl an 16- bis gerade noch nicht Volljährigen und einige noch nicht einmal Mündige.

Viele wissen nicht, was Traumatisierung anrichtet

Viele von ihnen sind traurig, verzagt, verzweifelt und überfordert, depressiv und traumatisiert, andere fröhlich und zu jedem Scherz bereit. Manche können mit ihren Gefühlen und ihrem Erlebtem nicht gut umgehen manche tun sich tatsächlich schwer, unsere Gesetze und unser Gesellschaftssystem zu respektieren, aber die wenigsten sind aggressiv und gewaltbereit. Ich maße mir nicht an, auf Basis meiner Erfahrungen von der Gesamtheit junger Flüchtlinge zu sprechen, auch wenn ich eine recht repräsentative Anzahl gesehen habe. Ich bin jedoch überzeugt, dass es notwendig ist, genauer hinzuschauen, wenn man von "aggressiven und gewaltbereiten jungen männlichen Erwachsenen" spricht.

Obwohl Traumatisierung und ihre vielfältigen Auswirkungen mehr denn je Thema sind, wissen viele nichts davon - wissen nicht, was das mit Menschen macht, wie es sich zeigt und anfühlt, was dahintersteht. Nicht nur das Große und Schreckliche physischer und psychischer Gewalt ist Auslöser, vieles dazwischen an unterschiedlichsten und unterschiedlich erlebten Erfahrungen ebenso. Nicht jede aggressive, gewaltbereite beziehungsweise sonst wie nicht akzeptable Handlung und Verhaltensweise hat mit Trauma zu tun. Aber es geht hier um junge Menschen, die meist nicht viel anderes kennen als Gewalt, Krieg, Propaganda, die in streng hierarchischen, patriarchalen Strukturen aufgewachsen sind.

Viele sind durch Erlebtes daheim und auf der Flucht traumatisiert. Traumatherapie könnte ihnen helfen, doch das Angebot ist leider mehr als beschränkt. Dies möge man wissen und berücksichtigen, bevor man Menschen einfach nur als "aggressiv und gewaltbereit" stigmatisiert und ablehnt. Und trotz vieler weiterer Belastungen geraten die meisten nicht auf Abwege oder schlagen um sich. Trotz Abschieden, Verpflichtungen gegenüber der Familie und Heimweh, trotz Sorgen und Ängsten, Schwierigkeiten mit Sprache, Wohnungssuche und Behörden aller Art schaffen sie mit Begleitung und Förderung eine Ausbildung, finden einen guten Job, eine Beziehung - "integrieren sich", was viele nahezu mantrahaft von Flüchtlingen einfordern, ohne dabei gesetzliche Hürden zu erwähnen und über die fordernden Ausgangsbedingungen wirklich informiert zu sein.

Vielleicht würde es ja etwas bringen, wenn so manche politische Entscheidungsträger ein paar Tage lang den Alltag der auf Lesbos Gestrandeten mitlebten. Alleine, ohne Entourage, Bequemlichkeiten und Vergünstigungen. Nicht auf Abstand, in Beobachtung aus Distanz für ein, zwei Stunden, sondern mit und unter ihnen auf der Straße, im Zelt, in notdürftigen Unterkünften, im Nirgendwo, bei Tag und Nacht, bei Regen und nun beginnender Kälte. Es wäre zu hoffen, dass dann nicht mehr von "Pullfaktoren" und anderen scheinbaren Bedeutsamkeiten geredet, sondern Menschen- und Kinderrechten gemäß gehandelt würde.