Frankreichs Präsident Macron "bauscht den islamistischen Mord an einem Lehrer zu einer Grundsatzfrage auf", schrieb die linke deutsche Tageszeitung "taz" wenige Stunden, bevor am Donnerstagmorgen abermals ein Islamist in Nizza einen Menschen enthauptete. Eine Enthauptung aufbauschen: Dass die politische Linke Europas sich eher schwer damit tut, islamistischen Terror klar zu benennen und zu bekämpfen, ist kein wirklich neues Phänomen. Diese verschwitzte Haltung ist ja regelmäßig zu beobachten, wenn wieder einmal ein nicht ausreichend wertschätzend behandelter Noch-nicht-
so-lange-Hierseiender einen Ungläubigen enthauptet, wie jüngste einem französischen Lehrer geschehen ist. Alles bloß Einzelfälle: Nach dieser Devise wird von der politischen Linken nach derartigen Anschlägen der Zusammenhang zwischen der von der Linken präferierten Politik weitgehend offener Grenzen für die "Schutzerflehenden" und der damit verbundenen Zuwanderung von Islamisten verschleiert.

Umso bemerkenswerter war, was nach der Enthauptung in Paris der stellvertretende SPD-Chef Kevin Kühnert von sich gab: "Vor fünf Tagen wurde Samuel Paty von einem Islamisten brutal ermordet. Das Land steht unter Schock und trauert. Und in Deutschland? Herrscht auffällige Stille. Gerade links der Mitte. Das muss aufhören", twitterte der Juso und nannte das Verhältnis der Linken zum Islamismus "deren blindesten Fleck".

Unterstützung bekam er vom "Spiegel"-Autor Sascha Lobo: "Die meisten Linken (ich auch) haben es anders erhofft - aber es gibt einen islamistischen Radikalisierungsprozess unter Geflüchteten. Es ist keine Option, diese Tatsachen in der Debatte von links elegant auszusparen." Für derartige Beobachtungen wurde man bisher vom Twitter-Volksgerichtshof zum sozialen Tod verurteilt, wegen Islamophobie und Hassrede. "Empört euch!", adressiert hingegen Lobo die Linke, "sonst könnt ihr euch eure Moral in die mit sicherlich fair gehandeltem, mikroplastikfreiem Shampoo gewaschenen Haare schmieren."

Wenn nun prominente Linke wie Lobo oder Kühnert ihre Positionen derart emotional völlig neu definieren, gibt das Anlass zur Hoffnung. Allerdings nur, wenn dahinter kein Opportunismus, sondern ein ehrlicher Prozess der Läuterung steht. Denn hinter den von den beiden adressierten Unzulänglichkeiten stehen ja politische Kausalitäten, die der französische Autor und Pädagoge Jean-Pierre Odin so beschreibt: "Die Mehrheit der Linken trägt ganz klar Verantwortung für die Untätigkeit (im Kampf gegen den Islamismus). Die Opfer-Linke ist das Erbe Frantz Fanons angetreten, des Autors von ‚Die Verdammten dieser Erde‘. Bis dahin galten die Proletarier der westlichen Welt als die Verdammten. Auf einmal waren es die Völker der Dritten Welt. Diese Linke geht im Namen ihres Kampfes gegen den Imperialismus eine unheilige, weil religiöse Allianz ein."

Das erklärt auch die bizarre, gelegentlich ins Antisemitische abgleitende Zuneigung der europäischen Linken für den Kampf der Palästinenser gegen Israel. Besonders in Österreich gibt es da seit Bruno Kreisky eine eher unselige Tradition der unguten Palästinenser-Versteherei, die zu entsorgen der SPÖ ausgesprochen gut zu Gesicht stünde. Eine entsprechende Grundsatzrede von Pamela Rendi-Wagner wäre keine schlechte Idee.