Dieser Tage erinnern sich viele Wienerinnen und Wiener an den Glanz vergangener Zeiten. Daran, dass das Dianabad bereits mehrere Jahrzehnte vor der Regulierung des Donaukanals und dem Bau der Hochquellwasserleitungen, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, eröffnet wurde. Ursprünglich als Badehaus konzipiert, fungierte es nach mehreren Umbauten ab 1843 als Europas erste überdachte Winterschwimmhalle. Eine Halle, die in Doppelnutzung auch als Ball- und Konzertsaal beliebt war; sogar die Uraufführung von Johann Strauss’ "An der schönen blauen Donau" fand 1867 in den Sälen des Bades statt.

Um den kulturellen Wert dieser Badeinstitution zur Gänze fassen zu können, muss ein wenig tiefer getaucht werden. Denn wenn nun die Pforten schließen, bleibt - lange, nachdem das letzte Plätschern der Wellen verhallt sein wird - eine Frage offen: Was sagt es über eine Stadt aus, wenn eines ihrer altehrwürdigsten Bäder für immer schließt?

Manifestation der Bäderkultur

David Sailer absolvierte geistes-, sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Studien und promovierte in Wien. Er war 15 Jahre lang Leistungsschwimmer und mehrfacher Wiener Landes- sowie (Jugend-)Staatsmeister. - © privat
David Sailer absolvierte geistes-, sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Studien und promovierte in Wien. Er war 15 Jahre lang Leistungsschwimmer und mehrfacher Wiener Landes- sowie (Jugend-)Staatsmeister. - © privat

In der Kaiserstadt Wien erkannte man den Wert des Schwimmens sehr früh. Das erste von insgesamt vier Dianabädern avancierte zum technischen Repräsentationsbau bürgerlicher Naturkontrolle. Erstmals seit dem Ende der römischen Thermenanlagen schuf man die Möglichkeit, unabhängig von Fluss- und Strombädern in der Stadt schwimmen zu können. Die aufsehenerregende Eröffnung der ersten Winterschwimmschule Europas im Dianabad positionierte das Schwimmen als Kulturtechnik im Sinne der Disziplinierung des Wassers. Die Institution Dianabad vereinte für zahlungskräftiges Publikum unter einem Dach, was gegenwärtig geradezu selbstverständlich erscheint: unterschiedlichste Badetraditionen, von orientalisch-türkischen über finnisch-russische Dampfbäder, bis hin zu Wannen- und Brausebädern sowie genormten Sportbädern.

Neben gesundheitlich-regenerativen Aspekten der bekannten Volks- und Tröpferlbäder waren und sind Badeanstalten Orte der Vergesellschaftung. Gesellschaftshistorisch bildeten sich neuartige Grenzziehungen zwischen Öffentlichkeit und Privatleben heraus; neue atmosphärische Dimensionen der Sozialisation entstanden, trotz zunächst strikter Geschlechtertrennung.

Bäder als Sehnsuchtsorte

Als neoklassizistischer Sehnsuchtsort verfehlte auch das zweite Dianabad seine Wirkung nicht. Erbaut wurde es ab 1913 als bürgerliche Hotel- und Badeanlage mit Dampf-, Sonnen und Wannenbädern samt Schönheits- und Kosmetikinstitut, Restaurant und zwei Schwimmhallen. "Mit Heini im neuen Dianabad", notierte Arthur Schnitzler am 25. Juli 1917 in sein Tagebuch. Doch auch dieser hochluxuriöse Badetempel mit seinen zahlreichen Glasmosaiken musste aufgrund schwerer Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg in den 1960ern dem dritten Dianabad und dieses wiederum Ende der 1990er dem heutigen, vierten Dianabad weichen.

Dass in der Kulturstadt Wien eine traditionelle Badeanstalt schließt und zur gleichen Zeit Gürtel-Pool-Projekte finanziert werden, ist irritierend. Doch mit dem Dianabad geht mehr als ein historischer Wasserort Wiens verloren. Das Schließen einer solchen Sport- und Freizeitstätte entspricht dem Ausdünnen innerstädtischer Infrastruktur und ist zudem das Gegenteil einer "Sportstadt Wien", in der Hallenbäder aus allen Nähten platzen und gleichzeitig die Schwimmfähigkeiten von Kindern abnehmen.

Neue Nutzungskonzepte

Dass sich große städtische Hallenbäder kaum gewinnbringend führen lassen, ist national wie international hinlänglich bekannt. Sind kulturelle Institutionen wie diese deshalb wertlos? Wohl kaum. Anstelle es von privaten Unternehmen zu fordern, wäre es eine Kernaufgabe der Stadtverwaltung Wiens, jene Institutionen zu erbauen und zu erhalten, die einen kulturellen, gesundheits- und bildungspolitischen Gemeinwohlbeitrag leisten. Als innerstädtisches Familienbad in zentraler Lage könnten neue Nutzungskonzepte, etwa am zweiten Dianabad orientiert, entwickelt werden. Dabei wäre kein Badepalast vonnöten; der Einbau eines Sportbeckens, die Erweiterung um Schulschwimmkurse und der Erhalt des Erlebnisbades für Kinder wären ausreichend, damit Jungfamilien mehr bliebe als überfüllte Hallenbäder oder der Weg in die Therme.

Kulturtechnik Schwimmen

Das Schwimmen war und bleibt eine bedeutsame Kulturtechnik. Das Erlernen derselben macht geeignete städtische Institutionen unverzichtbar. Diese leisten einen essenziellen Gemeinwohlbeitrag und sind zentraler Bestandteil dessen, was als Lebensqualität und Attraktivität moderner Stadtkultur wahrgenommen wird. Weite Strecken der Kulturgeschichte der modernen Bäderkultur - von ihren Frühformen über die Hochblüte luxuriöser Badetempel bis hin zum modern funktionalen Hallen- und Erlebnisbad - sind an einer einzigen Institution wie dem Dianabad ablesbar. Durch dessen Schließung beraubt sich Wien der Chance, ebendiese Kulturgeschichte des Bades ein Stück weiterzuschreiben.

In der Monarchie, Revolutionen und Weltkriegen sowie zwei Republiken blieb das Dianabad stets treuer Begleiter einer allmählich erwachenden Bäderkultur. Durch alle Umbrüche und über Zeitenwenden hinweg begleitete es Generationen von Wienerinnen und Wienern und wurde zur Heimat ihres Freizeit- und Badevergnügens. In diesem pandemischen Herbst 2020 schließen die Pforten der altehrwürdigen Institution für immer. Selbst wenn die kulturelle Bedeutung des Dianabades nicht weiter interessierte: Während einer globalen Pandemie, in der Gesundheitsbewusstsein und Sensibilisierung in Hygienefragen nicht nur wachsen, sondern von der Bevölkerung eingefordert werden, wo überall mehr Abstand eingemahnt wird, reduziert Wien, trotz steigender Bevölkerungszahl, die innerstädtische netto zur Verfügung stehende Wasserfläche. Welch ein falsches Signal.