Viel wurde über "Helden und Heldinnen" in der Corona-Krise geschrieben, die trotz widrigster Umstände die Funktionsfähigkeit unserer Systeme aufrechterhalten haben. Und das völlig zu Recht. Ich hoffe, es löst keine Empörung aus, wenn ich nun eine weitere Personengruppe in die Heldenschaft hineinreklamiere, und zwar eine der meistgescholtenen: die Politiker, die in Zeiten wie diesen Spitzenämter in Bund und Ländern bekleiden. Dabei geht es nicht um bestimmte Personen, sondern um die Ausübung deren verantwortungsvoller Funktionen.

Erhard Fürst war Leiter der Abteilung Industrie- und Wirtschaftspolitik in der Industriellenvereinigung. - © privat
Erhard Fürst war Leiter der Abteilung Industrie- und Wirtschaftspolitik in der Industriellenvereinigung. - © privat

Schon in normalen Zeiten ist Spitzenpolitiker einer der aufreibendsten Berufe, was Zeitaufwand, Exponiertheit in der Öffentlichkeit ohne Schonung des Privatlebens, menschenunwürdige Aggressionen und damit permanenten Stress betrifft. Das Management der Corona-Krise und der damit einhergehenden Wirtschaftskrise bedeutet eine nahezu übermenschliche Zusatzbelastung, on top zur laufenden Politik, wozu noch die großen Herausforderungen Klimapolitik und Digitalisierung kommen.

Beispiel Corona-Pandemie: Die jeweils Verantwortung tragenden Politiker stehen vor einer ganz neuen Erfahrung, die Entscheidungen über Leben, Krankheit oder Tod erfordert, auch wenn ungern darüber gesprochen wird, und über die wirtschaftliche Existenz von Bürgern. Natürlich stehen Experten zur Verfügung, denen jedoch vielfach auch Pandemieerfahrung und Politikverständnis fehlen. Dazu kommt die Realität der Forschung, die ständig im Fluss ist und vorläufige Erkenntnisse laufend durch neue Hypothesen in Frage stellt. Es gibt nicht die eine Expertenmeinung, der die Politik folgen könnte. Und Fachexperten sind nicht berufen, Abwägungsüberlegungen anzustellen. Diese bleiben der Politik vorbehalten.

Die Verantwortungsträger, gleich welcher Parteizugehörigkeit, stehen unter Dauerbeschuss der politischen Opposition. Die Zustimmung der SPÖ zum jüngsten Corona-Maßnahmenkatalog sei hier als positive Ausnahme erwähnt. Auch der öffentliche Rundfunk bekleckert sich nicht mit Ruhm, wenn er immer wieder neue Experten vors Mikrofon lädt und ihnen nicht kompetente Urteile zur Kommunikationspolitik der Regierung abverlangt. Damit wird der Durchschnittsbürger heillos überfordert. Maßnahmenentscheidungen werden umgehend von Verfassungsjuristen seziert und landen vor den Höchstgerichten, die selbst erst eine Spruchpraxis entwickeln müssen. Ihre (negativen) Erkenntnisse werden nicht als Stufen eines Lernprozesses, sondern ausschließlich als politische Niederlage der jeweiligen Regierung interpretiert.

Und jetzt noch der furchtbare Terroranschlag in Wien mit mehreren Toten - ein 24-Stunden-Tag für den Innenminister und den Wiener Bürgermeister, ihre Stäbe und die unzähligen Einsatzkräfte.

Kurz und gut, ein bisschen mehr Demut stünde den hunderttausenden österreichischen "Virus- und Pandemiespezialisten" gut an; ebenso deutlich mehr Anerkennung durch uns alle für die Leistung unserer Spitzenpolitiker auf Bundes- und Landesebene in dieser Megakrise, welcher Partei sie auch zuzurechnen sind. Ein Vergleich mit dem Spitzenpersonal vieler anderer Länder sollte uns sicher machen.