Dass in vielen Medien dauernd verglichen wird, welches Land der EU gerade wie gut oder wie schlecht unterwegs ist beim Kampf gegen die Corona-Pandemie, ist rein menschlich verständlich. Bei vielen anderen Parametern ist das ja auch so üblich, von der Wirtschaftsleistung bis zum durchschnittlichen Alkoholkonsum pro Kopf. In der Causa Corona freilich hat dieses statistische Pferderennen mittlerweile kaum noch einen Sinn - die Daten sind nämlich mittlerweile in fast allen europäischen Staaten im Großen und Ganzen annähernd gleich, leider aber gleich schlecht. Sie zu vergleichen bringt daher immer weniger Nutzen.

Sinn hingegen hat es, diese traurigen Zahlen zu vergleichen mit den Werten, die etwa in Südkorea, Taiwan und anderen asiatischen Staaten gemessen werden. Die sind nämlich unvergleichlich viel besser, und daraus ließe sich deshalb viel mehr lernen als von üblichen innereuropäischen Vergleichen. Taiwan etwa, ein Staat mit immerhin 23 Millionen Einwohnern und extrem dicht verbauten Metropolen, hat seit über 200 Tagen nicht eine einzige Neuinfektion verzeichnet, und das trotz teilweise offener Grenzen und damit einzelnen Einreisen von Infizierten. Ähnlich die Lage in Südkorea, einem Land mit mehr als 50 Millionen Menschen, also fast so vielen wie Italien, wo sich in den vergangenen Wochen meistens nicht mehr als 100 Menschen pro Tag angesteckt haben - ein winziger Bruchteil der europäischen Werte, das Virus ist völlig unter Kontrolle.

Ausgerechnet der grüne Bürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, hat gefordert, daraus Konsequenzen zu ziehen. "Das Geheimnis ist modernste Technik in der Kontaktverfolgung", schrieb er in der "Welt". "Taiwan ermittelt für jeden Infizierten rund 30 Kontaktpersonen, die in strenge Quarantäne geschickt werden. Bei uns ermitteln die Gesundheitsämter mit ihrer Zettelwirtschaft etwa drei Kontaktpersonen, und das meistens, wenn das Virus schon weitergegeben wurde. Taiwan hat heuer 340.000 Menschen in Quarantäne geschickt und damit ein normales Leben mit Wirtschaftswachstum für 23 Millionen Bürger gesichert. Südkorea ist ähnlich konsequent und erfolgreich."

Der Preis dafür ist freilich eine wesentliche, wenn auch hoffentlich nur temporäre schwere Beeinträchtigung des Rechtes auf Privatheit. "Genutzt werden in beiden Staaten - sprechen wir es ganz offen an - Instrumente des Überwachungsstaates", konzediert der Grüne Palmer, "Quarantäne wird durch GPS-Verfolgung kontrolliert. Für die Kontaktermittlung sind Handydaten genauso offensiv im Einsatz wie die von Kreditkarten."

All das wäre in Österreich oder Deutschland undenkbar, und zwar aus gutem Grunde. Sollte aber, was leider nicht auszuschließen ist, der zweite Lockdown nicht so gut wirken wie der erste und eine Situation drohen, wo das ganz Land über Monate eingeschläfert werden muss, wäre ein - zeitlich streng limitiertes - Umschwenken auf den asiatischen Weg zumindest eine Überlegung wert. "Der Lockdown im November ist nicht mehr abzuwenden. Ich trage ihn mit", meint Palmer. "Aber die Suche nach besseren Wegen sollte jetzt endlich beginnen."