"Hoffentlich ist der Anschlag nicht islamistisch motiviert" - das war mein erster Gedanke, als meine Nachbarn am Abend des 2. November an meiner Tür klopften. Als ich bei ihnen vor dem Fernseher saß, realisierte ich, wie absurd mein erster Gedanke war. Es ging nicht um den Hintergrund des Terroranschlages, sondern um die Tatsache, dass die lebenswerteste Stadt der Welt von Terror attackiert wurde und unschuldige Menschen bestialisch ermordet wurden.

Jad Turjman wurde 1989 in Damaskus geboren, 2014 flüchtete er nach Erhalt eines Einberufungsbefehls nach Österreich, wo er heute als Autor, Stand-up-Comedian, Poetryslammer und Workshopleiter lebt (www.jadturjman.com). - © Fotoflausen
Jad Turjman wurde 1989 in Damaskus geboren, 2014 flüchtete er nach Erhalt eines Einberufungsbefehls nach Österreich, wo er heute als Autor, Stand-up-Comedian, Poetryslammer und Workshopleiter lebt (www.jadturjman.com). - © Fotoflausen

Aber als Workshopleiter an Schulen, der Themen wie Zusammenleben und Integration, aber auch Extremismus behandelt, weiß ich, welche verehrenden Auswirkungen dieser feige Anschlag auf unsere Gesellschaft, besonders Muslime, haben könnte. Denn nach so einem Terroranschlag müssen oft Muslime die Rechnung dafür zahlen. Ich dachte dabei an die unschuldige kopftuchtragende Frau, die vielleicht später auf einem offenen Platz Opfer einer Gewalttat wird, an die rechtspopulistische Propaganda, die sich dieses Attentat zunutze macht und Hass und Hitze verbreitet, an die österreichische Frau, die abends Angst haben wird, wenn ich in einer dunklen Gasse zufällig hinter ihr gehe.

Seine Fluchterlebnisse und Eindrücke erzählt Jad Turjman in der Autobiografie "Wenn der Jasmin auswandert" (Residenz Verlag 2019). - © privat
Seine Fluchterlebnisse und Eindrücke erzählt Jad Turjman in der Autobiografie "Wenn der Jasmin auswandert" (Residenz Verlag 2019). - © privat

Ich bin der Gesichtslose, der sich schuldig fühlt, wenn ein anderer Gesichtsloser einen Fehler macht. Ich bin der Gesichtslose, der sich bedroht fühlt von den Berichten der Medien, wenn die Gesichtslosen erwähnt werden.

Als ich die ersten Videos des Attentats in den Boulevardmedien sah, kamen in mir überwältigende Blitzerinnerungen hoch vom Krieg in Syrien, aber auch von meiner Entführung: Im Sommer 2013 wurde ich von einer islamistischen Terrormiliz namens Al-Nusra-Front, dem Vorläufer des IS, bei Damaskus entführt, gefoltert und war Augenzeuge bei einer grausamen Hinrichtung. Ich bin dank des Lösegelds meines Vaters der Einzige von fünf Männern aus dem dunklen Keller, der noch am Leben ist.

Terror und Gräueltaten im Namen der Religion

Eine Rose in einem Einschussloch erinnert an den Terroranschlag vom 2. November. - © apa/Helmut Fohringer
Eine Rose in einem Einschussloch erinnert an den Terroranschlag vom 2. November. - © apa/Helmut Fohringer

Ich weiß ganz genau, welche Emotionen Terroranschläge und Gräueltaten im Namen der Religion in einem auslösen. Ich weiß auch durch meine Betroffenheit von dieser barbarischen Ideologie und durch meine Arbeit gegen Radikalisierung, dass es kein anderes Ziel des Anschlages gibt, außer Angst zu verbreiten. Die Terroristen wollen bewusst die Gesellschaft spalten und polarisieren und das aus verschiedenen Gründen. Je größer die Wut und der Hass auf Muslime in Europa im Alltag werden, desto einfacher wird es, sie für ihre Ideologie zu begeistern. Je mehr Muslime von der Gesellschaft ausgegrenzt werden und Aggressionen ausgesetzt sind, desto leichter können sie von Extremsten rekrutiert werden. Der Mörder von Wien hat bekanntlich wahllos auf Menschen geschossen. Eines der Opfer ist Moslem und hat wie der Täter nordmazedonische Wurzeln. Die Terroristen wollen primär ein brutales Bild schaffen, das die Gesellschaft in Angst und Schrecken versetzt und die gewünschte Dynamik hervorruft.

Ich bin der Flüchtling, kennst du mich nicht? Ich bin sehr berühmt. Ich bin für den Aufstieg der Rechtsextremen in Europa verantwortlich. Ich zahle tagtäglich die Rechnung für die Waffenindustrie, um sie am Leben zu halten. Ich bin der Kompass in den Reden so mancher Politiker, vom Anfang bis zum Ende. Denn für sie bin ich gefährlicher als Klimawandel, Umweltverschmutzung, Drogenkonsum oder Altersarmut.

Ich bin ziemlich religiös aufgewachsen. Als Kind besuchte ich die Koranschule und bekam für das Auswendiglernen dreier Kapitel des Korans eine Auszeichnung. Ich besuchte mit meinem Vater und meinem Bruder verschiedene Islamunterrichte und begann, als ich zehn Jahre alt war, im Ramadan zu fasten. Ich erlebte einen ganz anderen Islam als denjenigen, den diese Monster vertreten.

Die Gewaltspirale
darf sich nicht drehen

Ich schreibe nicht, um den Islam zu verteidigen. Ich bin überzeugt davon, dass der Islam auf verschiedenen Ebenen eine andauernde Auseinandersetzung mit sich selbst braucht. Wenn man die heftige Reaktion vieler Muslime auf die beleidigenden Karikaturen des Propheten beobachtet, wird der Bedarf einer kritischen Aufklärung innerhalb bestimmter muslimischer Glaubensgemeinschaften deutlich.

Ich bin auch überzeugt, wenn der Prophet selbst noch am Leben wäre, würden ihn die Morde und das bestialische Abschlachten im Namen des Islams viel mehr treffen, entsetzen und empören als irgendwelche Karikaturen. Diese absurde Gewaltbereitschaft ist keine Realität, die ich für mich akzeptieren will. Ich vermische hier keinen Islam mit politischem Islam oder "richtigen" Islam mit "falschem". Diese Unterscheidung sorgt nur für Verwirrung und Ablenkung. Ein kritischer und aufgeklärter Zugang soll fundmental dem ganzen Islam selbstverständlich sein.

Ich schreibe auch nicht, um mich von diesem grausamen Terroranschlag zu distanzieren, denn das ist selbstredend. Auch wenn es zu oft erwartet wird, dass alle Muslime sich für die Gewalttaten anderer Muslime entschuldigen. So wie es selbstverständlich ist, dass sich christlich sozialisierte Menschen von den Attentätern von Hanau und Christchurch nicht distanzieren müssen.

Ich schreibe nur, weil wir alle von dieser terroristischen Gewalt betroffen sind. Weil jeglicher Terror unser gemeinsamer Feind ist. Weil wir jetzt mehr denn je zusammenrücken müssen, um nicht in die IS-Falle zu tappen. Die Gewaltspirale darf sich nicht drehen!

Ein paar Tagen nach dem Anschlag bin ich zuversichtlich. Ich erlebe eine solidarische und zusammenhaltende Welle, die sich durch die Gesellschaft zieht und gemeinsam den Terror im Keim ersticken will.

Ich schreibe, weil ich mir ein Gehör und eine Stimme verschaffen will. Ich trete auf die Bühne auf, damit wir beide über unsere Ängste lachen können. Ich strecke dir meine Hand aus, weil ich nicht will, dass du mich als Fremden siehst und ich mich als Solcher fühle.