Das Coronavirus hat unser aller Leben auf den Kopf gestellt. Die Kleinsten sollen ebenso wie die Erwachsenen den höchst denkbaren Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten. Die Regierung hat dafür lediglich Worte des Bedauerns übrig, argumentiert wird mit der Solidarität gegenüber der Gesellschaft als Ganzer. Doch was ist mit der Solidarität den Kindern und ihren Familien gegenüber?

Derai Al Nuaimi ist Vorsitzender der Bundesjugendvertretung (www.bjv.at), der gesetzlich verankerten Interessenvertretung aller Kinder und Jugendlichen in Österreich mit 56 Mitgliedsorganisationen. - © BJV
Derai Al Nuaimi ist Vorsitzender der Bundesjugendvertretung (www.bjv.at), der gesetzlich verankerten Interessenvertretung aller Kinder und Jugendlichen in Österreich mit 56 Mitgliedsorganisationen. - © BJV

Spätestens seit dem ersten Lockdown ist klar, welch geringen Stellenwert Kinder und ihre Familien in Österreich für die Politik haben. Plötzlich werden Kinder in der Krise wieder zur Privatsache erklärt. Die baldige Öffnung von Golfplätzen und Bauhäusern war damals wichtiger, als tausenden Schülerinnen und Schülern die Unsicherheit zu nehmen und wieder einen geregelten Schulbetrieb zu ermöglichen. Statt aus den Fehlern im Frühjahr zu lernen, erleben wir erneut eine katastrophale Situation auf Kosten von Kindern und Jugendlichen. Es wird schon klappen, lautete wiederholt die Devise der Regierung zum Schulbeginn.

Geringe politische Bedeutung von Kindern und Jugendlichen

- © adobe stock/fotomek
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Doch so richtig geklappt hat es bis heute nicht: Statt mit einem durchdachten Konzept in den Herbst zu starten, herrschen nach wie vor große Unklarheiten und chaotische Zustände an den Bildungseinrichtungen. Offensichtlich haben Kinder und Jugendliche keine vergleichbare politische Bedeutung wie etwa die Rettung von Konzernen mit Beträgen in Milliardenhöhe.

Die Probleme, die sich im Bildungssystem auftun, setzen sich am Arbeitsmarkt fort. Die Kündigungswelle im Frühjahr hat vor allem junge Menschen hart getroffen. Viele haben ihre Stelle verloren und suchen seither vergebens nach einem Arbeitsplatz. Andere haben erst kürzlich ihre Lehre abgeschlossen und finden nun, trotz dutzender Bewerbungen, keinen Job. Einmalzahlungen an Betriebe und Jobsuchende sind zwar nett gemeint, aber definitiv keine nachhaltigen Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit, die stetig steigt.

Bereits vor der Corona-Pandemie gab es gesellschaftliche Probleme und Ungleichheiten, die nun drastisch verdeutlicht wurden. Junge Menschen haben es satt, von einer Krise in die nächste zu schlittern und die Rechnung für verfehlte Politik zu tragen. Statt sie als Zukunft zu sehen, werden junge Menschen ihrer Zukunft beraubt. Zu oft wurden in den vergangenen Jahren Scheindebatten geführt und politische Grabenkämpfe auf dem Rücken von Kindern und Jugendlichen ausgetragen, statt mit Weitsicht zu handeln und zukunftsorientierte Politik zu betreiben. Wie soll eine ganze Generation Vertrauen in sich und ihre Zukunft finden, wenn sie selbst immer wieder vergessen wird?

"Kompass für eine
gerechte Gesellschaft"

Es ist an der Zeit, endlich hinzuschauen und die Anliegen, Sorgen und Ängste von Kindern und Jugendlichen ernst zu nehmen. Junge Menschen wollen raus aus dem Krisenmodus und nicht zum Status quo zurück. Die Bundesjugendvertretung (BJV) hat deshalb einen "Kompass für eine gerechte Gesellschaft" erstellt. Darin zeigt sie Schritte auf, die auf dem Weg zur gerechten und krisenfesten Gesellschaft notwendig sind:

Aus Kinder- und Jugendsicht ist eine gerechte Gesellschaft nur möglich, wenn Wohlstand gerecht verteilt wird. Schon vor der Pandemie war jedes fünfte Kind in Österreich von Armut betroffen oder bedroht. Diese Zahl wird angesichts der aktuell schwierigen Lage am Arbeitsmarkt dramatisch steigen. Deshalb fordert die BJV endlich Steuergerechtigkeit, die sowohl dem individuellen Wohlstand als auch dem Gemeinwohl nützt. Außerdem fordert die BJV schon lange die Einführung einer universellen Kindergrundsicherung.

Im Kampf gegen die Verfestigung ungleicher Chancen spielt Bildung eine entscheidende Rolle. Daher braucht es im gesamten Bildungsbereich bundesweit einheitliche Mindeststandards und einen fairen Zugang zur digitalen Lehre. Österreich muss endlich im Zeitalter der Digitalisierung ankommen und diese auch in das Bildungssystem und in die Ausbildung von zukünftigen Lehrkräften integrieren. Um gezielt gegen Jugendarbeitslosigkeit vorzugehen, ist die Schaffung neuer Lehrberufe im ökologischen, sozialen und digitalen Bereich notwendig.

Wie wichtig ein gutes Gesundheitssystem ist, hat Corona deutlich gezeigt. Darum braucht es neben dem Ausbau von Angeboten auch bessere Rahmenbedingungen für Berufsgruppen im Gesundheitsbereich.

Zuletzt dürfen wir nicht vergessen, dass wir weiterhin und bald unaufhaltsam auf eine Klimakatastrophe zusteuern, deren Auswirkungen sich ungleich in der Gesellschaft verteilen, sei es gesundheitlich oder ökonomisch. Umso wichtiger ist es, dass die Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise immer von einem sozialen Ausgleich begleitet werden.

Der "Kompass für eine gerechte Gesellschaft" enthält Forderungen, die als Wegweiser für eine zukunftsorientierte und nachhaltige Politik zu verstehen sind. Gerade deshalb ist es wichtig, dass alle Bereiche, die sich auf junge Menschen auswirken, gleichermaßen berücksichtigt und mit politischen Maßnahmen versehen werden. Denn junge Menschen wollen eine Gesellschaft für alle. Und zwar wirklich alle, nicht nur die, die ohnehin eine laute Stimme haben.