Zunächst ist zu betonen, dass das "weiße Band" der Ökumene der großen Weltreligionen alternativlos ist und den einzigen möglichen Weg bildet, nach den Terroranschlägen in Frankreich und Österreich einen Weg nach vorne zu finden. Als Gesellschaftswissenschaftern obliegt uns freilich die Pflicht, analytische Perspektiven zu erarbeiten, die für die Sicherheit in Österreich und Europa künftig relevant sind.

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Perspektiven, die in der Disziplin in der Vergangenheit geäußert wurden, wie etwa, Terrorismus sei weniger gefährlich als ein (herabfallende) Küchenkasten, oder (ausgerechnet zum 100. Geburtstag der österreichischen Bundesverfassung) Sharia-Gerichte für die ansässige muslimische Bevölkerung seien ein gangbarer Weg der Integration, waren ja, gelinde gesagt, nicht sehr hilfreich. Es hieße, sich wie der Herr Biedermann im weltbekannten Theaterstück von Max Frisch gegenüber den Brandstiftern zu verhalten und nicht das planmäßige und zerstörerische Werk der islamistischen Gotteskrieger in Europa zu sehen. Im Folgenden seien hier einige Perspektiven angeführt, die für die künftigen Strategien des österreichischen und europäischen Staatsapparats im Umgang mit der aktuellen Krise vielleicht sinnvoll sind.

IS will Frieden Israels mit Golfstaaten untergraben

Muslime mit Terrorismus gleichzusetzen, ist ungerecht - erinnern Sie sich nur an das heldenhafte Beispiel des jordanischen Luftwaffenpiloten Muath Safi Yousef Al-Kasasbeh, der am 3. Jänner 2015 vom IS lebendig verbrannt wurde, nachdem seine F-16 während einer Operation über IS-Territorium abgestürzt war. Er war ein gläubiger Muslim und ein jordanischer Patriot. Vielleicht täten unsere Streitkräfte gut daran, sichtbar für all unsere Rekruten sein Andenken zu ehren. Zu den Muslimen zählen heute auch jene 6 Prozent der arabischen Bevölkerung, die laut dem ACRPS-Institut in Katar trotz des vorherrschenden Klimas der anti-israelischen Hysterie für die diplomatische Anerkennung Israels eintreten.

Das Meir Amit Intelligence and Information Center in Israel, das als offiziöses Online-Portal sämtlicher israelischer Sicherheitsdienste angesehen werden kann, analysierte bereits einige Wochen vor dem Anschlag in Wien die Strategie der IS und kam zu dem Schluss, dass die für die globale Ökumene und den globalen Frieden so wichtigen "Abraham-Verträge" zwischen Israel und den Golfstaaten Bahrain und Vereinigte Arabische Emirate nun ein besonderes Angriffsziel der Terrorgruppe sein werden. Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass für unsere jüdischen Einrichtungen weltweit, 82 Jahre nach den Novemberpogromen 1938, höchste Gefahr besteht.

Con Coughlin schrieb in der in den Vereinigten Arabischen Emiraten erscheinenden englischsprachigen Zeitung "The National" am 5. November, wenn Europa wirksame Maßnahmen ergreifen wolle, um die Aktivitäten von Extremisten einzudämmen, sollte es sich auf Länder konzentrieren, die militante Aktivitäten unterstützen und fördern. Die Muslimbruderschaft, die Hamas und die Hisbollah würden ohne die Unterstützung der Türkei und des Iran ums Überleben kämpfen. Europa müsste also damit beginnen, diese Länder für ihre Handlungen zur Rechenschaft zu ziehen. Coughlin bemerkte auch, dass die wütenden Attacken des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gegen seinen französischen Amtskollegen Emmanuel Macron zu dem Zeitpunkt erfolgten, als die französischen Behörden nach der Enthauptung von Samuel Paty eine Pro-Hamas-Moschee in Paris schlossen, die beschuldigt wurde, direkt in den Mord verwickelt gewesen zu sein.

Türkei: Dreh- und Angelpunkt für Islamisten

Oberst Mordechai Kedar, einer der herausragenden Arabien-Analysten der israelischen Streitkräfte, führte jüngst aus, wie eng die Kooperation der Türkei unter Erdogan mit der radikalen, gewaltbereiten Islamistenszene in Nahost schon geworden ist:

Es gibt eine türkische Beteiligung am Ölgeschäft des IS.

Tausende muslimische Freiwillige, die sich mit den Zielen und Methoden des IS identifizierten, gingen aus muslimischen Ländern, Europa, Amerika, Afrika, Australien und sogar Israel in den Islamischen Staat. Die türkischen Behörden haben praktisch nichts unternommen, um dies wirklich zu verhindern.

Laut Kedar wurde weithin über illegale Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an syrische Dschihadisten berichtet.

Die Türkei erlaube IS-Kräften auch, Angriffe auf ihre Gegner von türkischem Gebiet aus zu starten. Ein hochrangiger ägyptischer Beamter gab im Oktober 2014 an, dass der türkische Geheimdienst Satellitenbilder und andere Daten an den IS weitergeleitet habe.

Heute steht die Staatsführung in der Türkei laut Kedar unter dem Einfluss der Doktrin der Muslimbruderschaft.

Pragmatische sunnitische Orientierung in Österreich

Für eine erfolgreiche Strategie gegen den Terror wird es auch von Bedeutung sein, dass sich der Islam in Österreich vor allem an den pragmatischen sunnitischen Staaten orientiert. Das Institut für nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv bestimmt die folgenden politischen Kräfte in der Golfregion und im größeren Nahen Osten:

Die radikale schiitische Achse: Nach unseren Meinungsdaten sehen nur 8 Prozent aller Befragten in 13 arabischen Ländern und Gebieten die iranische Außenpolitik sehr positiv. Der Widerstand der arabischen Öffentlichkeit gegen dieses Lager ist heute beträchtlich: 58 Prozent sehen die iranische Außenpolitik negativ.

Die pragmatischen sunnitischen Staaten: Dieser Block umfasst Ägypten, Jordanien, Marokko, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und die anderen arabischen Golfstaaten (außer Katar). Daten aus dem arabischen Barometer legen nahe, dass 41 Prozent aller Araber die Muslimbruderschaft als stärkste und kohärenteste Kraft der sunnitischen Islamisten negativ sehen.

Die sunnitischen Islamisten: Zu dieser Gruppe gehören Anhänger des "politischen Islam" im Stil der Muslimbruderschaft wie die Türkei, bis zu einem gewissen Grad Katar und sicherlich die Hamas sowie Überreste der Bruderschaft und ihrer abgeleiteten Bewegungen in der gesamten Region, wie Ennahdha, die dominierende politische Partei in Tunesien. Daten aus dem arabischen Barometer legen nahe, dass leider noch immer 49 Prozent aller Araber die Führungspersönlichkeit des zeitgenössischen sunnitischen Islamismus, den türkischen Präsidenten Erdogan, positiv beurteilen.

Die Dschihadisten: Dieses Lager umfasst den Islamischen Staat (IS) und Al-Kaida sowie die mit ihnen verbundenen Terrororganisationen. Laut dem neuesten arabischen Meinungsindex unterstützen lediglich 3 Prozent aller Araber den IS (Daesh) jetzt offen und nachdrücklich und 2 weitere Prozent in gewissem Maße. Die Unterstützung für den IS ist seit 2014 zurückgegangen - damals beurteilten 4 Prozent aller Einwohner der arabischen Welt den IS sehr positiv und weitere 7 Prozent teilweise positiv.

Einzigartiger, neuartiger und zukunftsweisender Ansatz

Blicken wir nach vorne. Uns interessieren weder kulturalistische Attacken gegen "den Islam" noch Biedermann-artige Reflexe des Wegschauens. Die bestehenden Daten über die zarte Blüte der demokratischen Zivilgesellschaft in der arabischen Welt müssen mit einem einzigartigen, neuartigen und zukunftsweisenden Ansatz gekoppelt werden, um Sir Karl Poppers Modell der offenen Gesellschaft und die Theologie des Islam in Einklang zu bringen, nämlich die Schriften des schiitischen muslimischen US-Gelehrten Hossein Askari. Sein Index der Islamizität ist ein statistisches und sozialwissenschaftliches Instrument, wie eine Gesellschaft das erfüllt, was Askari den Islam als regelbasierte Religion nennt. Askari versuchte in seiner Forschung, die folgenden Fragen zu beantworten:

Was sollten die Merkmale einer wirklich regelkonformen muslimischen Gemeinschaft sein?

Wo sind die Daten zu diesen Merkmalen zu finden?

Wie können verschiedene Daten in einer einzelnen Zahl oder einem Index zusammengefasst werden (oder welche Bedeutung oder Gewichtung sollte jedem Merkmal zugewiesen werden)?

Ausgehend von Mohammad Abduhs (1849 bis 1905) berühmtem Zitat - "Ich ging in den Westen und sah den Islam, aber keine Muslime. Ich bin in den Osten zurückgekehrt und habe Muslime gesehen, aber keinen Islam" - erarbeiteten Askari und sein Forschungsteam statistische Indizes, wie theologische Formulierungen aus dem Koran auf moderne Indikatoren betreffend Ökonomie (zum Beispiel "Human Development Index"), Politik (etwa "Good Governance"), Menschenrechte und internationale Beziehungen (Reisefreiheit, geringe Militarisierung etc.) projiziert werden können. Askari und sein Team glauben, dass in der muslimischen Welt heute Geistliche, Herrscher, Politiker, Terroristen, Institutionen, Organisationen und Einzelpersonen am Werk sind, die sich für eine Religion einsetzen, die wenig Ähnlichkeit mit den Lehren des Koran hat.

In den meisten muslimischen Ländern haben die Menschen wenig Einfluss auf die Regierungsführung ihres Landes, und es ist ihnen verboten, über ihre Religion zu diskutieren und sie zu entdecken. Herrscher und Geistliche haben sich als die einzigen legitimen Interpreten des Islam positioniert und Fragen von Muslimen routinemäßig als schlecht informiert und nicht diskussionswürdig abgetan. Eine solche Trennung zwischen den Lehren des Koran und seiner Praxis hat Radikale, Opportunisten und Terroristen dazu ermutigt, die entstandene Lücke zu füllen und eine Version des Islam zu predigen, die die Religion pervertiert, die Menschheit spaltet (Muslime gegen Muslime, Muslime gegen Christen, Muslime gegen Juden) und die Gemeinschaft der Menschheit, die den Kern aller Religionen ausmacht, zerstört.

In einer zum Thema erstellten Skala liegen Neuseeland, Schweden und Island vorne, Österreich belegt immerhin Platz 14 der Weltrangliste. Den Muslimen in Österreich sei also versichert: Sie leben in einem guten Land in einem guten Europa.