Es schien eine selbst für diese mit schlechten Nachrichten mehr als üppig versorgten Tage eine ganz besonders üble Meldung zu sein, die Mitte der Woche durch die Medien rauschte: In der Schweiz seien dank Corona alle Intensivbetten belegt, selbst für schwer Erkrankte sei keine angemessenen Behandlungen mehr möglich.

Wie kann das ausgerechnet in der Schweiz passieren, einem der reichsten Staaten der Welt, hat sich da wohl mancher gefragt. Und vielleicht auch gedacht: Wenn sogar das Schweizer Gesundheitssystem überlastet ist, was heißt das dann für uns?

Die eher verblüffende Antwort: zunächst einmal gar nichts. Ein Blick in die Statistik zeigt: Während es in Österreich 29 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner gibt, sind es bei den Eidgenossen nicht einmal halb so viele, nämlich 12. Daher hat Österreich derzeit noch wesentlich mehr, dringend benötigte Kapazitäten.

Dabei fällt auf, dass die Schweiz mit dieser vergleichsweise geringen Anzahl von Intensivbetten international noch im Mittelfeld liegt. In anderen reichen Länder ist dieser Wert noch viel weniger: Niederlande 7, Japan 5, Neuseeland gar nur 3,6.

Das ist insofern verblüffend, als all diese Länder ja auch eine hervorragende medizinische Versorgung bieten und im Normalbetrieb jeder Intensivpatient ein Bett bekommt. Wie kann sich das ausgehen?

Teil der Erklärung dürfte sein, dass die Österreicher viel mehr Zeit in Spitälern verbringen als der Rest der Welt, weil sehr viele Behandlungen und Eingriffe, die anderswo ambulant erledigt werden, hier mit ein oder zwei Tagen Hospitalisierung verbunden sind. Das Gesundheitsministerium spricht von einer "Spitalslastigkeit" des österreichischen Gesundheitssystems. Die enorme Anzahl der Intensivbetten in Österreich dürfte damit zusammenhängen, wobei es verblüfft, dass deren Auslastung trotzdem (ohne Covid) bei 80 bis 90 Prozent liegt, so wie in Staaten mit dramatisch weniger solcher Plätze.

Die Ursache dieses Phänomens hat schon vor einigen Jahren der Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer so beschrieben: "Durch das Finanzierungssystem geraten die Häuser immer mehr unter Druck. Statt Kapazitäten für Notfälle frei zu halten, müssen sie danach trachten, möglichst voll zu sein. Leere Betten, vor allem auf Intensivabteilungen, kosten nur und bringen nichts. Also stopft man rein, was geht - ob nötig oder nicht." Wenn das stimmt, wäre auch das Phänomen zu erklären, dass trotz hoher Auslastung im Normalbetrieb jetzt plötzlich hunderte Intensivbetten für Covid-Patienten bereit sind: weil jetzt eben nur noch jene Nicht-Covid-Patienten solche Plätze bekommen, die sie unbedingt brauchen.

Paradoxerweise ist diese traditionell nicht rasend effiziente Bewirtschaftung der extrem teuren Ressource Intensivbett über viele Jahre hinweg im Augenblick ein ganz besonderer Glücksfall, der wirklich vielen Menschen das Leben retten wird. Dass dieser Glücksfall nicht einer bewussten politischen Entscheidung geschuldet ist, sondern sozusagen Ergebnis einer Summe von Partikularinteressen ist, wäre nach dem Ende der Pandemie einer ernsten gesundheitspolitischen Debatte würdig.