Das Thema Pelz ist wieder in den Medien aufgetaucht, diesmal in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Dänemark will sämtliche Nerze im Land, also 17 Millionen Tiere, keulen lassen. Ich vermisse hierbei die Achtung vor dem Leben, allem Leben, und damit auch dem tierischen. Bei akuter Gefahr für die Gesundheit kann man gegebenenfalls über das Töten von wirklich infizierten Tieren sprechen. Aber Tiere, die vollkommen gesund sind? Hier fehlt mir auch der weltweite Aufschrei der Tierschützer. Aber das Thema Pelz und Tierschutz ist sowieso ziemlich verfahren. Hier wäre ein kritischer Blick auf Pelz und seine vermeintliche Alternative sinnvoll.

Pelz spielt in Europa seit vielen Jahren keine große Rolle mehr. Die Aktivitäten gegen Pelz fingen bereits in den 1980ern an. Ich habe sogar selbst einmal an einer der jährlichen Demos "Frankfurt Pelzfrei" teilgenommen. Auf der anderen Seite habe ich mich in den vergangenen Jahren mit den Griechen in Frankfurt beschäftigt. In den 1970ern und 1980ern war das Pelzzentrum Niddastraße im Frankfurter Bahnhofsviertel das weltgrößte. Dabei spielten die griechischen Kürschner und Pelzhändler eine wesentliche Rolle. Im Sommer 2019 führte mich das Thema nach Kastoriá und Siátista in Nordgriechenland zu den letzten verbliebenen Pelzzentren im Westen. Ich habe dort mit zahlreichen Kürschnern und Pelzhändlern Gespräche geführt.

Peter Oehler ist freiberuflicher TU-Dozent und Autor mit den Schwerpunkten Griechenland, Flüchtlinge und Rezensionen. Er hat sich intensiv mit dem Pelzhandwerk und -gewerbe auseinandergesetzt. - © privat
Peter Oehler ist freiberuflicher TU-Dozent und Autor mit den Schwerpunkten Griechenland, Flüchtlinge und Rezensionen. Er hat sich intensiv mit dem Pelzhandwerk und -gewerbe auseinandergesetzt. - © privat

Wenn man hierzulande bei Linken oder Grünen das Thema Pelz anspricht, kann man ganz ordentlich ins Fettnäpfchen treten. Pelz sei nicht korrekt, heißt es dann, und dies wird als eine Ideologie hochgehalten, die nicht mehr hinterfragt wird. Dabei habe ich von einem Pelzhändler eine Version gehört, wie das Ganze entstanden ist, die eher an eine Verschwörungstheorie erinnert. Demnach soll es Anfang der 1980er manchen Kreisen in den USA ein Dorn im Auge gewesen sein, dass für Pelzbekleidung weltweit 6 Milliarden Dollar ausgegeben wurden. Man hätte es lieber gesehen, wenn für dieses Geld Autos, Chemie etc. gekauft würde.

Daraufhin sollen die USA einen ehemaligen CIA-Mitarbeiter beauftragt haben, gegen den Pelzhandel zu arbeiten, mit 50 Millionen Dollar Unterstützung, er sollte aber später 100 Millionen wieder zurückzahlen. Und dieser Mann soll sich dann Unterstützung bei den Tierschutzvereinen geholt haben. So etwas klingt natürlich recht unglaubwürdig, ist aber in den USA dennoch - nicht erst seit Donald Trump - nicht unvorstellbar. Und das Vorgehen gegen Pelz geht weiter: Im September 2019 gab es eine Abstimmung über die "Assembly Bill 44", die ein Verbot des Pelzverkaufs im Einzelhandel in ganz Kalifornien ab 2023 zum Ergebnis hatte.

Kunstpelz und
Mikroplastikmüll

Aber wie sieht die Alternative aus? Kunstpelze? Spätestens seit bekannt ist, dass die Weltmeere durch riesige Mengen Plastik vermüllt sind, sollte man einmal darüber nachdenken. Heutige Kunstpelze wirken schon täuschend echt. Das erreicht man aber dadurch, dass die einzelnen Kunsthaare so fein sind. Aber dadurch sind sie auch zerbrechlich, und es sondert sich Mikroplastik ab, das sich überall in der Umwelt niederschlägt. Manche nennen Kunstpelze "ökologisch", angesichts der Plastikproblematik ist das aber ein Schlag ins Gesicht jedes Umweltschützers.

Dagegen ist echter Pelz ein Naturprodukt. Wenn man echtes Fell vergräbt, ist es nach vier, fünf Jahren vollständig verrottet. Kunstfell ist aber auch nach vier- oder fünfhundert Jahren noch da. Pelz ist also ein nachhaltiges Material, das bei guter Behandlung auch sehr langlebig ist (Kunstpelz passt dagegen ideal zur Ex-und-Hopp-Mentalität der "Fast Fashion") und also auch für Wiederverwendung geeignet. Für einen der Pelzhändler ist aus ökologischer Sicht prinzipiell kein Unterschied zwischen einem Kunstpelz und einem Plastiksackerl. Meines Erachtens ist eine Neubewertung des Themas Plastikkleidung generell angesagt. Denn auch deren Herstellung aus Erdöl ist nicht nachhaltig.

Pelzhändler und Pelztierzüchter versichern, dass Pelztiere sehr gut gehalten würden. Das sei eigentlich ein Muss, da nur ein gut gehaltenes und gesundes Pelztier auch einen schönen, glänzenden Pelz habe. Und zumindest in der EU gelten bei der Pelzzucht die strengsten Auflagen bezüglich Tierzucht allgemein. Freilich gibt es auch Bilder, die gequälte Pelztiere zeigen. Es gibt solche Pelztierfarmen, etwa in China. Dagegen vorzugehen, notfalls auch mit ungesetzlichen Mitteln, ist richtig und angesagt und sollte die Aufgabe von Tierschutzorganisationen sein. Aber es ist nicht okay, eine gesamte Branche an den Pranger zu stellen.

Fleisch und Leder sind okay, aber Pelz nicht?

Daneben gibt es auch die "Befreiung" von Zuchttieren durch Aktivisten. In Kastoriá wurden vor einigen Jahren 40.000 Zuchttiere freigesetzt. Viele wurden überfahren, etliche ließen sich dort am Orestida-See nieder und dezimierten dabei die Singvogelpopulation. Auch von einer Kaninchenzucht wurde mir erzählt, die Tierschützer gestürmt - und dann alle Tiere getötet - haben sollen. Was hat solcher Aktivismus noch mit Tierschutz zu tun?

Es gibt auch Bedenken, dass ein Verbot der Pelztierzucht die Jagd auf Wildtiere befördern könnte. Denn heute kommt die überwiegende Zahl der Pelze von Zuchttieren. In einer Broschüre der International Fur Federation kann man nachlesen, dass aber immerhin noch 20 Prozent der Pelze von Wildtieren stammen, wobei der Pelztierfang staatlich reguliert beziehungsweise in den USA, Kanada und Russland sogar lizenziert wird, damit die Populationsdichten stabil bleiben und keine gefährdeten Arten gejagt werden.

Bezüglich Tierhaltung fällt auf, dass meistens mit zweierlei Maß gemessen wird. Es heißt dann, Fleisch aus landwirtschaftlicher Tierhaltung und Leder seien okay, da Fleisch zur Ernährung lebensnotwendig sei. Aber hunderte Millionen Vegetarier beweisen tagtäglich, dass das nicht stimmt. Pelztiere, wird argumentiert, würden nur wegen ihres Pelzes gehalten, bei der landwirtschaftlichen Tierhaltung hingegen werde das ganze Tier verwertet, also Fleisch und Leder (bei Kühen). Und das sei okay. Dass die Tiere in der industriellen Massentierhaltung meist wesentlich schlechter gehalten werden als die in den Pelztierfarmen, spielt dagegen keine Rolle. Allerdings wird auch bei Pelztieren überwiegend nichts weggeworfen. Ihr Fleisch wird oft zur Fütterung etwa von Vögeln eingesetzt. Und dann gibt es zum Beispiel das Swakara-Lamm, das ursprünglich aus Kasachstan kommt und im südlichen Afrika gezüchtet wird. Die Menschen dort essen das Fleisch der Tiere und exportieren die Felle.

Wie eingangs erwähnt, spielt Pelz in Europa keine große Rolle mehr. Weltweit werden allerdings 60 Millionen Felle pro Jahr verarbeitet. Das sind im Wesentlichen die Märkte in China und Russland. Für die beiden Städte Kastoriá und Siátista ist die Pelzverarbeitung nach wie vor existenziell. Bezüglich Klimawandel und Umweltzerstörung ist der Pelzhandel global gesehen freilich viel zu klein, da gibt es ganz andere Stellschrauben, an denen zu drehen wirklich etwas bezüglich CO2-Reduzierung erreicht werden kann: Die Massentierhaltung, der Auto- und Flugverkehr, der Einsatz von Braun- und Steinkohle - das sind die Bereiche beziehungsweise Industrien, in denen sich ein Umweltschützer vorzugsweise engagieren sollte.