Anlässlich der aktuellen Schulschließungen stellt sich mir die Frage: Warum wird der ORF als "Bildungsmedium" in der gegenwärtigen Corona-Situation nicht stärker eingesetzt? Davon würden nicht nur Schülerinnen und Schüler profitieren, sondern es wäre auch eine Unterstützung für die Pädagoginnen und Pädagogen sowie eine massive Entlastung für die Eltern.

Elisabeth Eppel ist als Erwachsenenbildnerin tätig. - © privat
Elisabeth Eppel ist als Erwachsenenbildnerin tätig. - © privat

Da sich viele Familien aufgrund der Pandemie hauptsächlich oder zumindest mehr zu Hause aufhalten, könnte das Medium Fernsehen auch eine wichtige Funktion für das "Miteinander ins Gespräch kommen" erfüllen. Ein aktivierendes TV-Programm für Kinder wäre gerade in Corona-Zeiten wichtig und eine Kooperation hinsichtlich kinder- und jugendgerechter Dokumentationen etwa mit der ARD und dem ZDF, möglicherweise sogar EU-weit, wünschenswert.

Der ORF sollte gerade jetzt mehr Wissensformate für Kinder (wie etwa "Museum AHA" mit Thomas Brezina, samstags, 8.45 Uhr, ORF 1) senden. - © ORF/Günther Pichlkostner
Der ORF sollte gerade jetzt mehr Wissensformate für Kinder (wie etwa "Museum AHA" mit Thomas Brezina, samstags, 8.45 Uhr, ORF 1) senden. - © ORF/Günther Pichlkostner

Programme wie die "ZiB Zack" sind ein Schritt in die richtige Richtung. Hier wird unseren Jüngsten die aktuelle Situation professionell und kindgerecht erklärt, womit viele Eltern - nachvollziehbarerweise - überfordert sind. Doch es wäre weitaus mehr möglich. Die diversen Schulfächer könnten gleichermaßen anregend und anschaulich via Fernsehen vermittelt werden. Im Sinne eines integrierten Ansatzes sollten auch Künstlerinnen und Künstler herangezogen werden. Und auch eine Kinder-Uni im Fernsehen würde zweifellos großen Zuspruch finden.

Bildung wirkt auch gegen Arbeitslosigkeit

Auch in einem anderen Punkt wäre es wünschenswert, dass der ORF seinem Bildungsauftrag stärker nachkommt: der Vermittlung von Sprachkenntnissen. Diese stehen - das ist empirisch belegt - in engem Zusammenhang mit dem Erreichen von Lernzielen. Nach Auskunft des AMS-Vorstands stehen aktuelle nicht genügend Deutschkurse für Migrantinnen und Migranten zur Verfügung, selbst bei Deutschkursen für anerkannte Flüchtlinge werde gespart, heißt es. Die viel beklagten schlechten Deutschkenntnisse und die mangelnde Sprachkompetenz (auch vieler Inländerinnen und Inländer) sollten - im Interesse aller - dringend verbessert werden. Hier könnte der ORF eine entscheidende Rolle übernehmen. Deutschkurse im ORF würden allen zugutekommen, wären leicht zugänglich und hätten eine hohe Breitenwirksamkeit. Auch Pädagoginnen und Pädagogen würden entlastet, und das Absinken des Bildungsniveaus könnte verringert werden.

Als Pädagogin schmerzt es mich, dass unser Bildungssystem im internationalen Vergleich immer mehr zurückfällt. Qualifizierung sei das effizienteste Mittel gegen die steigende Arbeitslosigkeit, betont der Leiter des Wifo, Christoph Badelt. Das strukturelle Problem am Arbeitsmarkt sei vor allem fehlende Qualifikation. Ein Teil des Problems liege in unserem Bildungssystem, in dem zu viele "abgehängt" würden.

Der ORF muss ein Angebot für alle sein

Als vierfache Großmutter macht mich der Aufschrei der "Fridays For Future"-Bewegung - "Wir sind hier und wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!" - sehr betroffen und mir bewusst, wie wir den Generationenvertrag missachten. Eine verstärkte Thematisierung des Klimawandels im Fernsehen wäre in diesem Zusammenhang äußerst notwendig und wünschenswert. Aktuell könnte auch mehr interreligiöser Dialog im öffentlich-rechtlichen Rundfunk das bessere Miteinander fördern sowie der Gefahr einer Spaltung und Radikalisierung der Gesellschaft wirksam entgegenwirken.

Auch viele Senioren wünschen sich mehr Wissens- und Sprachsendungen, die sowohl Anregung zur Weiterbildung bieten als auch das Einsamkeitsproblem mildern. Viele von ihnen und auch die Familien können nicht nachvollziehen, warum das Fernsehangebot am Wochenende zu einem so großen Anteil aus Krimis besteht. Die Unzufriedenheit damit ist groß. Ich hoffe sehr, dass der ORF die Corona-Krise nutzt, um sich als breitenwirksames Bildungsinstrument gegen den drohenden Bildungsnotstand zu etablieren.