Die Welt spielt verrückt. Und die Märkte spielen mit. Auf die Paralyse der Realwirtschaft durch die Corona-Krise folgte ein fulminanter Anstieg der Finanzmärkte in den vergangenen Monaten. Währendessen notieren Kryptowährungen wie Bitcoin & Co wieder nahe ihrem Allzeithoch von rund 19.000 Dollar. Kryptowährungen, so scheint es, sind kein Randphänomen der Tech-Affinen mehr, sie sind im Mainstream angekommen. Doch damit sie dort bleiben, muss noch einiges geschehen.

Daniel Schwarzl ist Unternehmer und Anwalt im Silicon Valley (USA). Er hat auf der Eliteuniversität Stanford ein Studium mit Fokus auf Technologierecht und Blockchain abgeschlossen und ist seither bei der US-Kanzlei Lumsden & Partner auf Kryptowährungen spezialisiert. - © privat
Daniel Schwarzl ist Unternehmer und Anwalt im Silicon Valley (USA). Er hat auf der Eliteuniversität Stanford ein Studium mit Fokus auf Technologierecht und Blockchain abgeschlossen und ist seither bei der US-Kanzlei Lumsden & Partner auf Kryptowährungen spezialisiert. - © privat

"Das Kernproblem konventioneller Währungen ist das Ausmaß an Vertrauen, das nötig ist, damit sie funktionieren", schrieb der mutmaßliche Bitcoin-Gründer Satoshi Nakamoto in seinem Manifest. Währungen leben davon, sicher bewahrt und transaktioniert werden zu können, und auch davon, dass sie verhältnismäßig knapp sind und somit ein rares Gut darstellen. Hinter herkömmlichen Währungen stecken große Zentralbanken und Staaten, die angeben, diese Kriterien weitestgehend zu garantieren. Dazu kommen etliche Mittelsmänner, die an jeder Transaktion mitverdienen wollen.

Gravierende Schwächen
des Zentralbanksystems

Eine Rundschau in der Welt zeigt gravierende Schwächen unseres herkömmlichen Zentralbanksystems auf. In Entwicklungs- und Schwellenländern genießen diese Institutionen mangelndes Vertrauen. Man denke nur an die Hyperinflation in Venezuela, an afrikanische Zahlungsdienstleister, die bei jeder Überweisung bis zu einem Zehntel der Summe für sich einstreifen, oder an die extrem strengen Kapitalabflusskontrollen in China. Für uns mit einem Grundvertrauen ins Bankensystem ausgestatteten Europäer ist so etwas unvorstellbar, aber es veranschaulicht, welche Schwächen das gelobte Zentralbanksystem mit sich bringt.

Diese Lücke können in manchen Regionen der Welt Kryptowährungen füllen, indem sie zu einer Demokratisierung des Zahlungsverkehrs beitragen. Da die Staatsschulden der entwickelten Industrieländer mittlerweile auf das Niveau von unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg angewachsen sind, sorgen Gelddruckprogramme von Fed oder EZB für zwei Dinge: Zum einen werden damit bestehende Staatsschulden mit weiteren Schulden zu Nullzinsen bedient, damit Staaten nicht in Pleiten schlittern; zum anderen ist das Geld für die Sparer immer weniger wert. Der Trend einer immer größeren Geldentwertung in Europa und der USA ist lediglich eine Frage der Zeit.

Bei Kryptowährungen hingegen ist das nicht der Fall, sie sind ausschließlich den Regeln des Marktes unterworfen. Unsicherheiten im Zahlungsverlauf, Manipulationsgefahr oder horrende Gebühren würden das erlöschen, was bei einer Währung am wichtigsten ist: Vertrauen. Diese Sicherheitsfaktoren haben Kryptowährungen bisher gut erfüllt - sie können zu jedem Zeitpunkt der staatlichen Autorität entzogen, anonym und zu Marktpreisen erworben werden, und mit ihnen kann man auch bestimmte Leistungen bezahlen. Die Anzahl der Bitcoins ist begrenzt, kreative fiskalpolitische Experimente sind nicht möglich. Doch wie verhalten sie sich wirtschaftlich?

Die Preise von Kryptowährungen waren bisher sehr volatil und schwankten mitunter zwischen astronomischen Fantasiepreisen und frustrierender Stagnation. Anfang 2017 lag der Kurs für Bitcoin bei 3.000 Dollar, gegen Jahresende schellte er auf rund 19.000 Dollar hoch, Anfang 2020 fiel er Corona-bedingt auf unter 4.000 Dollar und kletterte zuletzt wieder auf knapp 19.000 Dollar. Als Lösung hierfür, wenn auch sicher sehr kontrovers diskutiert, könnte sich eine solidere Regulierung der Kryptobörsen eignen, um Insiderhandel und Marktmanipulation noch stärker zu unterbinden. Dies ist nötig, damit zusätzlich zur umfassenden Sicherheit, Anonymität und einfachen Bedienbarkeit auch der Wert von Kryptowährungen stabil bleibt.

Eine weitere essenzielle Frage für die Zukunft bleibt, ob diese Währungen auch im Bezahlprozess Anwendung finden können. Hartnäckig hält sich oft das Gerücht, Kryptowährungen würden sich vor allem für illegale Geschäfte eignen. Tatsache ist, dass weniger als 1 Prozent aller Krypto-Transaktionen für Schattengeschäfte genutzt werden, der US-Dollar schneidet hier wesentlich schlechter ab. Ein kürzlich stattgefundener, raffinierter Schritt war es daher auch, die Nutzung von Kryptowährungen im Handel auszuweiten. Es war eine bahnbrechende Entscheidung von PayPal, ab 2021 die Bezahlmöglichkeit via Bitcoins anzubieten.

Starker Zulauf insbesondere in unsicheren Zeiten

Ihr ursprüngliches Ziel, staatliche Währungen zu verdrängen, ist den Kryptowährungen zwar noch nicht gelungen, allerdings haben sie sich zumindest als eine neue, bedeutende Assetklasse etabliert. Damit sie ihr volles Potenzial ausschöpfen können, gibt es mehrere Herausforderungen: Dritte wie PayPal einzubeziehen war richtig. Um eine gewisse Breite zu erlangen, wird man das ausweiten und auch mit dem natürlichen Intimfeind, den Banken, zusammenarbeiten müssen.

Man kann an der jetzigen Kursentwicklung eine Charakteristik der Kryptowährungen besonders beobachten: Sie haben insbesondere in unsicheren Zeiten starken Zulauf. Selbst größere Fonds sehen in den digitalen Währungen eine Alternative zum Gold. Es ist kein Zufall, dass der Kurs von Bitcoin explodiert, während wir eine Corona-Pandemie und einen US-Präsidenten Donald Trump haben, der zögert, sein Amt seinem Nachfolger zu übergeben. Es scheint zumindest so, als würden sich Kryptowährungen wie digitales Gold verhalten, das man zusätzlich auch für eine sichere, anonyme Bezahlung nutzen kann, was mit Gold nur sehr mühsam möglich wäre.

Der neue US-Präsident Joe Biden hat bereits Gary Gensler, einen Krypto-affinen Investmentbanker und Finanzexperten, in sein Transition-Team geholt. Auf die Frage, ob ein Blockchain-Token als Sicherheit betrachtet werden kann, sagte er: "Wenn ein Vogel wie eine Ente quakt und wie eine Ente schwimmt, denke ich, dass er eine Ente ist." Kombiniert man alle Faktoren, die eine alternative Währung ausmachen, mit der gegenwärtigen Entwicklung, dann sieht es zumindest danach aus, als seien die Kryptowährungen tatsächlich gekommen, um zu bleiben.