In dieser "einzigartigen Situation", die "noch niemand erlebt hat" und "für die es keine Blaupause gibt", erklärt die österreichische Bundespolitik seit März immer wieder, was "ho ruck" zu retten sei: zuerst die Alten, dann der Sommerurlaub, danach ein ungestörter Schulherbst, aktuell der Weihnachtsumsatz des Handels und das familiäre Weihnachtsfest mit anschließendem Skiurlaub und immer das normale Alltagsleben. Und immer auf Knopfdruck.

Sabine M. Fischer, Inhaberin von Symfony Consulting, ist Wirtschaftspädagogin, Human-Factor-Unternehmensberaterin und Sprecherin des AK Industrie 4.0/IoT in Wien. - © Symfony/Klaus Prokop
Sabine M. Fischer, Inhaberin von Symfony Consulting, ist Wirtschaftspädagogin, Human-Factor-Unternehmensberaterin und Sprecherin des AK Industrie 4.0/IoT in Wien. - © Symfony/Klaus Prokop

Auf der Strecke bleiben Familien, insbesondere Mütter, Pflegekräfte und Ärzte, mit zu wenig Erholungsmöglichkeiten, Schüler und Lehrer ohne ausreichende digitale technologische Ausstattung und effektiven Infektionsschutz, Unternehmen ohne Einkommensmöglichkeiten und Arbeitskräfte ohne Einkommen: Jeder kennt jemanden, der unter negativem Stress aus psychischer und/oder physischer Überforderung und/oder Existenzängsten leidet.

Heil wird nun durch einen Impfplan, der in fünf(!) Wochen(!) startet, versprochen. Dabei ist noch kein einziger Impfstoff zugelassen. Produktion, Lagerung, Transport, Verteilung von Impfstoff(en) und benötigten Pflastern, Spritzen, Kanülen, Desinfektionsmitteln und geeignete Lokalitäten sind auch unklar. Krank werden sollte auch niemand in den Fabriken, Lagerhallen, Verteilzentren und Impfstellen. Verantwortliche Entscheidungsträger von der Regierung abwärts umschreiben die Unbekannten als "gemeinsamen Kraftakt".

"Radikale Akzeptanz" empfiehlt die Vereinigung der Deutschen Psychotherapeuten: Wer Fragen nach konkreten Abläufen in Krisensituationen ausweicht, "bereitet seiner Psyche durch andauerndes Hin- und Hergerissen-Sein zusätzlichen Stress".

Stress kann Menschen kurzfristig beflügeln, aber langfristig ihre Leistungskraft zerstören. Die Bewältigung von Covid-19 ist zuallererst eine Herausforderung für den Ideenreichtum, die Improvisationsgabe, das Mitgefühl und die Organisationsfähigkeit der Menschen. Kurz: Ohne die Menschen geht es nicht.

Während im ersten Lockdown die Österreicher vor allem die "Wie setzen wir Covid-19-Vorschriften am besten um?"-Herausforderung gesehen haben, lässt sich mittlerweile der Hang zum "Wie umgehen wir das am besten?" beobachten. O-Ton von Unternehmern: "Unsere Präventionskonzepte interessieren keinen." - "Die da oben haben so lange nichts getan und tun jetzt so, als hätten wir die Gefahr nicht verstanden." - "Alle können seit elf Monaten in Asien beobachten, welche Maßnahmen welchen Erfolg bringen."

Für eine Gesellschaft wie für einen Bluthochdruck-Patienten sind gefährlich: Daueraufregung durch wechselnde Anweisungen und Aussichten, die sich als Chimären herausstellen. Dabei gilt seit Jänner 2020, was bei jeder Seuche gilt: Distanz, Disziplin und Desinfektion, insbesondere bei Gruppen im Gespräch in Gebäuden. Daran ändern bis Mitte 2021 weder Massentests noch Massenimpfungen etwas. Eigentlich ist es ganz simpel. Vieles könnte effektiv und effizient getan werden. Wer profitiert davon, die Menschen, die das alles umsetzen sollen, ständig zu erschöpfen?