Man muss vermutlich ziemlich betagt, ziemlich reich, ziemlich streitlustig oder am besten all das zusammen sein, um in Österreich öffentlich und ohne Wenn und Aber die Errichtung von AKW fordern zu können, ohne auf der Stelle gesteinigt zu werden. Auf den ehemaligen Finanzminister und nachmaligen Industriellen Hannes Androsch (82) treffen alle drei Kriterien zu, weshalb er in seinem jüngsten Buch "Was jetzt zu tun ist" genau das vorschlägt: "Die Ablehnung der Atomkraft ist historisch begründet, aber es ist jetzt Zeit, sie zu überdenken."

Androsch hat damit vollkommen recht. Erstens, weil ein Erreichen der sogenannten Klimaziele, also eine deutliche Reduktion des Ausstoßes klimaschädlicher Gase, allein mit Wind-, Wasser- und Sonnenenergie nicht gelingen wird, dazu sind diese Formen der Stromerzeugung nicht stabil genug. Zweitens stammt etwa ein Fünftel der österreichischen Stromimporte aus Atomstrom, etwa aus Frankreich oder Tschechien. Wir betreiben in dieser Frage, ähnlich wie bei der Neutralitätspolitik ohne ausreichende Landesverteidigung, schlicht und ergreifend "Trittbrettfahrerei" (Zitat Androsch).

Für Menschen, die den deutschen Sprachraum für den Nabel der Welt und den globalen Moral-Gral halten, mag das irgendwie weltfremd und verblasen wirken: Atomenergie ist ja bekanntlich ein Ausbund des Bösen, das zum Glück mittels Energiewende gerade exorziert wird und darob bald verschwinden wird.

Weltfremd ist freilich eher diese Diagnose. Denn weltweit liefern derzeit rund 450 Atomkraftwerke gut 10 Prozent allen Stroms, nicht eben wenig. In China, Russland, Indien, Ägypten und den USA sind rund 50 AKW in Bau, dutzende weitere in der Projekt-Pipeline. Selbst Japan fährt seine nach Fukushima abgeschalteten Reaktoren sukzessive wieder hoch, auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten ging jüngst ein Meiler ans Netz, weitere werden folgen. Und Polen, nicht sehr weit von Österreich weg, hat erst vor wenigen Wochen beschlossen, ab 2033 gleich sechs neue Meiler zu bauen, als Ersatz für schmutzige Kohlekraftwerke.

Zu behaupten, die friedliche Nutzung der Kernenergie neige sich ihrem Ende zu, wäre daher grotesk: Gerade unter dem Aspekt des Klimaschutzes entpuppt sich das vermeintliche Ende wohl eher als Renaissance. Umso mehr, als rund um die Welt an neuen AKW-Generationen gearbeitet wird, die wesentlich sicherer sind und viel weniger oder gar keinen radioaktiven Müll hinterlassen.

Leider ist zu befürchten, dass all die rationalen Argumente in der heimischen Politik eher wenig Eindruck machen werden. Androsch weiß, warum das so ist: "Rationale Energiepolitik wurde in diesem Land stets von Parteipolitik übertrumpft." Das gilt für die seinerzeitige vermurkste Volksabstimmung über das AKW Zwentendorf genauso wie übrigens auch für das verhinderte Donaukraftwerk bei Hainburg.

Dass gerade jene, denen der Klimaschutz ein besonderes Anliegen ist, etwa unter den Grünen, sich nicht zu einer derart rationalen Energiepolitik durchringen können - außer in Finnland, wo Grüne pro Atom sind -, ist freilich eine absurde Pointe dieser endlosen Geschichte.