"Gott ist tot!", titelten die Zeitungen, als die Nachricht von Diego Maradonas Tod um die Welt ging. Für seine Fans war er nicht nur der Größte im Fußball, sondern der Einzige, die Inkarnation des Fußballgottes, der so oft beschworen wird, wenn es um Sieg oder Niederlage auf dem Rasen geht. Wie seine Verehrung zu Lebzeiten, so trug auch die Trauer um ihn religiöse Züge. Den Menschenmassen beim Staatsbegräbnis schien es, als werde tatsächlich Gott selbst zu Grabe getragen und als sei die Welt mitten in der Corona-Pandemie nun endgültig von Gott verlassen.

Ulrich H.J. Körtner ist Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien. - © privat
Ulrich H.J. Körtner ist Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien. - © privat

In einem Passionslied, das der Dichter und lutherische Prediger Johann Rist 1641 mitten im Dreißigjährigen Krieg dichtete, heißt es: "Oh große Not! Gott selbst liegt tot." Für die kirchlichen Gesangbücher, in denen es noch heute steht, wurden die Verse entschärft: "Oh große Not, Gott’s Sohn liegt tot." Für die Fußballwelt war Maradonas Tod der große Karfreitag in der Corona-Pandemie, die allein in Argentinien bisher 40.000 Tote gefordert hat.

Erst Aufstieg, dann menschliche Tragödie

- © afp/Ronaldo Schemidt
© afp/Ronaldo Schemidt

Tatsächlich hat die Stilisierung des Jahrhundertfußballers zur übermächtigen Ikone christologische Züge angenommen. Geboren in ärmlichen Verhältnissen am Stadtrand von Buenos Aires, wurde er schon im Alter von neun Jahren entdeckt und später vom Underdog zum Fußballstar. Argentiniens Weltmeistertitel 1986 war im Wesentlichen sein Verdienst. Legendär wurde das Tor, das er durch Handfoul im Viertelfinale gegen England erzielte. Seine damalige Erklärung, "die Hand Gottes" sei ihm zur Hilfe gekommen, zeugte von Schlagfertigkeit und Witz. Doch in der einsetzenden Heiligenverehrung ging die Ironie völlig verloren. So erschien Maradona wie Jesus, von dem es in den Evangelien heißt, er habe "mit dem Finger die Dämonen ausgetrieben".

Auf den Aufstieg des Superstars folgten menschliche Tragödien, Drogenmissbrauch, Verstrickungen ins kriminelle Milieu und Krankheit. Maradona starb drei Wochen nach einer komplizierten Operation. Wie viele andere war er mit seinem Ruhm nicht zurechtgekommen. Seine Verehrer aber sahen in ihm den leidenden Gottesknecht. Zu sagen, er habe sich in Wahrheit selbst zugrunde gerichtet, wäre zu einfach. Tatsächlich ist er wohl auch von seiner Heiligsprechung gedrückt worden, wie Oliver Fritsch in der "Zeit" schrieb.

Verlangen nach Heil
und Transzendenz

Maradonas Aufstieg und Ende zeigen auf eindrucksvolle Weise, dass sich die Welt auch im 21. Jahrhundert nach Erlösung sehnt. Die letzte Bitte des Vaterunser lautet heute abgewandelt: "Erlöse uns von dem Virus!" Die Menschen treibt freilich nicht nur das Verlangen nach Gesundheit und Rückkehr in die Normalität um, sondern ein Verlangen nach Heil und Transzendenz. Dieses Transzendenzverlangen wird immer wieder auf Menschen wie Maradona projiziert. Aber er war ein Messias, der keine Erlösung brachte, nicht einmal für sich selbst. Und auf den Karfreitag des Fußballgottes folgt kein Ostern.

Bei dem Gott, dessen Menschwerdung die Christen zu Weihnachten feiern, ist das anders. Ohne Karfreitag und Ostern wäre freilich auch Weihnachten bedeutungslos. "Erkenntnis", so schrieb der Philosoph Theodor W. Adorno, "hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint; alles andere erschöpft sich in der Nachkonstruktion und bleibt ein Stück Technik." Auch die Impfung gegen Corona, auf die nun alle Welt hofft.