Die Opec hat heuer ihr 60-jähriges Bestehen gefeiert. Was für eine Feier war das! Das Drama und die Machtkämpfe zwischen den Mitgliedern und den Partnerländern haben sich im Preisverhalten niedergeschlagen. Nach einem Verfall um 72 Prozent von 6. Jänner bis 21. April stiegen die Preise danach bis 4. Dezember wieder um 157 Prozent. Seither gaben sie wieder etwas nach.

Nitesh Shah ist Director Research beim Vermögensverwalter WisdomTree. - © WisdomTree
Nitesh Shah ist Director Research beim Vermögensverwalter WisdomTree. - © WisdomTree

Im März wurden die Opec-Treffen mit einer griechischen Tragödie verglichen. Es mag schwierig sein, den Protagonisten zu definieren, aber es gibt immer ein Gefühl des Verrats und der Rache, gefolgt von einem Aufmarsch von Mitstreitern. Ein Drama auf hohem Niveau ist unterhaltsam. Doch am Ende tragen die Ölpreise die Hauptlast der emotionalen Höhen und Tiefen. Der Ölpreis der Sorte Brent stieg vergangenen Freitag, am Tag nach einem Meeting der Opec+, auf fast 50 US-Dollar pro Barrel, den höchsten Wert seit März.

Das hat uns überrascht, da das Abkommen der Opec+ eigentlich hinter den Erwartungen zurückblieb. Der Markt hatte weitgehend eine Verlängerung der derzeitigen Quoten um weitere drei Monate eingepreist. Dennoch erhöht die Opec+ die Produktion im Jänner um 500.000 Barrel pro Tag und plant monatliche Treffen, um weitere Produktionssteigerungen zu bewerten. Das ist weniger als die ursprünglich geplante Erhöhung um 1,9 Millionen Barrel pro Tag, doch laut Umfragen hatten Marktteilnehmer für das erste Quartal 2021 keine Erhöhung erwartet. Das Ergebnis ging aus einem Kompromiss mit den Vereinigten Arabischen Emiraten hervor. Diese, traditionell entschieden auf der Seite Saudi-Arabiens und des Golf-Kooperationsrates, scherten aus, da sie immer ungeduldiger wurden, ihre expandierenden Ölkapazitäten zu nutzen. Das Treffen verzögerte sich um mehrere Tage, und erstmals seit März setzte sich Saudi-Arabien nicht durch. Im März war Russland ausgeschert, und die Saudis hatten einen Preiskrieg entfacht, der zum schlimmsten Ölpreisabsturz der Geschichte führte.

Auch wenn das jüngste Ergebnis nicht so dramatisch ist, könnten die zerrütteten Beziehungen im Kern der Opec zu einer schwachen Einhaltung der Vereinbarung führen. Außerdem könnte sich die Saga jeden Monat wiederholen, angesichts von Fördermengen, die fürs kommende Quartal oder Jahr noch nicht festgelegt sind. Eine Angebotsverknappung auf nur 500.000 Barrel pro Tag im Jänner, gefolgt von ähnlichen Werten im Februar und März, könnte dazu führen, dass der Ölmarkt nunmehr in einem Versorgungsdefizit verharrt. Dies könnte dazu beitragen, die übermäßigen Ölvorräte abzubauen. Es ist zu erwarten, dass sich der Markt darauf als ein positives Ergebnis konzentrieren wird.

Während die großen Agenturen wie die Internationale Energieagentur und die Opec weiterhin vorsichtig bleiben und ihre Nachfragezahlen für 2021 nach unten revidiert haben, scheint der Markt angesichts jüngster Nachrichten bezüglich Corona-Impfstoff optimistischer zu sein. Die Terminkurven des Brent als auch die des West Texas Intermediate (WTI) befinden sich von 2021 bis 2024 in Backwardation (der Terminkurs liegt also unter dem zu erwartenden Kassakurs bei Fälligkeit). Dies ist ein Indikator für eine starke Nachfrage, da die Marktakteure langfristig einen Preisrückgang und damit höhere Rollgewinne erwarten.