Genau fünf Jahre nach der Annahme des wegweisenden Pariser Klimaübereinkommens am 12. Dezember 2015 ist eine vielversprechende Dynamik in Gang gekommen. Mit Beginn des neuen Jahres werden sich Länder, die mehr als 65 Prozent der schädlic hen Treibhausgasemissionen verursachen und mehr als 70 Prozent der Weltwirtschaft auf sich vereinen, auf das Ziel verpflichtet haben, die Nettoemissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts auf Null zu reduzieren.

António Guterres ist Generalsekretär der Vereinten Nationen. - © UNO
António Guterres ist Generalsekretär der Vereinten Nationen. - © UNO

Gleichzeitig jedoch signalisieren die wichtigsten Klimaindikatoren eine Verschlechterung. Obwohl die Corona-Pandemie eine vorübergehende Senkung der Emissionen bewirkt hat, sind die CO2-Werte noch immer auf einem Rekordstand - und sie steigen weiter. Das vergangene Jahrzehnt war das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen. Im Oktober schrumpfte das arktische Meereis auf einen historischen Tiefstand. Apokalyptische Brände, Überschwemmungen, Dürren und Stürme werden zunehmend zum Normalfall. Die Artenvielfalt bricht ein, die Wüsten dehnen sich aus, die Meere erwärmen sich und ersticken im Plastikmüll. Die Wissenschaft sagt uns, dass es noch schlimmer kommen wird, wenn wir die Produktion fossiler Brennstoffe bis 2030 nicht um 6 Prozent pro Jahr kappen. Stattdessen bewegen wir uns in Richtung eines jährlichen Anstiegs um 2 Prozent.

Der Weg aus der Pandemie bietet uns eine unerwartete, aber entscheidende Gelegenheit, den Klimawandel anzugehen, die Umwelt zu retten, die Wirtschaft neu auszurichten und unsere Zukunft zu überdenken. Was müssen wir tun?

1. Wir müssen ein wahrhaft globales Bündnis zur Verwirklichung der CO2-Neutralität bis 2050 schmieden

Die Europäische Union hat sich bereits diesem Ziel verschrieben, ebenso Großbritannien, Japan, Südkorea und mehr als 110 weitere Länder. Auch die neue US-Regierung, die kurz vor ihrer Amtseinführung steht, hat sich dazu verpflichtet, und China will es bis 2060 schaffen.

Jedes Land, jede Stadt, jede Finanzinstitution und jedes Unternehmen sollte Pläne zur Erreichung des Netto-Null-Ziels beschließen und schon jetzt handeln, um auf den richtigen Weg dorthin zu gelangen. Das bedeutet konkret, die weltweiten Emissionen bis 2030 gegenüber dem Stand von 2010 um 45 Prozent zu senken. Bevor die nächste Klimakonferenz der Vereinten Nationen im November 2021 in Glasgow stattfindet, müssen die Regierungen ihrer Verpflichtung nach dem Pariser Übereinkommen nachkommen, sich alle fünf Jahre ambitioniertere Ziele zu setzen und stärkere Verpflichtungen einzugehen, die in den "national festgelegten Beiträgen" ihren Ausdruck finden. Diese Beiträge müssen belegen, dass man es mit der CO2-Neutralität wirklich ernst meint.

Die Technologie ist auf unserer Seite. Der Betrieb der meisten heutigen Kohlekraftwerke verursacht allein mehr Kosten als der Bau komplett neuer Anlagen für erneuerbare Energien. Wirtschaftsanalysen bestätigen, wie klug es ist, auf erneuerbare Energien zu setzen. Laut der Internationalen Arbeitsorganisation wird der Übergang zu sauberen Energien bis 2030 trotz unvermeidlicher Arbeitsplatzverluste zu einem Nettozugewinn von 18 Millionen neuen Arbeitsplätzen führen. Allerdings dürfen wir die menschlichen Kosten der Dekarbonisierung nicht verkennen und müssen die betroffenen Arbeitskräfte im Sinne eines sozialverträglichen Übergangs mit Sozialschutz-, Umschulungs- und Fortbildungsmaßnahmen unterstützen.

2. Wir müssen das globale Finanzwesen mit dem Pariser Übereinkommen und den Zielen für nachhaltige Entwicklung, der Blaupause für unseren Weg in eine bessere Zukunft, in Einklang bringen

Es ist an der Zeit, den CO2-Ausstoß zu bepreisen, die Subventionierung und Finanzierung fossiler Energieträger zu beenden, den Bau neuer Kohlekraftwerke einzustellen, von der Einkommens- zur CO2-Besteuerung überzugehen, Verschmutzer statt Steuerzahlende zu belasten, die Offenlegung klimabezogener Finanzrisiken zur Pflicht zu machen und das Ziel der CO2-Neutralität in alle wirtschafts- und finanzpolitischen Entscheidungsprozesse zu integrieren. Die Banken müssen sich bei ihrer Kreditvergabe am Netto-Null-Ziel orientieren, und Vermögensbesitzer und -verwalter müssen ihre Portfolios dekarbonisieren.

3. Wir müssen einen Durchbruch bei der Klimaanpassung und -resilienz erreichen, um denjenigen zu helfen, die bereits mit heftigen Auswirkungen des Klimawandels konfrontiert sind

Das geschieht heute noch nicht genug, denn nur 20 Prozent der Finanzmittel für den Klimaschutz fließen in Anpassungsmaßnahmen. Dieses Manko behindert unsere Bemühungen um die Verringerung von Katastrophenrisiken. Außerdem ist es unklug, da sich mit jedem in Anpassungsmaßnahmen investierten Dollar eine Rendite von fast vier Dollar erzielen lassen könnte. Insbesondere für die kleinen Inselentwicklungsländer, für die der Klimawandel eine existenzielle Bedrohung darstellt, sind Anpassungs- und Resilienzmaßnahmen von äußerster Dringlichkeit.

Das kommende Jahr wird uns eine Fülle von Gelegenheiten bieten, dem Notstand unseres Planeten etwas entgegenzusetzen, sei es im Rahmen wichtiger Konferenzen der Vereinten Nationen oder durch andere Bemühungen in den Bereichen Biodiversität, Ozeane, Verkehr, Energie, Städte und Ernährungssysteme. Einer unserer besten Verbündeten ist die Natur selbst: Naturbasierte Lösungsansätze könnten ein Drittel der Nettoreduktionen von Treibhausgasemissionen erbringen, die zur Erreichung der Ziele des Pariser Übereinkommens erforderlich sind. Indigenes Wissen kann ein Wegweiser sein. Und nicht zuletzt benötigt die Menschheit bei der Entwicklung von Strategien zur Erhaltung der Umwelt und zum Aufbau einer grünen Wirtschaft mehr Frauen, die in den Entscheidungsprozessen mit am Tisch sitzen.

Covid-19 und das Klima haben uns an einen Punkt gebracht, von dem aus wir nicht mehr zur alten Normalität aus Ungleichheit und Fragilität zurückkehren können. Stattdessen müssen wir den Weg in eine sicherere, nachhaltigere Zukunft einschlagen. Die Welt steht vor einer komplexen Politikaufgabe und einer moralischen Bewährungsprobe. Angesichts dessen, dass wir mit den heute getroffenen Entscheidungen die Weichen für die nächsten Jahrzehnte stellen, müssen wir den Weg aus der Pandemie und den Klimaschutz zu zwei Seiten derselben Medaille machen.