Die Corona-Krise ist nicht nur eine Herausforderung fürs Gesundheits-, sondern auch fürs Bildungssystem und alle Beteiligten. Die Schulschließungen im März waren verständlich. Im ersten Lockdown brachten alle Beteiligten große Opfer. Lehrer mussten für Online-Unterricht Inhalte und Methoden neu konzipieren. Eltern mussten neben der Betreuung der Kinder diese oft auch beim Lernen unterstützen. Schüler sollten Aufgaben daheim online erledigen und mussten auf ihre Klassenverbände verzichten. Alle mussten sich an völlig neue Gegebenheiten anpassen. Das gelang manchen besser als anderen, abhängig von Ressourcen, Raumausstattung, individuellen Möglichkeiten und sozio-ökonomischen Faktoren.

Markus Pausch ist Politikwissenschafter in Salzburg und Obmann des Vereins für Demokratie und Dialog. Er beschäftigt sich unter anderem mit Fragen der Demokratie und der Zukunft der Europäischen Union. - © privat
Markus Pausch ist Politikwissenschafter in Salzburg und Obmann des Vereins für Demokratie und Dialog. Er beschäftigt sich unter anderem mit Fragen der Demokratie und der Zukunft der Europäischen Union. - © privat

Nach den neuerlichen Schulschließungen sind die Wogen rund um das Thema Maskenpflicht im Unterricht hochgegangen. Einige - und das sind nicht nur verblendete Corona-Leugner - sprechen von überzogenen Zwangsmaßnahmen, die anderen von der notwendigen Solidarität und Vorsicht. Beide Seiten argumentieren mit dem Kindeswohl, also wäre eine Basis für Dialog gegeben. Dass es aber zu derart starken Reaktionen kommt, hat sich die Bundesregierung selbst zuzuschreiben, denn sie pflegt nicht nur in Schulfragen den Stil des Machtworts statt des Dialogs.

Hinzu kommt ein Bildungssystem, das nach wie vor von oben nach unten funktioniert, in dem die Einbindung der Betroffenen kaum vorgesehen ist. Zwar gibt es das berühmte Dreieck der Vertretungen von Lehrern, Eltern und Schülern, aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Endeffekt der Ober den Unter sticht. Die Kinder sind in der Kette der Hierarchie das unterste Glied. Sie haben nicht einmal Gelegenheit, sich hörbar zu ihrer Situation zu äußern. Vorschläge der Lehrer wurden ignoriert.

Dabei hatte die Bundesregierung zwischen März und November mehr als acht Monate Zeit zur Entwicklung von Konzepten für einen sicheren Schulbetrieb und zum Dialog mit den Betroffenen. Diese Zeit ist verstrichen. Das schwächt das Vertrauen und ist kontraproduktiv im Kampf gegen die Pandemie.

Die Fehler im Krisenmanagement der Regierung legen alte Demokratiedefizite in Teilsystemen der Gesellschaft offen. Es wäre eine gute Gelegenheit, daraus zu lernen und überfällige Innovationen zu wagen. Die Demokratisierung des Bildungswesens ist dringender als je zuvor. Sie könnte rasch angegangen werden durch erste Schritte:

Einbeziehung der Schüler, Lehrer und Eltern bei wichtigen Fragen im Rahmen eines gleichberechtigten Dialogs und mit gewissen Mitentscheidungskompetenzen;
Ermöglichung kritischer Diskussionen und Beenden der Sanktionen für jene Lehrer, die in der Öffentlichkeit Kritik üben;
Einsetzung eines überparteilichen Konvents zur Demokratisierung des Bildungssystems.

Die Kinder sind die Erwachsenen der Zukunft. Sie müssen Demokratie in ihrem Alltag erfahren und nicht bloß theoretisch darüber lernen. Das österreichische Bildungswesen tut derzeit zu wenig, um diesem Auftrag nachzukommen.