Einsamkeit ist eines der großen, der drängenden Probleme, mit denen unsere Gesellschaft konfrontiert ist. Sie ist kein Phänomen, das erst durch die Corona-Pandemie entstanden ist. Doch ganz klar ist sie dadurch größer geworden und stärker ins Bewusstsein gerückt. Wir haben viele, viele Bilder gesehen und Geschichten gehört, die uns im Gedächtnis bleiben werden. Es gab Beispiele für Solidarität und gegenseitige Unterstützung, die uns Mut gemacht haben. Zugleich haben die notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus dazu geführt, dass viele Mitmenschen noch einsamer und abgeschiedener von ihren Lieben leben müssen - etwa Singles oder Schutzbedürftige wie Senioren. Und Menschen mussten wegen der Pandemie einsam sterben.

Dubravka Suica ist Vizepräsidentin der EU-Kommission und zuständig für Demokratie und Demografie. - © EU-Kommission
Dubravka Suica ist Vizepräsidentin der EU-Kommission und zuständig für Demokratie und Demografie. - © EU-Kommission

Nicht von ungefähr war bei den Filmfestspielen von Venedig ein Stop-Motion-Film über zwei einsame ältere Menschen zu sehen, der die elementare Bedeutung zwischenmenschlicher Kontakte für das Wohlbefinden offenbart. Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und schlechter gesundheitlicher Verfassung im Alter. Das gilt vor allem für psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Demenz.

Paolo Gentiloni ist EU-Kommissar für Wirtschaft. - © afp/Hannibal Hanschke
Paolo Gentiloni ist EU-Kommissar für Wirtschaft. - © afp/Hannibal Hanschke

Einsamkeit ist jedoch kein Altersphänomen - und auch nicht mit Alleinsein zu verwechseln. Immer mehr junge Menschen berichten, dass sie sich einsam fühlen. Einsamkeit und soziale Isolation haben auch wirtschaftliche Folgen. Netzwerke helfen, Menschen zusammenzubringen und Wissen, Ideen und Kompetenzen weiterzugeben. Das sorgt für neue Perspektiven bei der Jobsuche und wirkt sich positiv im Bereich Forschung und Innovation aus.

Einsamkeit und Isolation sagen etwas über unsere Gesellschaft aus. Der aktuelle Bericht der EU-Kommission über die Auswirkungen des demografischen Wandels zeigt, dass vor allem in den Städten immer mehr Menschen allein leben: 40 Prozent in Mailand, 50 Prozent in Paris, 60 Prozent in Stockholm. Da Europas Gesellschaft altert, wird sich der Trend verstärken. Dies gilt vor allem für Frauen, die länger leben als Männer.

Besonders einsam fühlen sich Arme und Arbeitslose. Das macht unsere Maßnahmen für eine weitreichende wirtschaftliche Erholung sowie unser Engagement gegen Ungleichheit umso wichtiger. Die schmerzlichen Erfahrungen mit der Pandemie müssen zu besserer Gesundheit und mehr Solidarität - vor allem zwischen den Generationen - führen. Die EU-Kommission will dies gemeinsam mit den Entscheidungsträgern EU-weit angehen. Dazu müssen wir den schädlichen Auswirkungen von Einsamkeit auf Gesundheit, Arbeitsmarkt, Innovation, Produktivität und Wirtschaftswachstum beikommen, damit Gesellschaft und Wirtschaft sich nicht nur erholen, sondern krisenfester aus der Pandemie hervorgehen. Die Politik ist hier gefordert.

Wir dürfen auch nicht die Augen vor der Einsamkeit in unserem unmittelbaren Umfeld verschließen. Die kurz vor dem Brexit-Referendum ermordete britische Abgeordnete Jo Cox betonte dazu: "Einsamkeit ist ein Problem, gegen das wir alle etwas tun können: beim Nachbarn vorbeischauen, Verwandte besuchen oder Freunde anrufen, die wir lange nicht mehr gesehen haben."