Seoul 2010, Unesco-Konferenz: Michele und Robert Roots-Bernstein von der Uni Michigan referieren ihre Studie über das Freizeitverhalten aller 510 Nobelpreisträger und vergleichen dieses mit dem von 7.306 Wissenschaftern ohne Nobelpreis. Ja, Nobelpreisträger aller Fachrichtungen sind in hohem Maß kulturverliebt. Sie sind doppelt so oft künstlerisch in der Fotografie tätig, musizieren viermal so oft, verwirklichen sich fünfzehnmal häufiger im Bereich des kreativen Handwerks, beschäftigen sich siebzehnmal öfter aktiv mit Bildender Kunst, sind zweiunzwanzigmal so oft als "Performer" (Schauspieler, Zauberer, Sänger, Entertainer) tätig und sind fünfundzwanzigmal häufiger literarisch produktiv (Lyrik, Science Fiktion, Essays).

Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. Er koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat
Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. Er koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat

Herbst 2020: Die Ergebnisse von Pisa 2018 über die Leistungsfähigkeit der nationalen Bildungssysteme im OECD-Raum werden präsentiert. Neben wenig Erfreulichem - die Pisa-Gesamtkurve geht hierzulande seit 2000 konsequent nach unten - gibt es auch Lob: Österreich investiert pro Schülerkopf so viel an Finanzmitteln wie kaum ein anderes Land. Doch die Ergebnisse sind nur durchschnittlich - Schwellenländer sind unsere Nachbarn im Ranking. Künstlerisch/musisch/kreativ-handwerkliche Schulbildung? Hier ist die stolze Kulturnation gar Schlusslicht. Dazu befragte Musik- und Kunsterzieher bestätigen diesen Befund: "Seit Jahrzehnten wird die künstlerische Bildung an den Rand gedrängt."

66 Prozent der Lehrstellensucher in Wien können nicht berufsfähig schreiben, rechnen und lesen, die Universitäten beklagen Defizite der Studierenden beim sinnerfassenden (!) Lesen, bei den Grundrechnungsarten (!) und beim Erfassen des Zahlenraumes bis 100 ohne Smartphone-Hilfe. Der Tendenz nach werden seit Jahrzehnten Unterrichtsstunden von den künstlerischen Fächern hin zu kognitiven verlagert - mit dem Erfolg, dass es in allen Bereichen teils dramatisch bergab geht.

Eine kulturaffine Tageszeitung widmete der kunstbezogenen Schlusslichtposition einen ins Auge springenden Vierspalter. Leserbriefe, Gastkommentare dazu? Keine! Der Verfasser dazu: "Null Reaktionen - dies ist bei Kulturthemen mittlerweile die traurige Norm."

Wie bitte? Wo bleiben die Chefs der großen Kulturtanker wie Staatsoper und Burgtheater, wo die Intendanten von Musikverein und Konzerthaus, wo die Verantwortlichen der Bundesländerbühnen, wo die Berufsverbände der Kunstschaffenden, wo die Gestalter der freien Szene, die Rektoren der Kunst- und Musikuniversitäten, wo die Philosophen und Kulturwissenschafter, die Vorstände der weltberühmten Wiener Orchester - und wo bleibt die Politik? Rundum herrscht Schweigen.

Was lernen wir von kulturverliebten Nobelpreisträgern? Investieren wir in künstlerische Bildung - künftige Generationen werden es danken. Österreich erhebt den Anspruch, als Kulturnation zu gelten und technologisch/wirtschaftlich in der obersten Liga der weltweit erfolgreichsten Staaten mitzuspielen! Das kann gelingen, wenn wir möglichst viele Menschen zu "Kulturverliebten" machen. Tun wir es!