Am Ende des Jahres 2019 kündigten viele Medien den Beginn eines neuen Jahrzehnts an. Das war falsch, denn dazu musste erst das Jahr 2020 abgelaufen sein. Warum ist das so? Unsere Jahreszahlen sind sogenannte Ordnungszahlen (also: erster, zweiter, dritter usw.), nicht Grundzahlen (also: eins, zwei, drei usw.). Statt vom Jahr 2020 könnten wir also auch - präziser - vom 2020. Jahr sprechen, und beim Schreiben nach der Jahreszahl einen Punkt setzen. Dann wäre von vornherein klar, dass zum Beispiel die Angabe 15.12.2020. Folgendes bedeutet: Am 15. Tag im 12. Monat im 2020. Jahr. Das wäre ähnlich, wie wenn jemand sein Alter angibt, indem er sagt: "Ich stehe im 50. Lebensjahr." So reden wir normalerweise nicht - der Betreffende wird eher sagen: "Ich bin 49 Jahre alt."

Franz Graf-Stuhlhofer ist Lehrbeauftragter an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems (www.graf-stuhlhofer.at). - © privat
Franz Graf-Stuhlhofer ist Lehrbeauftragter an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems (www.graf-stuhlhofer.at). - © privat

Der Ausgangspunkt unserer Zeitrechnung ist der Zeitpunkt Null. Null ist kein Jahr, sondern ein Zeitpunkt, und zwar der Moment der Geburt von Jesus, den seine Anhänger "Christus" nannten. Fünf Jahrhunderte danach versuchte der Mönch Dionysius Exiguus, diesen Zeitpunkt zu berechnen, und irrte sich dabei um einige Jahre. Sein Rekonstruktionsversuch ist die Grundlage unserer Zeitrechnung: Unmittelbar danach beginnt das erste Jahr ("n. Chr.", also "nach Christi Geburt", oder "AD", also "Anno Domini"‚ deutsch: "im Jahr des Herrn"). Dieses erste Jahr ist ident mit dem "Jahr eins" (n. Chr.), usw., bis wir zum 2020. Jahr kommen, eben unserem Jahr 2020, von dem wir uns bald verabschieden.

Das voreilige Ausrufen eines neuen Jahrzehnts passiert immer wieder. Besonders lautstark geschah das beim Jahrtausendwechsel. Bereits am Ende des Jahres 1999, also des 1999. Jahres nach dem Zeitpunkt Null, wurde der Beginn eines neuen Jahrtausends gefeiert. Das war jedoch falsch, denn zwei Jahrtausende waren erst zu Ende, als 2000 Jahre vorbei waren, und nicht bereits nach 1999 Jahren. Aber psychologisch hatte sich nach dem Ablauf von 1999 Jahren sehr wohl etwas geändert. Denn schlagartig stand nun eine völlig neue Zahl vor uns: 2000. Weniger dramatisch war es vor einem Jahr: Auf 2019 folgte 2020, also eine neue Zahl an der Zehnerstelle. Wir haben also tatsächlich schon seit einem Jahr etwas Neues vor Augen - aber noch kein neues Jahrzehnt.

Der Zeitpunkt Null entspricht nicht genau jenen Moment, in dem Jesus geboren wurde. Historiker datieren heute seine Geburt auf spätestens 4 v. Chr. (damals starb König Herodes der Große), eventuell einige Jahre früher. Seit der Geburt Jesu sind also bereits ungefähr 2025 Jahre vergangen. Unsere Zeitrechnung werden wir aber trotzdem nicht mehr ändern, immerhin wird sie von der ganzen Welt verwendet (auch wenn manche - zum Beispiel islamische - Länder daneben noch eine andere Zeitrechnung verwenden). Wirtschaft und Verkehr haben somit weltweit eine einheitliche Zeitrechnung. Und jeder Mensch weltweit wird täglich, beim Betrachten der Jahreszahl, an die Geburt von Jesus erinnert - an die Geburt eines Menschen, der am Rande des römischen Weltreiches lebte und nur etwa 35 Jahre alt wurde. Aber bei den Menschen in seiner Umgebung hinterließ er einen tiefen Eindruck - und dieser Eindruck wirkt bis heute nach, auch in der jeweiligen Jahreszahl.