Darüber, was die USA sind und wofür sie stehen, lässt sich trefflich streiten. Eines aber ist doch weitgehend unbestritten: Die USA sind eine Leistungsgesellschaft, eine Meritokratie. Wer in den USA nur hart genug arbeitet, schafft es ganz nach oben. Vom Tellerwäscher zum Millionär, das ist ein zutiefst amerikanischer Mythos - "only in America".

Martin Weiss wurde 1962 geboren. Der Jurist begann seine Laufbahn 1990 im österreichischen Außenministerium und war unter anderem Generalkonsul in Los Angeles, Botschafter in Zypern und Israel. Seit 2019 ist er Österreichs Botschafter in den USA. - © BMEIA/Mahmoud-Ashraf
Martin Weiss wurde 1962 geboren. Der Jurist begann seine Laufbahn 1990 im österreichischen Außenministerium und war unter anderem Generalkonsul in Los Angeles, Botschafter in Zypern und Israel. Seit 2019 ist er Österreichs Botschafter in den USA. - © BMEIA/Mahmoud-Ashraf

Aber der amerikanische Traum wird heute teils brüchig, schon wird vom "verblassenden amerikanischen Traum" gesprochen. Mit dem rasanten Wirtschaftswachstum nach der Großen Depression (1929 bis 1939) gelang es Generation für Generation von Amerikanerinnen und Amerikanern, mehr als die Generation ihrer Eltern zu verdienen. Doch diese Dynamik kam in den vergangenen Jahrzehnten schön langsam zum Erliegen. Nur noch die Hälfte der Kinder, die 1980 geboren wurden, verdient mehr als ihre Eltern. "Heute entscheidet im Grunde ein Münzwurf darüber, ob es einem in den USA besser geht als den Eltern", so etwa der US-Ökonom Raj Chetty. Ein Münzwurf soll über Erfolg und Misserfolg entscheiden? Das klingt nicht sehr amerikanisch.

Die "essential workers" trifft die Pandemie besonders hart

- © Illustration: stock.adobe.com/Dmytro Shevchenko
© Illustration: stock.adobe.com/Dmytro Shevchenko

Die Corona-Krise scheint diese Tendenz aber, wenngleich die einschlägigen Zahlen über diese Krise erst nach und nach bekannt werden, noch verstärkt zu haben. Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung, der Bildung, der Wohnsituation und den Beschäftigungsverhältnissen bewirken, dass die Konsequenzen der Pandemie für US-Bürger sehr unterschiedlich ausfallen. Gerade die "essential workers", auf die wir alle während der Pandemie so dringend angewiesen sind - und die nicht nur US-Politiker regelmäßig mit Lob überhäufen -, werden von der Pandemie besonders hart getroffen.

Ohne den täglichen Einsatz der Arbeiterinnen und Arbeiter in Supermärkten, Lkw, Pflegeheimen, Lagerhäusern etc. würde das System unter der Last des Virus zusammenbrechen. Geholfen hat das diesen Arbeiterinnen und Arbeitern aber nur bedingt: Sie werden von den Folgen unverschuldeter Arbeitslosigkeit, den Lücken in der US-Gesundheitsversorgung und dem wirtschaftlichen Abschwung der USA mit voller Wucht getroffen.

Vor diesem Hintergrund gewinnen die Arbeiten des US-Philosophen und Harvard-Professors Michael J. Sandel neue Relevanz. Er ist nicht gerade der typische Professor, vielmehr ist er ein Rockstar der Philosophie, denn er füllt mit seinen Vorträgen nicht nur Vorlesungssäle - er füllt ganze Fußballstadien. Oder zumindest tat er das noch bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie. Und er beschreibt - zuletzt in seinem 2020 erschienenen Buch "Die Tyrannei der Leistung - was mit dem Gemeinwohl geschah" - das Bild eines anderen Amerika: In den Universitäten Princeton oder Yale etwa stammen mehr Studenten aus Familien der oberen 1 Prozent der USA (gemessen am Familieneinkommen) als aus Familien der unteren 60 Prozent der USA. Und das nicht, weil es einzelnen Menschen gelingt, ihre Kinder tatsächlich durch Korruption und Bestechung in die besten Bildungseinrichtungen des Landes zu befördern.

Ungleichheiten des Systems bleiben bestehen

Ja, diese Fälle gibt es. Aber Professor Sandel geht es um die Ungleichheiten des Systems, die auch dann bestehen bleiben, wenn alle Regeln eingehalten werden. Denn Kinder aus wohlhabenden Familien haben nun einmal einen eindeutigen Vorsprung: Sie führen interessantere Familiengespräche, erhalten Privatunterricht, gehen in exzellente Schulen und Kindergärten, reisen ins Ausland und, und, und. All das sind unschätzbare Vorteile, wenn es später darum geht, einen begehrten Studienplatz an einer Eliteuniversität zu erlangen.

Wer im Leben Erfolg hat, neigt laut Sandel nur allzu gerne dazu zu glauben, dass er/sie all das Erreichte allein der eigenen harten Arbeit zu verdanken hat. Und natürlich hat Erfolg oft auch mit harter Arbeit zu tun. Aber könnte man nicht den eigenen Erfolg einmal auch etwas anders betrachten? Denn vielleicht war ja doch nicht nur die eigene Leistung, sondern auch das Glück, bei der Geburt das richtige Los gezogen zu haben, ein kleines bisschen dafür verantwortlich? Könnte es neben einer Leistungsethik nicht auch Platz für eine Bescheidenheitsethik geben?

Wenn man die Welt knallhart in Gewinner und Verlierer unterteilt und die Verlierer genauso wie die Gewinner ausschließlich selbst für ihr Schicksal verantwortlich macht, dann führt das unausweichlich zu Wut und Frustration. Denn wohlhabende Eltern bedienen sich in den USA gegenüber ihren Kinder genauso wie schlechter verdienende Eltern einer Aufstiegsrhetorik: "Wenn du dir nur genug Mühe gibst, dann wirst du deine Ziele auch erreichen." Aufgrund der Logik des Systems sind die Erfolgsaussichten der einen Gruppe aber unvergleichlich besser als die der anderen.

US-Präsident Donald Trump hat bei einer Rede in Nevada einmal gesagt: "I love the poorly educated." ("Ich liebe die schlechter Gebildeten.") Und er hat es verstanden, dieses Wählersegment anzusprechen. Die Frustration dieser Wähler ist aber nicht erfunden oder herbeigeredet, sie hat einen ganz realen Hintergrund: Arbeitende Menschen in den USA, die nur einen Pflichtschulabschluss haben, verdienen heute - in Reallöhnen gemessen - weniger als im Jahr 1979!

Sandel warnt vor diesem Hintergrund vor der "Hybris der Erfolgreichen" und orientiert sich lieber an Martin Luther King Jr. als an Trump: "Jeder Arbeit wohnt eine innere Würde inne. Denn würden die Mitarbeiter der Müllabfuhr nicht Tag für Tag ihre Arbeit tun, dann könnte in letzter Konsequenz auch der Arzt seine Arbeit nicht tun", so Martin Luther King Jr. bei einer Rede in Memphis 1968, zwei Wochen vor seiner Ermordung.

Die Corona-Pandemie erinnert uns an diese Worte, und die Ausführungen von Professor Sandel erhalten dadurch neue Aktualität: "To eat a little humble pie" ("etwas leiserzutreten") würde uns allen manchmal guttun. Mit oder ohne Corona.