Alljährlich am Abend des 12. Jänner lodern gewaltige Lagerfeuer vor dem Parlament in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Sie erinnern an den frostigen Jänner 1991, als hunderttausende Menschen hier und auf dem Fernsehturmhügel zusammenkamen, sich den anrückenden sowjetischen Panzern entgegenstellten und bereit waren, mit bloßen Händen die knapp ein Jahr zuvor wiedererlangte Unabhängigkeit Litauens zu verteidigen.

Donatas Kuslys ist Botschafter der Republik Litauen in Österreich. - © Litauische Botschaft
Donatas Kuslys ist Botschafter der Republik Litauen in Österreich. - © Litauische Botschaft

Am 11. März 2020 jährte sich zum 30. Mal der Tag, als mein Land nach einem halben Jahrhundert der Okkupation seine Rückkehr zur Freiheit und Staatlichkeit verkündet hatte. In ihrer Agonie versuchte die Sowjetunion damals vergebens, mit einer Wirtschaftsblockade Litauen zu brechen. Dann probierte der Aggressor einen bewaffneten Umsturz. Am 11. Jänner rückten Panzerfahrzeuge aus, alsbald wimmelte die Rundfunkanstalt von bewaffneten sowjetischen Soldaten, Übertragungen wurden abgebrochen.

Jedes Jahr am 12. Jänner brennen in der Hauptstadt Vilnius Gedenkfeuer (so wie hier im Jahr 2010 am Unabhängigkeitsplatz). - © afp/Petras Malukas
Jedes Jahr am 12. Jänner brennen in der Hauptstadt Vilnius Gedenkfeuer (so wie hier im Jahr 2010 am Unabhängigkeitsplatz). - © afp/Petras Malukas

In jener schicksalhaften Nacht des 13. Jänner 1991 wurde der Fernsehturm gestürmt. Die Verteidiger versuchten mit aller Kraft, den Zutritt zu blockieren. Die Panzer rollten direkt auf die unbewaffneten Menschen zu, das Feuer wurde eröffnet. In dieser Nacht fielen 14 Verteidiger der Freiheit, mehr als 700 wurden verletzt. Die Umstürzler vermochten aber nicht das Parlament zu besetzen, aus dem sich weder die Abgeordneten noch die freiwilligen Verteidiger zurückzogen.

Urteile nach drei Jahrzehnten

Die Nachricht über die blutigen Ereignisse ging um die Welt. Große Protestkundgebungen fanden in Riga, Kiew, Warschau und selbst in Russland statt. Im selben Jahr begannen die westlichen Staaten, allen voran Island, ihre Unterstützung und Anerkennung der Unabhängigkeit Litauens zu erklären.

Nach einem fast drei Jahrzehnte dauernden Verfahren zu den Ereignissen vom 13. Jänner 1991 wurden 67 Staatsbürger Russlands, Weißrusslands und der Ukraine wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen zu Freiheitsstrafen von 4 bis 14 Jahren verurteilt. Die Urteile gegen die meisten Angeklagten ergingen in Abwesenheit, weil Russland und Weißrussland ihre Auslieferung verweigerten.

Sodann gab die russische Ermittlungsbehörde im vergangenen Dezember bekannt, dass sie Anklage gegen drei litauische Richter wegen angeblich rechtswidriger Verurteilung russischer Staatsbürger erhoben habe. Obwohl Litauen seine Unabhängigkeit am 11. März 1990 erklärt hatte, waren die russischen Beamten der Meinung, dass das Land im Jänner 1991 immer noch der UdSSR angehört habe, die Verurteilten nur ihre Pflicht getan und die öffentliche Ordnung gesichert hätten. Umgehend kündigte Litauen an, bei Interpol die Zurückweisung des russischen Ersuchens auf Verfolgung der Richter zu beantragen.

Zum Jahrestag des 13. Jänner 1991 blickt mein Land gegenwärtig auf das benachbarte Weißrussland und wünscht den dortigen Kämpfern für Freiheit und Gerechtigkeit Siegeszuversicht. Unser Volk weiß den Wert dieses Kampfes zu schätzen. Aus diesem Grund hat das litauische Parlament den jährlichen Freiheitspreis heuer der demokratischen Opposition in Belarus verliehen.