Der Kanzler persönlich hatte es so gewollt: Als er Mitte Juni verkündete, dass "die gesundheitlichen Folgen der Krise überstanden" seien, berief er sich auf eine Kurzstudie der Economist Intelligence Unit (EIU), die das Pandemiemanagement im Frühjahr in Österreich nach Neuseeland als zweitbestes weltweit bewertete, noch vor "sehr guten" Ländern wie Dänemark, Island, Norwegen, Australien und Israel. Der Wettlauf um den Weltmeistertitel im Corona-Krisenmanagement war eröffnet - mit 81 Prozent Zustimmung.

Bernd Marin ist Direktor des Europäischen Bureau für Politikberatung und Sozialforschung (www.europeanbureau.net). Im Jänner erscheint sein neues Buch "Und nach dem Corona-Camp?" (Falter-Verlag, 150 Seiten, 9,90 Euro). - © privat
Bernd Marin ist Direktor des Europäischen Bureau für Politikberatung und Sozialforschung (www.europeanbureau.net). Im Jänner erscheint sein neues Buch "Und nach dem Corona-Camp?" (Falter-Verlag, 150 Seiten, 9,90 Euro). - © privat

Man hatte anfangs Glück, das aber als Geschick des Tüchtigen missverstanden wurde. Schon damals wiesen uns zeitgleiche Daten des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten der EU nur in der unteren Hälfte Europas aus, auf Platz 17 bei Infektionen und Rang 19 bei Todesfällen unter 31 EU- und Efta-Ländern. Für das wirtschaftliche Krisenmanagement gab es Rang 13 bis 15 von 27 seitens der EU-Kommission. Eine OWID/Oxford-Studie sah Österreich im Frühjahr auf Platz 23 von 38 untersuchten Ländern. In einer dritten Analyse bis Jahresende und im Ausblick bis 2022 fiel Österreich auf Platz 21 von 22 OECD-Ländern zurück.

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Im Bloomberg-Covid-Resilienz-Ranking vom 21. Dezember, das Daten über Infektionen, Todesfälle, Anteil positiver Testergebnisse, Zugang zur Impfung, Lockdowns und andere Beschränkungen mit wirtschaftlicher Entwicklung kombiniert, ist Österreich zwar nicht mehr "worst case worldwide" wie zeitweilig im November, aber an 41. Stelle unter 53 Mitbewerbern - ein tiefer Fall vom Musterschülerstatus im EIU-Ranking im Frühsommer.

Vom "österreichischen Wunder" zum "Ösi-Desaster"

Nun sollte man derartige Index-Reihungen wie etwa "Wien als lebenswerteste Stadt der Welt" weder als Meinungsforschungsbefund zu wörtlich noch als politisch-mediale Realität zu leicht nehmen: Sie bestimmen, je nach professionellem Prestige der Emittenten, das Bild, das sich die Welt von uns macht, for better or worse. Der Fall vom "österreichischen Wunder" in Frühjahr zum "Ösi-Desaster" ab Herbst kostete den Kanzler die halbe Popularität auf 40 Prozent Zustimmung.

Uns alle könnte es, ohne neue Wende aus dem Corona-Chaos, weitere tausende Leben kosten. Dass wir "bis November eh gut lagen", wie der Vizekanzler moniert, ist eher skurril - da verwechselt der Sportminister Zwischenzeiten mit Laufzeit. Denn Österreich hatte im November und Dezember jeweils bis zu mehr als doppelt so viele Corona-Tote als die gesamte Zeit von Februar bis November zusammengezählt. Es zählen aber nicht bloß der erste Vorlauf im Frühjahr oder Zwischenstopps, sondern nur das verheerende Endergebnis.

Letzte Chance Impfmanagement

Dagegen gibt es jetzt nur noch eine einzige Chance: erfolgreiches Impfen. Wie rasch und gut - oder nicht - diese Immunisierung gelingt, wird das historische Urteil zum Pandemiemanagement entscheiden. Denn jede Geschichte wird letztlich immer vom Ende her erzählt, so wie sie ausgegangen ist. Wie jede nationale Seuchenbekämpfung hat Österreich mit seinen Vorteilen wie auch Erblasten zu rechnen. Deren jeweiliger Mix legt fest, ob künftige Generationen eher ein Mirakel, Fiasko oder unteres Mittelmaß erinnern dürfen. Erste Erfahrungen mit Impfpraxis und -strategie lassen Schlimmes befürchten.

Koryphäen wie Robert Zangerle fürchten aus jahrzehntelanger Erfahrung, dass "aus der Schweinegrippe nichts gelernt" wurde und "das Konzept der irregeleiteten Dezentralisation (...) schiefgehen wird", "Hausärzte überfordert sind", vor allem, dass die laut "Empfehlungen des Nationalen Impfgremiums zur Priorisierung" vom 26. Dezember genau 994.456 höchst verletzlichen "Personen der 1. und 2. Priorität" (inklusive 142.864-köpfiges Gesundheitspersonal) bis April nicht geimpft werden könnten. Dann kommen weitere 842.035 Menschen über 65 Jahre, also insgesamt 1,8 Millionen hochgefährdete Impfkandidaten. Gleichzeitig wurden bis Ende März Impfstoffe für nur 440.360 Personen erwartet, um 2,8 Millionen Dosen weniger als geplant. "Wir begeben uns in eine für uns neue Welt der krassen Rationierung, in einem Land, wo ‚Der dritte Mann‘ spielte, können wir uns darunter leider viel vorstellen."

Programmiertes Korruptionsfiasko?

Der renommierte klinische Epidemiologe spricht auch "allerlei Gerüchte über Vordrängeln (...) selbst von Angehörigen der obersten Gremien (!)" an sowie dass Sportverbände ganz offiziell beim Ministerium ersucht hätten, "für Spitzensportler Sonderimpfkontingente zur Verfügung zu stellen". Und er fragt: "Wozu gibt es eine Priorisierung, wenn es nur darum geht, wer wen kennt und wer sich wo rein reklamiert?" Driften wir in eine dunkle Parallelwelt rechtzeitig schützender Luxus- und Sonderimpfungen für VIPs ab, während normalsterbliche Risikogruppen Hochbetagter und Vorerkrankter weiter dem Risiko abnormaler Übersterblichkeit überantwortet bleiben?

Zur sozialen Seuche struktureller Korruption passen Zeitungsmeldungen, der Impfkoordinator des Bundes habe dem ORF-General bereits ab Februar 15.000 Pfizer-Impfdosen zugesichert. Das sei den 3.000 Mitarbeitern schriftlich versichert und sogleich auf 12.000 Angehörige und alle ORF-Zulieferfirmen ausgeweitet worden - eine mittlere Stadt. Weitere Unternehmen kritischer Infrastruktur wie Telekom und andere übliche Verdächtige wurden vom Impfzaren kontaktiert. Man kann sich die Weiterungen und Opfer dieser Impfsümpfe und sauren Wiesen lebhaft ausmalen, solange niemand ein rigoroses Impfmonitoring etabliert und gegen das Nationale Impfgremium agierende Impfgewaltige abberuft.

Nadelöhr Zusatzbeschaffung: Was wiegt ein Orden für den heimischen Biontech-Gründer Christoph Huber gegen Extrageld oder die Freundschaft des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu mit dem Pfizer-CEO Albert Bourla? Wochenlang wusste niemand die Zahl der Dosen oder Impfungen. Derselbe Impfkoordinator, der ein einziges Vakzinfläschchen im Heereshelikopter zum Fototermin ins Ländle fliegen lassen wollte, konnte auf Ö1 "aus Aktualitätsgründen" nicht sagen, wie viele Dosen bereits verimpft wurden. Während daher Kanzler Sebastian Kurz von 3.654 von Wien bestellten Dosen wusste, hatte Gesundheitsstadtrat Peter Hacker bereits 6.285 erhalten und verimpft.

Gesundheitspolitische Schlammschlachten?

Selbst nach der jüngsten Steigerung von 6.770 auf 30.150 Impfungen bis 10. Jänner bleibt Österreich weit zurück hinter 113.217 im halb so großen Dänemark, 532.476 in Deutschland, 639.816 in Italien, 1,06 Millionen in den gleich großen Emiraten und 1,92 Millionen in Israel, wo bereits 21 Prozent der Bevölkerung, bis zu 153.400 Personen am Tag und mehr als 70 Prozent der über 60-Jährigen auf persönliche Einladung hin geimpft wurden. Öster-reich hat zumindest auf Entwicklungsländerniveau aufgeholt.

Das Impffiasko eignete sich gut für politisches Anpatzen und Intrigen. Erst jenseitige, surreale Ö1- und "ZiB2"-Auftritte zweier zuständiger Spitzenbeamter. Selten sah man so ahnungslose und dreiste, beunruhigend überforderte Beschwichtiger. Dann das vom Boulevard vorbuchstabierte Drehbuch "Kanzler spricht Impfmachtwort" und "entmachtet Gesundheitsminister", "Impfagenden ab sofort Chefsache", "Impfmanagement übernommen". Wer sorgt dafür, dass bürokratische Inkompetenz und "innere Dämonen" am Schluss beim Impfen nicht alles noch Erreichbare endgültig vermasseln? Ist Mismanagement, schlitzohriges Schwindeln und Schlawinern der Hofschranzen und Schummeln der Privilegiertesten immer made in Austria?