"Mit jedem Griff ins Regal entscheidet ihr mit, welche Form der Landwirtschaft ihr unterstützt." Sager wie dieser von Ministerin Elisabeth Köstinger klingen gut, entsprechen aber nicht der Wahrheit. Solange wir beim Essen nicht wissen, wo es wirklich herkommt, unterstützen wir zwar mit Gewissheit den Profit der Konzerne, aber nicht sicher die heimische Landwirtschaft. Es braucht eine Lebensmittelkennzeichnung, wenn Konsumenten unterstützen können sollen.

Bisher können wir beim Griff ins Kühlregal nur hoffen, dass das, was draufsteht, auch wirklich drinsteckt. Es gibt einen einzigen Fleischerzeuger im Land, der für die Angaben auf der Packung, für die heimische Herkunft des Fleisches, mit einer eidesstattlichen Erklärung haftet. Bei allen anderen muss man sich mit der Hoffnung begnügen. In Gastronomie und Großküchen steht nicht einmal drauf, woher es angeblich kommt. Diese maximale Intransparenz hat System.

Die Technologie für mehr Transparenz ist vorhanden

Sebastian Bohrn Mena ist Ökonom und Autor des Buches "Besser Essen - Wie wir über unseren Teller die Welt gestalten". Er ist Initiator des Tierschutzvolksbegehrens, das von 18. bis 25. Jänner in Österreich stattfindet (www.tierschutzvolksbegehren.at). - © Sascha Osaka, sascha@osaka.at / Sascha Osaka
Sebastian Bohrn Mena ist Ökonom und Autor des Buches "Besser Essen - Wie wir über unseren Teller die Welt gestalten". Er ist Initiator des Tierschutzvolksbegehrens, das von 18. bis 25. Jänner in Österreich stattfindet (www.tierschutzvolksbegehren.at). - © Sascha Osaka, sascha@osaka.at / Sascha Osaka

In der Schweiz gilt seit 1995 eine Deklarationspflicht, es muss also draufstehen, woher das Fleisch stammt. Und zwar im Handel genauso wie in der Gastronomie und in der Gemeinschaftsverpflegung. Die Schweizer gehen aber noch einen Schritt weiter: Sie setzen auf eine neuartige Technologie, die absolute Rückverfolgbarkeit garantiert. Auf DNA-Basis kann dadurch das Schnitzel auf dem Teller bis zum konkreten Schwein zurückverfolgt werden.

Ein einziger Fleischerzeuger in Österreich haftet von sich aus für die Herkunft. - © Bohrn Mena
Ein einziger Fleischerzeuger in Österreich haftet von sich aus für die Herkunft. - © Bohrn Mena

Das geht auch bei verarbeiteten Produkten, dem Schwachpunkt des Handels. Wo immer tierische Produkte verarbeitet werden - Käfigeier aus der Ukraine, Putenfleisch aus Polen oder Milch aus dem Osten Deutschlands -, erfährt der Kunde nichts davon. Und so kommt es, dass die vermeintlich "regionalen" Produkte in Wahrheit trotzdem die Tierqual enthalten, die der Kunde nicht mehr unterstützen möchte. Dagegen hilft nur echte, rückverfolgbare Transparenz.

Noch schlimmer ist es in der Gastronomie. Dort findet sich so gut wie kein heimisches Hühnerfleisch, kaum heimische Pute oder Kalb, immer weniger heimisches Schweinefleisch. Von den Eiern wollen wir gar nicht reden, die flüssig oder als Pulver in Eimern aus aller Welt in den Kaiserschmarrn kommen. Es ist gut, wenn Wirte freiwillig auf mehr Transparenz setzen. Aber das reicht nicht. Der Betrug am Konsumenten darf nicht länger als Standard toleriert werden.

Im Jahr 2021 kann niemand mehr sagen, es wäre nicht möglich, für mehr Transparenz zu sorgen. Auf jedem Shirt muss das Land der Erzeugung angegeben werden - wieso nicht auch bei Fleisch, Käse und Milch? Warum lassen wir zu, dass ein paar Funktionäre in der Wirtschaftskammer oder Industriellenvereinigung darüber entscheiden, ob wir erfahren, was uns aufgetischt wird? Wann und wo leben wir denn bitte? Zählt denn das Wohl der Landwirte nicht? Zählt das Wohl der Tiere und Natur nicht? Ein Fall von brutaler Misshandlung von Schweinen im Innviertel unterstreicht diese Notwendigkeit. Da hatte ein oberösterreichischer Schlachtbetrieb, der auf seiner Homepage sogar noch mit "Regionalität" und "Tierwohl" wirbt, einen aus Deutschland kommenden Transporter mehr als 13 Stunden lang vor seinen Toren warten lassen. Die Schweine schrien vor Durst, sie waren unversorgt auf engstem Raum zusammengepfercht.

Solche Missstände werden wir erst beenden, wenn wir die wahre Herkunft des Essens verbindlich deklarieren. Das werden wir nicht durch konstruktive Vorschläge erreichen. Das werden wir mit der ganzen Macht der Bürgerinnen und Bürger durchsetzen müssen. Deswegen gibt es das Tierschutzvolksbegehren. Weil wir es satthaben, dass manche glauben, sie könnten ungestraft Tierleid, Naturzerstörung und Bauernsterben vorsetzen, nur weil das den Profit steigert.

Ein echter Schulterschluss auf Augenhöhre

Es ist schön, wenn die Landwirtschaftsministerin einen "Pakt für Tierwohl" vorlegt. Doch sie macht die Rechnung ohne den Wirt, in diesem Fall ohne die Bevölkerung. Solange wir Konsumenten nicht eingebunden sind in die Weiterentwicklung der heimischen Landwirtschaft, werden wir keine systemische Veränderung herbeiführen können. Wir brauchen einen Schulterschluss zwischen Konsumenten und Produzenten auf Augenhöhe. Ansonsten verlieren wir unsere kleinbäuerliche Landwirtschaft. Dann müssen die Tiere weiter leiden, wird die Natur weiter zerstört, das Klima weiter geschädigt.

All das wäre vermeidbar. Es ist höchste Zeit, dass gewohnte Muster überwunden werden und die Zusammenarbeit in den Vordergrund rückt. In diesem Sinne: Mut zur Transparenz, die Wahrheit über die Herkunft ihrer Lebensmittel ist den Menschen nicht nur zumutbar, sondern uns allen auch zuträglich.