Hat eine Gruppe von Menschen ein gemeinsames Ziel, muss die zu dessen Erreichung nötige Arbeit geordnet werden. Es ist also unerlässlich, eine Führung zu begründen. Dies kann etwa durch Wahl oder Los geschehen. Dabei kann auch bestimmt werden, wie viel mehr Gewicht die Stimme des Anführers hat. Sobald aber einem die Leitung zugesprochen wird, hat die Gruppe nicht mehr das Gefühl der Gleichheit. Von da an sind alle Gedanken, alle Vorstellungen durch ein neues Gefühl, eine andere Emotion, gesteuert.

Walther Menhardt ist Schriftsteller und Physiker, er war unter anderem am Max Planck Institut in München tätig. - © privat
Walther Menhardt ist Schriftsteller und Physiker, er war unter anderem am Max Planck Institut in München tätig. - © privat

Man muss sich bewusst sein, dass alle menschlichen Tätigkeiten nur durch Emotionen zustande kommen. Es gibt wohl in jedem Menschen die Gefühlslage des Anführers und jene des Geführten. Besteige ich mit einer Gruppe einen Berg, geht einer voran, vielleicht, weil er den Weg schon kennt. Ich, in seinem Gefolge, schaue mir den Himmel und die Blumen an und fühle mich gut aufgehoben. Geht es aber dem Anführer nicht gut und werde ich gebeten, vorauszugehen, stellt sich bei mir eine andere innere Struktur ein: Ich achte auf die Einzelheiten des Weges und fühle Verantwortung für alle anderen.

Führungsfiguren werden auf einen Sockel gehoben - und gestürzt, wenn sie dann unliebsame Entscheidungen treffen. - © Getty / VectorInspiration
Führungsfiguren werden auf einen Sockel gehoben - und gestürzt, wenn sie dann unliebsame Entscheidungen treffen. - © Getty / VectorInspiration

Gegenüber einem Anführer, einem führenden Politiker, gibt es auch unterschiedliche Emotionskomplexe. Unmittelbar nach der Wahl ist die Beurteilung - sofern man ihn gewählt hat - positiv. Hier wirken das Vaterbild und die Entlastung von Verantwortung. Alles Positive, das in dieser Situation geschieht, wird ihm gutgeschrieben. Diese Zuschreibung erfolgt instinktiv. Dieser Instinktmechanismus ist nur in mühsamer Arbeit einzubremsen. Eine Relativierung ist aber sehr wichtig, sonst entsteht eine galoppierende Verehrung der Führung. Eine positive Einstellung zu führenden Politikern kann aber auch durch geringe Anlässe wie Glas zerbrechen. Auch eine negative Einstellung kann galoppieren.

Alles Negative wird der Obrigkeit zugeschrieben

Denken wir an die ersten Verunsicherungen in der Pandemie. Über die Eigenschaften des Virus und die Möglichkeiten der Bekämpfung war noch wenig bekannt. Im Parlament aber rief ein Politiker mit sich fast überschlagender Stimme etwa: "Diese Regierung muss endlich deutlich sagen, wie es weitergeht!" Das erinnerte an Nikita Chruschtschows Schuh bei der UNO-Vollversammlung 1960. Auch wenn die Warnung vor den Gefahren von Corona als Angstmache bezeichnet wird, sind solche Aussagen von ungebremsten negativen Emotionen getrieben. Alles Negative, alles, was nicht funktioniert, wird nun der Obrigkeit zugeschrieben. Ein Gesetz, das helfen soll, die Pandemie einzuschränken, wird als Machtanmaßung und Freiheitsberaubung durch Politiker angesehen.

Am Anfang der Pandemie war die Entscheidung zu treffen, ob wir Corona freien Lauf lassen oder uns dagegen wehren. Im einen Fall würden viele sterben, im anderen drohte der Wirtschaft unbekannter Schaden. Die Entscheidung musste schnell und zu einem Zeitpunkt getroffen werden, zu dem man wenig über Corona wusste. Wir haben uns zum Kampf gegen das Virus entschlossen. Ob das gut war, werden wir erst später einmal beurteilen können. Corona bewusst freie Hand zu lassen, hätte sich Österreich aber kaum leisten können - wir wären für die umliegenden Länder ein Paria gewesen, mit noch viel größerem wirtschaftlichen Schaden als jetzt zu erwarten.

Sollten wir nicht bewundern, was in diesen kurzen Monaten in Österreich und anderen Ländern möglich war? Wer war nicht überrascht über die nachbarliche Hilfeleistung, die Fremden angeboten wurde? Wer hätte gedacht, dass in wenigen Wochen die Durchtestung eines ganzen Landes organisatorisch und medizintechnisch möglich ist? Selbstverständlich werden Fehler gemacht. Aber wer aus dem betroffenen und zuschauenden Volk traut sich zu sagen, er könnte es besser? Natürlich kann man auf Fehler hinweisen, wenn man genügend unterrichtet ist, aber nicht mit Hass und Geringschätzung.

Definiert die Regierung ein Budget für Öffentlichkeitsarbeit, wird hohle Machtpolitik attestiert, zugleich aber Mangel an Information beklagt. Trifft ein Minister mit einem Marathonlauf an Arbeit und einem nicht an politischer Macht interessierten Beraterstab eine Fehlentscheidung, wird ein Glaubwürdigkeitsverlust proklamiert. Seien wir uns doch unserer menschlichen Natur bewusst: Wir sind von Emotionen gesteuert. Ohne Emotionen wären wir leblos. Aber wir haben etwas Vernunft - und von der sollten wir auch beschwichtigend Gebrauch machen.