Die Corona-Pandemie macht einmal mehr globale Ungleichheiten deutlich. Laut einer Oxfam-Studie haben mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung bisher keine öffentlichen Gelder zur Bewältigung der Pandemie erhalten. Und die Situation im globalen Süden verschärft sich weiter. In Teilen Afrikas steigen die Infektionszahlen um mehr als 25 Prozent, die Covid-19-Todesrate liegt bereits über dem globalen Durchschnitt, die vergleichsweise geringen Versorgungs- und Beatmungskapazitäten sind am Limit.

Jan Grumiller ist Researcher bei der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE).  - © ÖFSE
Jan Grumiller ist Researcher bei der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE).  - © ÖFSE

Die Verteilung von Impfstoffen unterstreicht die globale Schieflage: Gesunde, jüngere Menschen im globalen Norden werden wohl vor Risikogruppen im globalen Süden geimpft. Während laut WHO 49 reiche Länder bis Mitte Jänner rund 39 Millionen Impfdosen erhalten haben, bekam ein Land mit niedrigem Einkommen bis dato insgesamt 25! Die Afrikanische Union warnt, in Afrika könne bis Juni vermutlich nur direkt betroffenes medizinische Personal geimpft werden. Die globale Durchimpfung dürfte also frühestens 2022/23 erfolgen. WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus spricht von "katastrophalem moralischen Versagen".

Jonas Paintner ist Assistent der Leitung der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE). - © ÖFSE
Jonas Paintner ist Assistent der Leitung der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE). - © ÖFSE

Dabei könnte laut einer aktuellen Studie eine gerechtere globale Verteilung der Impfstoffe die globalen Todeszahlen halbieren. Die WHO fordert daher Länder, die bereits Hochrisikogruppen und Gesundheitspersonal geimpft haben, auf, zusätzliche Impfstoffkontingente an ihre Covax-Initiative abzutreten, die auf einen gerechten und von der Kaufkraft unabhängigen Zugang zu Impfungen abzielt. Zwar sind 190 Länder beigetreten, allerdings schließen viele finanzkräftigere Regierungen gleichzeitig bilaterale Verträge mit Pharmaunternehmen. Nach dem Motto "first come, first serve" verkürzen sie so ihre Wartezeit, verzögern den Zugang von Covax und erhöhen die Preise. Die EU unterstützt die Initiative bisher mit 100 Millionen Euro und 400 Millionen Euro Kredit. Österreich will 2,4 Millionen Euro beisteuern - das ist wenig im Vergleich zu Dänemark (6,71 Millionen), Schweden (9,9 Millionen) oder Deutschland (675 Millionen).

Werner Raza ist Leiter der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE). - © ÖFSE
Werner Raza ist Leiter der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE). - © ÖFSE

Neben stärkerer internationaler Koordination und mehr Finanzmitteln für Covax müssen auch Schwellenländer mit Produktionskapazitäten diese endlich voll nutzen können, um den globalen Süden besser zu versorgen. Dazu braucht es Technologietransfer und rasche Lizenzierungsvereinbarungen mit Impfstoffproduzenten in der EU und den USA, wenn nötig unter Druck der Politik. Bisher scheiterte die von Indien, Südafrika und anderen geforderte Aufhebung der Patente für Sars-CoV-2-Vakzine durch die Welthandelsorganisation (WTO) am Widerstand reicher Länder.

Der Faktor Zeit spielt dabei eine entscheidende Rolle. Schließlich ist auch die Logistik schwierig (etwa die teils nötige Lagerung bei minus 70 Grad). Je länger die Pandemie im Süden dauert, desto wahrscheinlicher werden neue Mutationen, vor denen womöglich auch Impfungen nicht schützen. Wenn schon globale Solidaritätsappelle nicht fruchten, sollte die simple Tatsache, dass auch die Sicherheit und die wirtschaftliche Entwicklung im globalen Norden entscheidend vom raschen Schutz der Menschen im Süden abhängen, zum Handeln motivieren.