Als gelernter Historiker habe ich mich auf meinen Posten in Österreich gerne anhand der Geschichte vorbereitet. Aber manche Dinge lassen sich vielleicht besser in den Bergen als in der Bibliothek erkennen. Deutschland gilt unter Experten als "verspätete Nation", die erst nach der Trennung von Österreich 1867 einen (kleindeutschen) Verbund gründete. Fügt man Nationalsozialismus, Schoah und zwei Weltkriege hinzu, hat man genug Erklärungen, warum die Deutschen sich mit ihrer Nation so schwertun - anders etwa als Briten und Franzosen.

Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien
Ralf Beste ist seit September 2019 deutscher Botschafter in Österreich. Davor war der studierte Historiker als Journalist tätig, unter anderem für die "Berliner Zeitung" und den "Spiegel". - © Deutsche Botschaft Wien

Dass Österreichs Startschwierigkeiten auch nicht klein waren, ist wohl kein Geheimnis. Erst 1919 gründete man nach dem Zusammenbruch der Vielvölkermonarchie einen Nationalstaat. Dass es vor allem am rechten Ende des politischen Spektrums lange Hader mit der Nation gab, macht Österreich noch einmal besonders. Umso überraschter war ich dann vor Ort über den hiesigen Umgang mit dem Nationalsymbol Nummer eins: Beim Wandern in Österreich werden meine Blicke magisch von den rot-weiß-roten Markierungen am Wegesrand angezogen. Mal prangt die Nationalfahne auf einem Meilenstein, mal wurde sie einfach auf den Felsen gepinselt. Und nicht nur dort leuchten die Landesfarben, auch die Ski-Asse posieren damit, und nicht einmal die Lebensmittelreklame kommt ohne Fahne aus. Rot-Weiß-Rot allerorten - auch wenn wir Bahnschranken, Flatterband und Einbahnstraßenschilder nicht dazuzählen, verstehen Sie hoffentlich meinen Gesamteindruck.

In Deutschland wäre nicht nur ein schwarz-rot-goldener Wanderpfad schwer vorstellbar. Nicht einmal unsere Medaillengaranten wie Ruderachter oder Viererbob sind immer an den Farben zu erkennen. Wir hadern stärker mit dem Nationalstolz, vor allem aber mit der Fahne. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 schien das vorbei. Doch heute schwelt wieder ein Deutungskampf darum, ob Schwarz-Rot-Gold die Farben guter republikanischer Tradition oder übler nationalistischer Exzesse sind.

Eine gute Antwort auf die Frage nach den Unterschieden habe ich in Wahrheit nicht. Vielleicht haben die Österreicher mehr Gefühl und Aufmerksamkeit in die Bildung ihres Nationalbewusstseins investiert. Die Deutschen neigen dagegen anscheinend mehr zum Grübeln als zum Jubeln. Die jahrzehntelange Teilung bis 1990 hat es uns gewiss nicht leichter gemacht; die "deutsche Frage" war eben sehr lange sehr offen.

Vielleicht sollten wir Deutsche uns gelegentlich zurücklehnen und die Schönheit nationaler Symbole auf uns wirken lassen. Fangen wir mit der Hymne an - die Musik stammt schließlich aus Österreich.