Ziel der europäischen Corona-Impfstrategie ist es, so viele wie möglich so rasch als möglich zu schützen. Wirksame, sichere und frei zugängliche Impfstoffe sind dabei unsere beste Chance. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, und es dauert uns allen zu lange. Täglich sterben Tausende in der EU, und viele würden sich lieber heute als morgen impfen lassen. Derweil wird hierzulande in homöopathischen Dosen weiter um Geduld gebeten, in Tagen, an denen unser Nervenkorsett schon dramatisch ausgedünnt ist. Schuldige an Liefer- und Produktionsengpässen sind schnell ausgemacht: die Bundesregierung, die EU - speziell die EU-Kommission - oder gewinnorientierte Pharmakonzerne, die sich nicht an Verträge halten. Allen wird Versagen vorgeworfen. Jeder scheint es jetzt besser zu wissen. Haben die EU und ihre Mitglieder also alles falsch gemacht? Sicher nicht. Haben sie deshalb alles richtig gemacht? Keineswegs.

Paul Schmidt ist Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik. - © privat
Paul Schmidt ist Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik. - © privat

Auch wenn es nicht schnell genug gehen kann - der Impfstoffentwicklungs-, Zulassungs- und Produktionsprozess wird gerade in zehn Monaten statt, wie in der Vergangenheit, in zehn Jahren umgesetzt, ohne dabei Qualitätsabstriche machen zu wollen. Da passieren allen Akteuren Fehler, und mangelnde Transparenz trägt ihr Übriges dazu bei. Trotzdem war es richtig und wichtig, dass die EU-Kommission, in Abstimmung mit den EU-Ländern, bisher mit sechs Impfstoffherstellern verhandelt hat und handelseinig geworden ist. Auch wenn Vorvereinbarungen und Zulassungsverfahren letztlich einige Wochen länger gedauert haben als etwa in den USA oder Großbritannien, darf das für die Einhaltung der vereinbarten Liefermengen keine Relevanz haben. Zudem wurde einer bedingten Marktzulassung gegenüber einer Notzulassung der Vorzug gegeben, um auf Nummer sicher zu gehen und vertrauensbildend gegen weit verbreitete Impfskepsis
zu wirken.
Für Produktionsengpässe kann man die EU letztlich nur bedingt verantwortlich machen, allerdings hätte sie früher damit beginnen können, den Ausbau der Produktionskapazitäten zu fördern.

Und wenn nun jeder Staat für sich bestellt? Dass Entscheidungsprozesse in einer EU mit 27 Mitgliedern aufwendiger sind als in einem Nationalstaat, liegt in der Natur der Sache. Andererseits schiebt die gemeinsame Vorgehensweise einem unfairen Impfwettlauf einen Riegel vor und ermöglicht den EU-Ländern gleichzeitigen Zugriff auf mehr als zwei Milliarden Dosen, die auf Pro-Kopf-Basis verteilt werden. Und Österreich? Wir wären alleine nicht besser durch diese Krisenphase gekommen, im Gegenteil. Jene EU-Länder mit größeren finanziellen Möglichkeiten hätten alle anderen in die Ecke verwiesen, Pharmafirmen die einen gegen die anderen ausgespielt. Ein veritabler Streit hätte schließlich nur noch mehr Zeit gekostet und Lieferprobleme ebenso wenig gelöst.

Ein Impfnationalismus wäre mehr als kontraproduktiv. Der gemeinsame Ansatz ist sinnvoll, und aus Fehlern kann und muss man lernen. Die Krise ist aber erst vorbei, wenn ein Großteil der Bevölkerung der EU-Staaten und darüber hinaus geimpft ist. Eine Zeit lang werden wir uns folglich noch anderweitig schützen und uns weiterhin - solidarisch - in Geduld üben müssen.